In einer programmatischen Rede vor Diplomaten hat Papst Leo XIV. vor einer weltweiten Rückkehr zur Logik der militärischen Stärke gewarnt. Der US-amerikanische Pontifex beklagte eine Erosion des Multilateralismus, zunehmende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und eine „kriegerische Stimmung“, die sich international ausbreite. Frieden dürfe nicht mit Waffen erzwungen werden, mahnte er, sondern müsse als eigenständiger Wert im Geist des Dialogs gesucht werden.
Warnung vor Machtpolitik und Relativierung des Völkerrechts
In seiner Rede vor den Diplomaten zeichnete der Papst das Bild einer internationalen Ordnung im Wandel. Diese gehe weg vom Dialog hin zur Logik militärischer Stärke. „Eine Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht, wird durch eine Diplomatie der Stärke, durch einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten ersetzt“, so der Papst wörtlich. Insgesamt erkenne er eine Tendenz, dass Krieg wieder in Mode komme und sich eine kriegerische Stimmung ausbreite. Gewalt zur Durchsetzung territorialer oder politischer Interessen sei damit wieder salonfähig geworden und untergrabe jene Grundprinzipien, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen worden seien, um Frieden zu sichern. Der Frieden, mahnte der Pontifex an, werde nicht mehr als „Geschenk“ oder „wünschenswertes Gut“ verstanden; stattdessen werde Frieden „durch Waffen gesucht als Voraussetzung für die Durchsetzung der eigenen Herrschaft“.
Besonders eindringlich mahnte Leo XIV. die uneingeschränkte Geltung des humanitären Völkerrechts an. Dieses sei keine freiwillige moralische Leitlinie, sondern eine verbindliche Verpflichtung der Staaten, die auch im Krieg nicht zur Disposition stehen dürfe. Angriffe auf Krankenhäuser, zivile Infrastruktur und lebenswichtige Einrichtungen sowie jede Einbindung der Zivilbevölkerung in militärische Handlungen verurteilte er als schwere Verstöße gegen internationales Recht. Militärische oder strategische Interessen dürften niemals als Rechtfertigung für solche Taten dienen.
Erneuter Appell zu einer „entwaffnenden Sprache“
Neben institutionellen Reformen mahnte Leo XIV. einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Sprache an. Worte würden heute zunehmend instrumentalisiert, bewusst verfälscht oder strategisch mehrdeutig eingesetzt. „Die Bedeutung der Worte wiederzuentdecken, ist möglicherweise eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit … Wir müssen dafür sorgen, dass Worte wieder unzweideutig klare und deutliche Wirklichkeiten ausdrücken“, warnte der Papst. Nur dann könne Vertrauen entstehen und Multilateralismus überhaupt funktionieren.
Mit Sorge sprach Leo XIV. auch von einem weltweiten „Kurzschluss“ im Verständnis der Menschenrechte. Besonders das Recht auf Leben werde relativiert, obwohl es die unverzichtbare Grundlage aller anderen Rechte bilde. Eine Gesellschaft könne sich nur dann gesund entwickeln, wenn sie die Würde und Heiligkeit des menschlichen Lebens schütze und aktiv fördere. Hier kritisierte der Papst insbesondere Tendenzen, klassische Grundrechte wie Meinungs-, Gewissens-, Religions- und Lebensrecht zugunsten sogenannter neuer Rechte einzuschränken. Dadurch verliere der Menschenrechtsrahmen seine innere Kraft und öffne Gewalt und Unterdrückung Tür und Tor.
Gerade im Namen der Meinungsfreiheit, so Leo XIV., werde diese paradoxerweise immer häufiger eingeschränkt. Im Westen entstehe eine neue, ideologisch aufgeladene Sprache, die den Anspruch erhebe, besonders inklusiv zu sein, tatsächlich aber Andersdenkende ausgrenze. Wahre Rede- und Meinungsfreiheit, so der Papst, gründe nicht in sprachlicher Beliebigkeit, sondern in Klarheit, Wahrhaftigkeit und der Verlässlichkeit von Begriffen.
Christenverfolgung und Religionsfreiheit
Auch äußerte sich der Pontifex mit deutlichen Worten besorgt über die Lage der Religionsfreiheit weltweit. „Wenn der Heilige Stuhl die uneingeschränkte Achtung der Religions- und Kultfreiheit für Christen fordert, dann tut er dies auch für alle anderen Religionsgemeinschaften“, betonte Leo.
Zugleich machte er jedoch deutlich, dass die Verfolgung von Christen weiterhin zu den gravierendsten Menschenrechtsproblemen der Gegenwart zähle. Millionen Gläubige seien betroffen, und die Situation habe sich zuletzt durch bewaffnete Konflikte, autoritäre politische Systeme und religiösen Extremismus weiter verschärft.
Der Pontifex verurteilte zudem Antisemitismus sowie religiös motivierte Gewalt, unter anderem in Bangladesch, in der Sahelzone und in Nigeria. Darüber hinaus lenkte er den Blick auf weniger offensichtliche Formen der Diskriminierung. Auch in Regionen, in denen Christen die Mehrheit stellen – etwa in Europa sowie in Nord- und Südamerika –, würden ihnen zunehmend Grenzen gesetzt. Aus politischen oder ideologischen Gründen werde ihnen dort mitunter erschwert, „die Wahrheit des Evangeliums zu verkünden, insbesondere wenn sie sich für die Würde der Schwächsten, der Ungeborenen oder der Flüchtlinge und Migranten einsetzen oder die Familie fördern“.
