Beten bald verboten? Bannmeilen verbannen!
Beim Wiener Marsch fürs Leben wurde scharfe Kritik an geplanten Bannmeilen um Abtreibungskliniken laut. Auch Kardinal Müller meldete sich im Vorfeld mit einer deutlichen Botschaft zu Wort.

Mehr als 3.000 Menschen haben am Samstag in Wien am „Marsch fürs Leben“ teilgenommen. Die Demonstrierenden forderten einen stärkeren Schutz ungeborener Kinder, mehr Unterstützung für Frauen und Familien sowie ein Nein zur Euthanasie. Besonders umstritten sind die von der Regierung geplanten Bannmeilen rund um Abtreibungskliniken. Auch Vertreter aus Kirche und Politik beteiligten sich an der Kundgebung.
Kritik an geplanten Bannmeilen
Sprecherin Anna Soldo bezeichnete die geplanten Bannmeilen als unverhältnismäßigen Eingriff in die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Der geltende Rechtsrahmen biete bereits ausreichenden Schutz vor Belästigung und Bedrohung, argumentierte sie.
Zu den Rednern zählten unter anderem der emeritierte St. Pöltner Bischof Klaus Küng, die FPÖ-Abgeordnete Ricarda Berger sowie Vertreterinnen der Organisationen „fairändern“ und „Haus der Guten Hoffnung“. Auch mehrere ÖVP-Abgeordnete nahmen teil.
Beim Gottesdienst in der Wiener Karlskirche rief Weihbischof Stephan Turnovszky dazu auf, Frauen und Familien in schwierigen Lebenssituationen zu stärken, statt sie zu verurteilen. Seiner Ansicht nach seien viele Schwangerschaftsabbrüche auf fehlende Perspektiven und mangelnde Verantwortung der Männer zurückzuführen. Lebensschutz bedeute, Menschen zu ermutigen und sie bei lebensbejahenden Entscheidungen zu unterstützen.
Lebensschutz gilt für alle
Turnovszky weitete den Begriff des Lebensschutzes über Schwangerschaft und Geburt hinaus aus. Er umfasse auch Kranke, Menschen mit besonderen Bedürfnissen sowie Menschen am Lebensende, die sich mitunter als Belastung für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem fühlten. „Wir brauchen alle, nicht nur die Gesunden, wie in einer Familie“, betonte der Weihbischof. Gesellschaftliche Einteilungen in „nützlich und unnützlich“ oder „produktiv und unproduktiv“ seien gefährlich.
Zugleich verwies Turnovszky auf die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Diese könnten nicht mitentscheiden, in welcher Welt sie künftig leben würden, sondern müssten mit den Folgen heutiger Entscheidungen umgehen. Daher gehörten für ihn Lebensschutz und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung untrennbar zusammen.
Der Gottesdienst in der Karlskirche fand unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Im Vorjahr war die Kirche nach dem Fund von Sprengstoffattrappen von der Spezialeinheit Cobra evakuiert worden.
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Aufstehen und den „Mund aufmachen“
Bereits im Vorfeld des „Marsches fürs Leben“ richtete Kardinal Gerhard Müller eine Botschaft an die Teilnehmer. Darin kritisierte er insbesondere die geplanten Bannmeilen rund um Abtreibungskliniken. In den Einschränkungen des öffentlichen Gebets sieht er einen möglichen Schritt hin zu einem totalitären, religionsfeindlichen System. „Das ist der Anfang von einem totalitären, religionsfeindlichen System, dem wir uns widersetzen müssen“, sagte der frühere Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation in einer knapp vierminütigen Videobotschaft, die der Verein „Marsch fürs Leben“ am Dienstag auf Instagram veröffentlichte.
Der katholische Glaube dürfe nicht auf den privaten Bereich beschränkt werden, betonte Müller. Totalitäre Systeme wie der Nationalsozialismus und der Kommunismus hätten genau dies angestrebt und die Kirche verfolgt. Religionsfreiheit bedeute daher auch, den Glauben öffentlich zu leben und einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, wie es das Zweite Vatikanische Konzil hervorgehoben habe.
Müller rief die Katholiken dazu auf, öffentlich für ihre Überzeugungen einzustehen und „ihren Mund aufzumachen“. Dabei unterstrich er den unbedingten Wert jedes Menschenlebens.
Christliche Position in der Politik vertreten
Kardinal Gerhard Müller rief insbesondere Politiker christlich geprägter Parteien dazu auf, sich nicht von „menschenfeindlichen Ideologien“ beeinflussen zu lassen und christliche Werte auch politisch zu vertreten. Jedes Menschenleben habe unabhängig von Alter und Gesundheitszustand einen unbedingten Wert, betonte der frühere Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation.
Zugleich unterstrich Müller den Vorrang des Menschen gegenüber staatlichen Interessen: „Der Bürger steht vor dem Staat, der Staat hat dem Menschen zu dienen“, sagte er in seiner Videobotschaft. Der Staat dürfe nicht zum Instrument einer menschenfeindlichen Ideologie werden.
Müller appellierte an die Katholiken, für ihren Glauben und ihre Überzeugungen einzustehen. Sie sollten „auf die Straße“ gehen, ihren Glauben bekennen und zugleich für die „Bekehrung von falsch geleiteten Politikern und Ideologen“ beten, so der Kardinal.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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