Auf das weltweite Ausmaß der Gewalt und Diskriminierung gegen Christen hat der Vatikan hingewiesen. Erzbischof Ettore Balestrero, ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, erinnerte am Mittwoch bei einer Konferenz des UN-Menschenrechtsrates in Genf daran, dass fast 400 Millionen Christen weltweit Verfolgung oder Gewalt erleben. Fast 5.000 Menschen wurden 2025 allein wegen ihres Glaubens getötet – im Schnitt 13 pro Tag. Er forderte die internationale Staatengemeinschaft auf, ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen: Gläubige aktiv zu schützen und ihre Rechte zu wahren – sowohl gegen offene Gewalt als auch gegen schleichende Marginalisierung.
Subtile Diskriminierung von Christen in Europa
Nach der Statistik ist jeder siebte Christ von Verfolgung oder Gewalt betroffen. Vor diesem Hintergrund prangerte Erzbischof Balestrero an, dass „Religionsfreiheit in vielen Kontexten eher als Privileg denn als fundamentales Menschenrecht betrachtet wird.“ Die Getöteten nannte Balestrero „Zeugen ihres Glaubens“, Märtyrer im ursprünglichen Sinne, deren Überzeugungen die Logik von Macht infragestellten. Besonders besorgniserregend sei die sogenannte „vornehme Verfolgung“ (polite persecution) – subtile Formen von Diskriminierung, die vor allem in westlichen Ländern oft nicht in offiziellen Gewaltstatistiken auftauchen.
In diesem Zusammenhang sprach der Erzbischof von einer schrittweisen Marginalisierung und vom Ausschluss aus politischen, sozialen und beruflichen Bereichen. Konkrete Beispiele seien etwa Verurteilungen wegen stillen Gebets in der Nähe von Abtreibungskliniken oder strafrechtliche Verfahren gegen Menschen, die Bibelverse in sozialen Netzwerken zitieren. Seinen Blick richtete er besonders auf Frankreich, wo derzeit ein Gesetz zur Sterbehilfe diskutiert wird, das christliche Krankenhäuser und Pflegeheime dazu zwingen könnte, Euthanasie-Praktiken gegen ihre Kernüberzeugungen zuzulassen.
Wer sich weigere, diesen Vorschriften zu folgen, müsse mit Geldstrafen, Haft oder dem Entzug öffentlicher Förderungen rechnen. Balestrero zitierte Papst Leo XIV.: „Viele Brüder und Schwestern tragen heute dasselbe Kreuz wie unser Herr, weil sie in schwierigen und feindseligen Kontexten Zeugnis für ihren Glauben ablegen.“ Zahlreiche Fälle dokumentierten auch Europa, etwa Strafverfahren gegen Personen, die Bibelverse zitierten, oder gegen Eltern und Lehrer, die Kinder im Glauben unterrichten wollten. „Es sind schwere Menschenrechtsverletzungen, begangen von Behörden, die eigentlich Schutz gewährleisten müssten. Dieser Widerspruch muss ein Ende haben“, mahnte der Erzbischof.
Angriff auf Christen ist ein Angriff auf das Kreuz
Auch in der anschließenden Debatte bestätigten Experten, dass die Diskriminierung von Christen in Europa zunehme – von Verboten öffentlicher Gebete bis zu rechtlichen Einschränkungen der kirchlichen Autonomie. In einem symbolischen Ausblick verglich Balestrero Angriffe auf Christen mit Angriffen auf das Kreuz selbst. Die vertikale Linie stehe für die Offenheit zum Transzendenten: Werde ein Christ gezwungen, seinen Glauben zu verleugnen oder ins Private zurückzuziehen, so sei dies ein Versuch, den Raum zu schließen, in dem sich der menschliche Geist über sich selbst hinaushebt. Die horizontale Linie symbolisiere die menschliche Verbindung zu anderen; Verfolgung zerstöre diese Bindung, ersetze Vertrauen durch Angst und Dialog durch Gewalt.
Die UN-Sonderberichterstatterin für Religionsfreiheit, Nazila Ghanea, machte deutlich, dass Christen international Unterstützung benötigen: „Christen stehen nicht allein und sollten nicht alleine gelassen werden.“ Opfer religiöser Verfolgung erlebten oft multiple und sich überschneidende Formen von Gewalt. Balestrero zitierte abschließend Papst Franziskus: „Es kann keinen Frieden ohne Religionsfreiheit, Gedankenfreiheit und Meinungsfreiheit geben.“ Weiter kritisierte er scharf, dass Straflosigkeit eines der größten Probleme im Bereich der Religionsverfolgung bleibe. Der Staat habe die Pflicht, Gläubige vor Angriffen Dritter zu schützen – „vor, während und nach einer Attacke“.
