StartWeltTötung auf Verlangen als Systemlösung? Kanadas gefährlicher Umgang mit MAiD

Tötung auf Verlangen als Systemlösung? Kanadas gefährlicher Umgang mit MAiD

Den eigenen Todestag festlegen, Einladungen versenden, Musik auswählen – was nach dystopischer Fiktion klingt, ist in Kanada durch die „medizinische Hilfe beim Sterben“ (MAiD) längst Realität. Was 2016 als eng begrenzte Ausnahme für Sterbende begann, hat sich unter dem Deckmantel der „Lösung“ für soziale und medizinische Mängel zu einer staatlich regulierten Praxis entwickelt. Jeder 20. Todesfall in Kanada geht auf „Tötung auf Verlangen“ zurück.

Tötung auf Verlangen: Vom Ausnahmefall zur etablierten Praxis

Seit der Legalisierung im Jahr 2016 verzeichnet Kanada einen stetigen und deutlichen Anstieg der sogenannten „medizinischen Hilfe beim Sterben“ (MAiD). Nach offiziellen Regierungsdaten gingen allein im Jahr 2024 rund fünf Prozent (16.499 Menschen) aller Todesfälle auf die Praxis Tötung auf Verlangen zurück. Wie ein Bericht des Wiener Bioethikinstituts IMABE das Ausmaß verdeutlicht, übersteigt die Zahl inzwischen jene der Todesfälle durch Alzheimer und Diabetes. Insgesamt kamen seit Einführung der Regelung vor neun Jahren rund 76.500 Menschen im Rahmen von MAiD ums Leben.

Ursprünglich war MAiD auf Menschen mit absehbarem Lebensende beschränkt („Track 1“). Mit der Gesetzesänderung Bill C-7 im Jahr 2021 wurde der Anwendungsbereich jedoch deutlich erweitert. Seither können auch Personen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen einen Antrag stellen, selbst wenn keine tödliche Prognose vorliegt („Track 2“). Weitere Ausweitungen sind bereits beschlossen oder in Vorbereitung: Ab 2027 sollen auch Menschen mit ausschließlich psychischen Erkrankungen Zugang zu MAiD erhalten. Parallel dazu mehren sich in Fachkreisen und einzelnen Provinzen Debatten über die Einbeziehung von Minderjährigen sowie schwerkranken Säuglingen.

Euthanasie als Lösung sozialer Probleme?

Begleitet wird der rasante Ausbau von MAiD von einer auffälligen gesellschaftlichen Normalisierung. In Kanada haben sich inzwischen professionell organisierte MAiD-Konferenzen etabliert, bei denen Vorträge, Musik, Networking und Werbegeschenke zum festen Programm gehören. Parallel entstehen kommerzielle Angebote, wie etwa Apps zur Planung von Sterbezeremonien. Der US-Autor und Bioethik-Kritiker Wesley Smith warnt, dass Tötung auf Verlangen zunehmend als Instrument der „Schadensminimierung“ interpretiert werde. Demnach sei MAiD nicht mehr nur ein „äußertes Mittel“, sondern eine „pragmatische Antwort auf soziale und gesundheitliche Notlagen“.

Diese Verschiebung spiegelt sich auch in der Meinung der Bevölkerung wider: Umfragen aus dem Jahr 2023 zeigen, dass mehr als ein Viertel der Kanadier Euthanasie aus Gründen der Armut oder Obdachlosigkeit für akzeptabel hält.

Internationale Kritik an dieser Entwicklung kommt unter anderem von den Vereinten Nationen. Der zuständige Ausschuss der UN-Behindertenrechtskonvention forderte im April 2025 die Rücknahme der Gesetzesreform C-7 sowie die Einrichtung eines unabhängigen Kontrollmechanismus. Die Ausweitung von MAiD, so die Begründung, beruhe auf problematischen Annahmen über den Wert von Leben mit Behinderungen und gefährde besonders vulnerable Gruppen.

Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, legen auch offizielle kanadische Daten nahe: Antragsteller im sogenannten Track 2 sind überproportional häufig arm, sozial isoliert, weiblich und von Behinderungen betroffen. Das Gesundheitssystem selbst räumt ein, dass nahezu die Hälfte der Track-2-Todesfälle mit Einsamkeit und sozialer Isolation einherging; viele Betroffene gaben an, sich als Belastung für andere zu empfinden. Aussagen aus geleakten privaten Foren von Ärzten und Pflegekräften bestätigen dieses Bild.

Wenn Pflege fehlt, wird der Tod genehmigt

Die Ausweitung von MAiD stütze sich auf „negative, ableistische Vorstellungen“ über den Wert von Leben mit Behinderungen, warnt der zuständige Ausschuss der UN-Behindertenrechtskonvention. Wie tief das Problem reicht, verdeutlichte Kanadas Inklusionsministerin Carla Qualtrough: In manchen Fällen sei es „leichter, eine medizinisch assistierte Tötung genehmigt zu bekommen als einen passenden Rollstuhl“.

Symbolisch hierfür steht der Fall des querschnittsgelähmten Normand Meunier: Der Mann wurde im Januar 2024 mit einer Atemwegsinfektion in ein Krankenhaus in Québec eingeliefert und verbrachte vier Tage auf einer Notaufnahmeliege – ohne geeignete Matratze, trotz wiederholter Bitten. Die daraus resultierenden schmerzhaften Druckwunden brachten ihn schließlich dazu, MAiD zu beantragen. Seine Entscheidung erläuterte er einen Tag vor seinem Tod gegenüber Radio-Canada: „Ich möchte keine Belastung sein“, berichtet The Atlantic.

Dokumentiert sind Patienten mit grundsätzlich behandelbaren Erkrankungen, die MAiD beantragten, weil Fachärzte fehlten oder Wartezeiten unzumutbar lang waren. In mindestens einem Fall war der Tod bereits terminiert, während notwendige medizinische Eingriffe weiterhin nicht zugänglich blieben.

Nicht nur vor diesem Hintergrund steht das System zunehmend in der Kritik. Auch juristisch weist die Praxis enorme Mängel auf. Nach Analysen des Macdonald-Laurier-Instituts wurden zwischen 2018 und 2024 insgesamt 428 Gesetzesverstöße im Zusammenhang mit MAiD registriert. Ein großes Problem: Die Kontrolle erfolgt überwiegend nach dem Tod der Betroffenen. Auch ein unabhängiges Aufsichts- oder Beschwerdesystem, das vor der Durchführung eingreifen könnte, existiert nicht.

Die Familienärztin Ramona Coelho und der Menschenrechtsanwalt David Shannon warnen, dass diese nachträglichen Prüfungen keinen Schutz bieten, sondern lediglich der Dokumentation dienen. Fehler, Fehleinschätzungen oder strukturelle Missstände lassen sich nicht mehr korrigieren – der Patient ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

Das Institut IMABE warnt vor einem strukturellen Kipppunkt. In einem Umfeld knapper öffentlicher Mittel und chronisch überlasteter Gesundheitssysteme drohe Euthanasie zur vermeintlich effizienten Problemlösung zu werden. Die kanadische Entwicklung zeige, wie rasch unter solchen Rahmenbedingungen Schutzmechanismen erodieren.

Hilfe bei Suizidgedanken:

Wenn Sie mit Suizidgedanken kämpfen, ist es wichtig, mit anderen darüber zu sprechen. Es gibt zahlreiche Hilfsangebote, bei denen Sie – auch anonym – Unterstützung finden können.

Hilfe finden Sie bei der Telefonseelsorge, die anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar ist. Die Nummern sind 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

Auch über die Webseite der Seelsorge können Sie in Krisenzeiten per E-Mail oder im Chat Hilfe aufsuchen.

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