Auf der Mehr-Konferenz hatte ich die Möglichkeit zu einem intensiven Austausch mit Gotthard Lehner, Krankenhausdirektor des neuen DGD Mutter-Kind-Zentrums Rückenwind. Im Gespräch wurde deutlich, dass es sich bei diesem Projekt nicht nur um ein weiteres Hilfsangebot handelt, sondern um eine gezielte Antwort auf eine Versorgungslücke im Suchthilfesystem – insbesondere mit Blick auf die Wiedereingliederung von Frauen und Kindern in einen geregelten Alltag.
Rückenwind: Ein Schutzraum für Mütter nach der Suchtrehabilitation
Das Mutter-Kind-Zentrum Rückenwind ist in Hutschdorf in direkter Nachbarschaft zur Fachklinik Haus Immanuel entstanden und wurde im April 2023 eröffnet. In dem Neubau befinden sich zwölf Wohnungen mit zwei bis vier Zimmern. Hier können bis zu zwölf Mütter gemeinsam mit insgesamt bis zu 16 Kindern leben. Das Angebot richtet sich an Frauen, die eine Suchtbehandlung abgeschlossen haben und auf ihrem Weg in ein eigenverantwortliches, strukturiertes Leben weiter begleitet werden müssen.
Haus Immanuel, eine der ältesten Suchtrehabilitationskliniken Bayerns mit Gründungsjahr 1907, und das Mutter-Kind-Zentrum sind organisatorisch getrennte Einrichtungen unter einem gemeinsamen Dach am Standort Haus Immanuel. Lehner beschreibt den Ausgangspunkt für das neue Konzept sehr klar: Rund 20 Prozent der an der Rehabilitation teilnehmenden Frauen nehmen gemeinsam mit ihren Kindern an der Behandlung teil. Wie Lehner eindrücklich erklärte, wurden die Frauen bislang nach einer erfolgreichen Rehabilitation jedoch ohne weitere Begleitung entlassen. Der Übergang in den Alltag funktionierte in vielen Fällen nicht, sodass einige nach ein oder zwei Jahren mit erneuten Suchtproblemen in die Klinik zurückkehrten. In diesen Fällen übernahm häufig das Jugendamt die Betreuung der betroffenen Kinder.
Vor diesem Hintergrund gab es für den Krankenhausdirektor nur zwei Möglichkeiten: bedauern – oder handeln. Für ihn kam nur letzteres infrage. Er begab sich auf die Suche nach Kooperationshäusern, doch diese verlief bundesweit ergebnislos. So entstand Rückenwind als eigenständiges Angebot, finanziert über die Eingliederungshilfe für die Mütter sowie die Kinder- und Jugendhilfe für die Kinder.
„Mutter und Kind gemeinsam lebensfähig machen“
Die Frauen im Zentrum leiden zumeist an Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Auch ehemals drogenabhängige Frauen können aufgenommen werden, sofern sie bereits abstinent sind und aktiv an ihrer Stabilisierung gearbeitet haben. Durch wirksame Maßnahmen wie eine engmaschige suchttherapeutische Begleitung sowie gezieltes Elternkompetenztraining erhalten die Frauen die Möglichkeit, Schritt für Schritt an einen Alltag außerhalb der Klinik herangeführt zu werden.
Im Mittelpunkt des Konzepts stehen jedoch nicht nur die Frauen, sondern insbesondere auch die Kinder. Ziel sei es, so Lehner, „Mutter und Kind gemeinsam lebensfähig zu machen“. Während die Kinder – je nach Alter – im Kindergarten oder in der Schule betreut werden, nehmen die Mütter an Therapie- und Trainingsangeboten teil. Bei den Kindern werden dabei häufig psychische oder körperliche Defizite sichtbar, die oftmals mit dem sensiblen Thema FASD (Fetales Alkoholsyndrom) zusammenhängen. Dieses entsteht, wenn während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert wurde. In der Folge können irreversible Hirnschädigungen auftreten, die die Entwicklung dauerhaft beeinflussen, erklärte Lehner.
Die Förderung der Kinder erfolgt daher sehr konkret und individuell. Schulpflichtige Kinder werden – je nach Bedarf – von der Förderschule bis zum Gymnasium in geeignete Schulen integriert. Für manche Frauen sei es zunächst wichtig zu lernen, dass Schulpflicht tatsächlich eine Pflicht und keine Wahl sei. Nach dem Unterricht begleiten die Mütter, unterstützt von Fachkräften, ihre Kinder bei den Hausaufgaben. Eine erfolgreiche und nachhaltige Rehabilitation beginne oft bei grundlegenden Dingen wie Schlafritualen, Tagesstruktur und Verlässlichkeit. Ziel ist es, die Kinder Schritt für Schritt in die Gesellschaft einzuführen und ihnen echte Zukunftschancen zu eröffnen.
Doch nicht nur für die Kinder sei ein geregelter Tagesablauf entscheidend, sondern vor allem auch für die Mütter. Ein klarer Tagesrhythmus mit festen Programmen gebe Halt, betonte Lehner: „Wenn die Mutter zur Ruhe kommt, lernt auch das Kind wieder einen gesunden Rhythmus kennen.“
Mut machen, Vertrauen stärken, Zukunft ermöglichen
Gleichzeitig legt das Zentrum großen Wert auf positive Erlebnisse. Feste wie eine Waldweihnacht im Waldkindergarten oder Angebote wie eine Kletterwand für die Mütter sollen Mut fördern und Ängste abbauen.
Ergänzt wird die therapeutische Arbeit durch seelsorgerliche Begleitung. Diese sei für ihn eine große „Ressource“. Während Therapie dabei hilft, Vergangenes aufzuarbeiten, eröffne Seelsorge einen Raum, geistlich über sich hinauszuwachsen. Unabhängig davon, wie belastend das bisherige Leben war, vermittle sie eine Perspektive von Barmherzigkeit, Gnade und Hoffnung.
Welche Wege sich nach dem Aufenthalt eröffnen, zeigt sich oft erst langfristig. Lehner erzählt von einem Jungen, der mit massiven Verhaltensauffälligkeiten ins Zentrum kam und zeitweise sogar Erzieherinnen attackierte. Heute pflegt er enge Freundschaften in seinem Dorf und steht bis heute in Kontakt mit den betreuenden Fachkräften. Solche Entwicklungen sind für Lehner der eigentliche Maßstab des Erfolgs. Das Projekt sei kostenintensiv, räumt er ein. Doch „wenn nur die Hälfte der Kinder gerettet werden kann, bin ich glücklich“, betonte er abschließend.
DGD Fachklinik Haus Immanuel
Hutschdorf 46
D – 95349 Thurnau
Träger
DGD Stiftung gGmbH
Stresemannstraße 22
35037 Marburg
Geschäftsführung
Dr. Claudia Fremder
Hubertus Jaeger
