Bei seiner Generalaudienz auf dem Petersplatz hat Papst Leo XIV. die „komplexe Wirklichkeit“ der Kirche betont: Sie sei zugleich menschliche Gemeinschaft und göttliche Wirklichkeit. In seiner Katechese zur Konzilskonstitution Lumen gentium erklärte das Kirchenoberhaupt, gerade durch die begrenzten und menschlichen Seiten ihrer Mitglieder werde die Gegenwart Christi und sein Heilswirken sichtbar. In der Kirche seien daher menschliche und göttliche Dimension untrennbar verbunden.
Kirche als „komplexe Wirklichkeit“
Der Papst verwies darauf, dass bereits im ersten Kapitel von Lumen gentium, das der Frage nach dem Wesen der Kirche nachgeht, die Kirche als „komplexe Wirklichkeit“ beschrieben wird. Diese Komplexität bedeute jedoch nicht bloß das ehrwürdige Alter der Institution oder eine besondere organisatorische „Kompliziertheit“. Vielmehr verweise der lateinische Begriff „Komplex“ darauf, dass unterschiedliche Aspekte oder Dimensionen innerhalb derselben Realität geordnet zusammengehören. In diesem Sinn könne das Konzilsdokument die Kirche als einen gut geordneten Organismus beschreiben, in dem menschliche und göttliche Dimension ohne Trennung und ohne Vermischung nebeneinander bestehen.
Der Papst beschrieb die Kirche zugleich als Gemeinschaft von Männern und Frauen, die mit ihren Stärken und Schwächen die Freude und die Mühen des Christseins teilen. Indem sie das Evangelium verkündeten, würden sie zu einem Zeichen für die Gegenwart Christi, der die Menschen auf ihrem Lebensweg begleite.
Dieser menschliche und auch institutionelle Aspekt allein reiche jedoch nicht aus, um das Wesen der Kirche zu erfassen, betonte Leo XIV. Sie besitze ebenso eine göttliche Dimension. Diese liege nicht in einer besonderen Vollkommenheit oder spirituellen Überlegenheit ihrer Mitglieder, sondern darin, dass die Kirche aus dem Liebesplan Gottes für die Menschheit hervorgegangen sei, der in Christus verwirklicht wurde.
Paradox: Göttliche und menschliche Dimension der Kirche
Im weiteren Verlauf seiner Überlegungen ging der Papst auf das Zusammenspiel beider Dimensionen ein. Die menschliche und die göttliche Seite der Kirche ergänzten sich letztlich „harmonisch“, ohne dass eine die andere überlagere, erklärte Leo XIV. Die Kirche lebe damit in einem Paradox: Sie sei zugleich menschliche und göttliche Wirklichkeit, die den sündigen Menschen aufnehme und ihn zu Gott führe.
Zur Veranschaulichung verwies der Papst auf das Leben Jesu Christi, auf das auch Lumen gentium Bezug nehme. Schon bei der Begegnung mit dem Gottessohn seien die Menschen zunächst von seiner Menschlichkeit angesprochen worden. Viele hätten sich entschieden, ihm zu folgen, weil sie seinen gastfreundlichen Blick, die Berührung seiner segnenden Hände und seine Worte der Befreiung und Heilung erfahren hätten.
Deshalb gründe die Heiligkeit der Kirche nach den Worten des Papstes vor allem darin, dass Christus selbst in ihr gegenwärtig sei. Er wirke weiterhin durch die „Kleinheit und Zerbrechlichkeit“ ihrer Mitglieder und schenke sich durch sie den Menschen, sagte Leo XIV. Wer dieses „immerwährende Wunder“ betrachte, könne darin auch „Gottes Methode“ erkennen: Gott mache sich gerade durch die Schwäche seiner Geschöpfe sichtbar und handle weiterhin in der Welt.
Zugleich ermutigte der Papst die Gläubigen, aktiv am Aufbau der Kirche mitzuwirken. Dies geschehe nicht allein durch die Organisation ihrer sichtbaren Strukturen, sondern vor allem durch das Wachstum des geistlichen Leibes Christi. Entscheidend seien dabei Gemeinschaft und gelebte Nächstenliebe untereinander, betonte Leo XIV.
Mit einem Verweis auf den heiligen Augustinus rief der Papst die Gläubigen abschließend dazu auf, Zeugen der Liebe Christi zu sein. Gerade diese Liebe sei es, so Leo, die wahre Christen auszeichne und letztlich „alles zu sich zieht“.
