Steuert die katholische Kirche auf einen ähnlichen Kirchenkollaps zu wie die Niederlande in den 1960er-Jahren? Diese Frage stellt sich angesichts der deutlichen Warnung des niederländischen Weihbischofs Robert Mutsaerts von ’s-Hertogenbosch, der Parallelen zwischen den damaligen Reformprozessen und dem heutigen Synodalen Weg in Deutschland zieht. Was einst als Öffnung zur Moderne gedacht war, habe in seinem Heimatland zu einem dramatischen Einbruch von Glaubenspraxis und kirchlicher Identität geführt – ein Szenario, vor dem nun auch die Kirche in Deutschland nicht gefeit sei, wenn sie zentrale Lehren relativiere und sich zu sehr am Zeitgeist orientiere.
Warnung aus den Niederlanden zum Synodalen Weg: „Dieselben Themen, dieselben Fehler“
Der niederländische Weihbischof Robert Mutsaerts hat die deutschen Bischöfe eindringlich davor gewarnt, mit dem Synodalen Weg einen ähnlichen Kurs einzuschlagen wie die Kirche in den Niederlanden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. In einem Interview mit dem Portal LifeSiteNews zeichnete er ein drastisches Bild der Folgen vergleichbarer Reformprozesse in seinem Heimatland, die seiner Einschätzung nach in einen „totalen Zusammenbruch der Glaubenspraxis“ mündeten.
Mit großer Deutlichkeit äußerte sich Mutsaerts auch zur Verantwortung der Bischöfe. „Entweder man ist katholisch oder nicht. Man gibt ein gutes Beispiel oder nicht. Man ist klar oder nicht“, sagte er und fügte hinzu: „Und wenn nicht, treten Sie bitte zurück.“ Auf die Frage, ob der Vatikan deutschen Bischöfen mit aus seiner Sicht heterodoxen Positionen den Rücktritt nahelegen sollte, ließ er keinen Zweifel an seiner Haltung.
Mutsaerts, der in Tilburg aufwuchs, verwies zur Begründung auf die Entwicklung in seiner Heimatdiözese ’s-Hertogenbosch. Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre hätten sich dort noch rund 97 Prozent der Bevölkerung als katholisch verstanden, „von denen 96 Prozent jeden Sonntag die Messe besuchten“. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe sich dieses Bild jedoch grundlegend gewandelt – mit tiefgreifenden Folgen für das kirchliche Leben im ganzen Land.
Der Weihbischof sieht darin Parallelen zwischen den damaligen Entwicklungen in den Niederlanden und den aktuellen Debatten in Deutschland. „Es ist ein bisschen ähnlich wie das, was jetzt in Deutschland mit diesem Synodalen Weg geschieht“, sagte er und verwies auf „dieselben Themen“ und „dieselben Ansichten“. Als zentralen Wendepunkt bezeichnete er eine zunehmende Relativierung grundlegender Wahrheitsansprüche: „Die Menschen begannen, die Existenz der objektiven Wahrheit zu relativieren. Und das ist das Entscheidende in der ganzen Geschichte.“
Identitätsverlust führt zu Einbruch der Glaubenspraxis
Ein zentraler Einschnitt sei nach Darstellung von Mutsaerts bereits Mitte der 1960er-Jahre erfolgt. 1966 veröffentlichten die niederländischen Bischöfe den sogenannten Niederländischen Katechismus, der in wesentlichen Glaubensfragen – etwa zur Erbsünde, zur Gottheit Christi und zur Heilslehre – bewusst offen formuliert gewesen sei. Zugleich habe der Utrechter Erzbischof, Kardinal Jan Alfrink, öffentlich die Abschaffung des verpflichtenden Zölibats gefordert.
Diese Reformbestrebungen hätten sich wenig später weiter verfestigt: Beim Pastoralkonzil der niederländischen Kirchenprovinz, das zwischen 1968 und 1970 in Noordwijkerhout stattfand, sollten entsprechende Ideen institutionell verankert werden. Der Vatikan reagierte damals deutlich und Papst Paul VI. zitierte Alfrink nach Rom und legte ihm den Rücktritt nahe.
Die Folgen dieser Entwicklung beschreibt Mutsaerts als dramatisch. Innerhalb kürzester Zeit sei die Beichtpraxis „von 90 auf unter zehn Prozent“ eingebrochen. Heute nähmen nach seinen Angaben nur noch rund zwei Prozent der niederländischen Katholiken regelmäßig an der Sonntagsmesse teil. Als Hauptursache nennt der Weihbischof einen schleichenden Identitätsverlust: „Wir wollten der Gesellschaft so sehr gefallen, dass wir unsere Identität verloren“, sagte er. Am Ende habe es „nirgendwo einen Unterschied“ mehr zwischen kirchlicher Lehre und gesellschaftlichen Positionen gegeben – mit weitreichenden Konsequenzen für das religiöse Leben.
„Ich verstehe die meisten deutschen Bischöfe nicht“ – Mutsaerts rechnet mit Kirchenkurs ab
Der Synodale Weg in Deutschland, der 2019 gestartet wurde, sollte Reformfragen innerhalb der Kirche beraten. Im Mittelpunkt standen Themen wie Machtstrukturen im Klerus, Sexualmoral, der priesterliche Zölibat sowie die Rolle der Frau. Trotz teils scharfer Kritik aus Rom wurde der Prozess nicht offiziell gestoppt; die letzte Synodalversammlung fand im Januar in Stuttgart statt.
Mit deutlichem Unverständnis blickt Weihbischof Robert Mutsaerts auf den Kurs der deutschen Kirchenführung. „Ich verstehe die meisten deutschen Bischöfe nicht“, sagte er und verwies darauf, dass bestimmte Positionen früher innerhalb der Kirche so nicht vertreten worden seien: „Vor Papst Franziskus hörte man diese Aussagen nie. […] Diese Sprache hörte man nie. Und dann kam Papst Franziskus, und die Dinge begannen sich zu verschieben.“ Nach Einschätzung des niederländischen Weihbischofs bekennen sich nur noch wenige Bischöfe klar zur kirchlichen Lehre. Wer dies tue, werde schnell als „konservativ“ eingeordnet – diese Zuschreibung weist Mutsaerts jedoch klar zurück: „Es ist einfach regulär katholisch.“
Trotz seiner eindringlichen Warnungen erkennt Mutsaerts auch Anzeichen für eine mögliche Erneuerung. „Ich hoffe, wir waren die Ersten, die mit einer katastrophalen Entwicklung begannen – aber vielleicht auch die Ersten, die den Tiefpunkt erreicht haben, sodass es wieder aufwärtsgehen kann“, sagte er. Tatsächlich beobachte er in den Niederlanden ein wachsendes Interesse junger Menschen am kirchlichen Leben. „Sie sind sehr jung, viele davon Oberstufenschüler“, berichtete der Weihbischof. Auffällig sei dabei, dass es sich überwiegend um männliche Jugendliche handle: „Und aus irgendeinem Grund sind die meisten von ihnen Jungen, junge Männer.“
