„Gott ist nur eine Illusion, die Menschen sich ausgedacht haben.“ Dieser Satz gilt heute als Ausweis geistiger Reife. Auch hier in Deutschland. Mit solchen Aussagen signalisiert man Zugehörigkeit zu einem Milieu, das sich für aufgeklärt, gebildet und vernünftig hält, endlich aus der religiösen Kindheit befreit. Man kommt ohne Gott aus, man braucht keine Gebete mehr und schon gar keine Geschichten vom Himmel, um sich die Welt erklären zu können.
Diese selbsternannten Vernünftigen treten mit dem Anspruch auf, die Naiven aus ihrer geistigen Enge zu befreien und ihnen zu erklären, dass der Glaube an Gott nichts weiter sei als ein psychologisches Hilfskonstrukt aus einer Zeit mangelnden Wissens. Der Ton dabei ist meist ruhig, aber überlegen, gelegentlich mitleidig. Man erklärt Religion für erledigt und hält das für einen Akt intellektueller Redlichkeit. Wer sich für so aufgeklärt hält, glaubt selbst jedoch sehr viel.
Denn auffällig ist, dass mit dem Streichen Gottes weder die großen Fragen verschwinden noch die großen Begriffe. Wahrheit, Würde, Moral und Sinn werden weiter benutzt, eingefordert und vehement verteidigt. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass diese Begriffe nun ohne Fundament im Raum stehen. Genau darin liegt das Problem.
Die Verwechslung von Gott
Viele Einwände gegen Gott richten sich nicht wirklich gegen Gott, sondern gegen ein Zerrbild. Dieses Bild wird verworfen und man hält das für einen intellektuellen Fortschritt. Gemeint ist meist ein bestimmtes Bild von Gott: ein übergroßes Wesen irgendwo über den Wolken, emotional launisch, zuständig für Lücken im Weltverständnis und moralische Bevormundung. Ein solcher Gott erscheint als psychologisches Beruhigungsmittel und als soziale Kontrollinstanz. In dieser Gestalt wäre Gott tatsächlich überflüssig.
Zur Enttäuschung der Aufgeklärten: Ihre Argumente treffen exakt einen Gott, den die christliche Theologie nie wirklich vertreten hat. Der Gott, den auch die Kirche versteht, ist kein Wesen unter anderen, das man durch Wissenschaft ersetzen könnte. Er ist keine Erklärungslücke, die geschlossen werden muss. Auch kein psychologisches Beruhigungsmittel oder gesellschaftliches Kontrollinstrument. Die Ironie dabei ist offensichtlich: Wer eine solche Vorstellung von Gott bekämpft, glaubt, er greife etwas real Existierendes an. In Wahrheit kämpft er gegen eine Karikatur, eine Projektion eigener Vorstellungen. Man lehnt etwas ab, das faktisch nicht geglaubt wird, zumindest nicht im Christentum. Und man feiert diese Verwerfung als Fortschritt, während der eigentliche Gedanke Gottes unbeachtet bleibt.
Die Falle, in die solche Aufklärer treten, liegt im unausgesprochenen Gedanken, der bei modernen gottverneinenden Aussagen mitschwingt: Gott wird hier als Teil der Welt verstanden, als eine von vielen Ursachen neben anderen, als stünde Gott innerhalb der Kette von Entstehung und Vergehen. Genau das bestreitet die klassische Theologie mit scharfem Verstand.
Gott ist nicht ein Wesen unter anderen. Er ist das Größte, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, wie Anselm von Canterbury formuliert. Oder er ist Sein selbst, der actus essendi, von dem Thomas von Aquin spricht: das reine Sein, das nicht entsteht und nicht vergeht. Gott ist der Grund dafür, dass es überhaupt Ursachen gibt, dass die Welt geordnet ist, dass etwas entsteht und wirkt. Wer indirekt fragt, was Gott verursacht habe, fragt nach der Ursache der Ursache als Ursache. Das ist kein intellektueller Gedanke. Es ist ein Kategorienfehler, eine gedankliche Sackgasse, die zeigt, dass viele Intellektuelle den eigentlichen Begriff Gottes noch immer nicht verstanden haben.
Die Zumutung der Wirklichkeit
Auffällig ist, dass viele religionskritische Beiträge zwar Gott verabschieden, den Sinn aber behalten wollen. Wahrheit, Würde, Moral und Bedeutung sollen weiter gelten, obwohl ihr Fundament gestrichen wurde. Gleichzeitig empören sich diese Menschen leidenschaftlich über Ungerechtigkeit, Gewalt oder Machtmissbrauch. Diese Empörung setzt voraus, dass es objektiv Falsches gibt – nicht nur Unerwünschtes, nicht nur kulturell Missbilligtes. Woher kommt dieser Maßstab aber?
Die modernen Aufgeklärten beschreiben sich selbst als Schöpfer eigener Sinnsysteme: kreativ, autonom und frei von überlieferten Zwängen. Das klingt großzügig und fortschrittlich. Zugleich sind diese Sinnsysteme äußerst zerbrechlich. Wenn Sinn nämlich vollständig konstruiert ist, hängt er von nichts ab, er ist beliebig und kann jederzeit zerfallen. Dann gibt es keinen zwingenden Grund, warum Gerechtigkeit gelten sollte, vor allem dann, wenn sie unbequem wird. Es gibt keinen Grund, warum der Schwache Vorrang vor dem Starken haben sollte, keinen Grund, warum die Wahrheit über Bequemlichkeit stehen sollte. Alles hängt von Zustimmung und menschlichem Willen ab. Wer garantiert dann, dass menschliche Würde nicht auch demokratisch abgeschafft werden kann? Die Geschichte liefert dafür reichlich Belege.
Wer glaubt, Sinn aus sich selbst heraus erschaffen zu können, muss die Last dieser fundamentlosen Freiheit tragen, wo alles, was man für sinnvoll hält, allein von Abstraktionen abhängt. Es gibt hier keinen übergeordneten Grund, der den selbstgemachten Sinn trägt. Daher ist jede moralische Regel, jede Idee von Gerechtigkeit oder Menschenwürde verletzlich und kann zusammenbrechen, sobald Zustimmung fehlt oder persönliche Interessen sie infrage stellen.
Moral, Würde und Verantwortung – Begriffe, die viele selbstbewusst verwenden – stehen ohne Gott auf wackligen Beinen. Die christliche Perspektive setzt hier an: Der Mensch ist fähig, Sinn zu erkennen. Er erkennt ihn nicht, weil er ihn selbst erfindet. Der Sinn liegt der menschlichen Erkenntnis voraus, bevor der Mensch ihn überhaupt bemerkt. Werte sind nicht menschengemacht; sie bedingen erst die Möglichkeit menschlicher Erkenntnis. Die Wirklichkeit selbst ist geordnet, verständlich und vernunftgemäß. Die Welt ist nicht bedeutungslos, bis der Mensch sie mit Bedeutung versieht. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1,1) ist keine poetische Flucht des Johannes. Gemeint ist, dass die Welt nicht chaotisch oder zufällig ist, dass alles, was existiert, einen Ursprung hat, der selbst nicht verursacht wurde.
Nur deshalb kann der Mensch denken, forschen, fragen und staunen. Wissenschaft ist überhaupt erst möglich, weil die Natur nach festen, regelhaften Gesetzen funktioniert. Diese Gesetze führen nicht ins Beliebige. Sie liefern Erkenntnisse, die unabhängig von persönlicher Meinung oder Zufall Bestand haben, weil ihre Ordnung in Gottes Schöpfung gründet. Freiheit ist in diesem Rahmen keine beliebige Selbstbestimmung. Sie ist die Möglichkeit, in einer geordneten Welt Verantwortung zu tragen, deren Regeln nicht vom Willen des Einzelnen abhängen, sondern von der Beschaffenheit der Wirklichkeit selbst. Wer dennoch versucht, Sinn allein aus sich heraus zu konstruieren, muss akzeptieren, dass dieser Sinn jederzeit brüchig ist und dass er nie mehr Halt bietet, als man sich selbst geben kann.
Der Preis der Gottvergessenheit
Der moderne aufgeklärte Mensch erklärt Gott für erledigt und hält sich dabei für mutig. In Wahrheit lebt er parasitär von einem Erbe, das er zugleich verachtet. Er benutzt Begriffe wie Würde, Gerechtigkeit und Verantwortung, obwohl er ihnen jede tragfähige Grundlage entzogen hat. Was bleibt, ist moralische Empörung ohne Maßstab und Freiheit ohne Richtung. Gott wird als Illusion verspottet, während man selbst an Werte glaubt, die sich aus eigener Kraft nicht begründen lassen. Das ist keine Aufklärung. Es ist intellektuelle Selbsttäuschung, die früher oder später in den Abgrund führt.
