Bischof Glettler warnt vor politischer Vereinnahmung des Lebensschutzes
Lebensschutz als politischer Köder und Wahlprogramm? Innsbrucker Bischof und Theologin warnen vor der politischen Instrumentalisierung und stellen den Menschen, die Familien und konkrete Lebenssituationen in den Mittelpunkt der Debatte.

Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler warnt vor einer politischen und ideologischen Vereinnahmung des Lebensschutzes – sowohl durch rechte als auch durch linke Kräfte. Lebensschutz dürfe weder zum Vehikel für rechtspopulistische oder rechtsextreme Agenden noch zum politischen Kampfbegriff für ein „Recht auf Abtreibung“ werden, betonte Glettler im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Furche“. Gemeinsam mit der Theologin Michaela Quast-Neulinger fordert er eine Entideologisierung der Debatte, bei der die konkrete Lebenssituation von Frauen, Familien und Kindern wieder ins Zentrum rücken müsse.
Lebensschutz darf keine politische Waffe werden
Innsbrucks Bischof Hermann Glettler hat seine Kritik an einer politischen Vereinnahmung des Lebensschutzes bekräftigt. Bereits Anfang August hatte er sich mit einem schriftlichen Grußwort an die Teilnehmer der „Jugend für das Leben“-Kundgebung in Innsbruck gewandt und betont, Lebensschutz dürfe „nicht zu einer ideologischen oder parteipolitischen Frage“ werden.
In diesem Zusammenhang übte der Bischof zugleichKritik an der politischen Instrumentalisierung des Themas von linker Seite. Auch den Kampf für ein „Recht auf Abtreibung“ lehne er in dieser Form ab. Die Frage, ob man für oder gegen Abtreibung sei, werde zunehmend „als politischer Köder ausgelegt“.
„Lebensschutz ist aber weder rechts noch links“, betonte Glettler. Er dürfe „nicht zum Vehikel für ideologische Lagerbildung oder gar zur politischen Waffe gegen Andersdenkende“ werden. Stattdessen müsse die Debatte „entpolitisiert und entideologisiert“ werden. Im Mittelpunkt sollten jene Menschen stehen, die in schwierigen Situationen konkrete Unterstützung benötigen – „Frauen, Familien, Kinder und alle Menschen“, so der Bischof.
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Warnung vor ideologischer Zuspitzung
In seiner Einschätzung der zunehmenden politischen Instrumentalisierung des Lebensschutzes erhält Glettler Unterstützung von der Innsbrucker katholischen Theologin Michaela Quast-Neulinger. Auch sie warnt davor, dass die Debatte zunehmend von politischen Lagern vereinnahmt und ideologisch zugespitzt werde.
„Rechtspopulistische bis rechtsextreme Kreise suchen mittlerweile auch in Europa aktiv den Schulterschluss mit Kirchen und Gläubigen“, sagte Quast-Neulinger der „Furche“. Ausgehend von den USA würden die dortigen „Kulturkriege“ gezielt nach Europa getragen und damit eine Welle der ideologischen Eskalation vorangetrieben. Themen wie „Familie, Leben, Kinder“ würden dabei zu zentralen Angriffspunkten, „mit denen Stimmung gemacht wird“. Bei diesen Gruppierungen stehe die Suche nach einem Kompromiss nicht im Vordergrund: „Es gibt nur Freund oder Feind, Gut oder Böse“, so die Theologin.
Wie Glettler kritisiert auch Quast-Neulinger, dass der Einsatz für das Leben zunehmend politisch instrumentalisiert werde. Sowohl extrem konservative als auch progressive Gruppen würden häufig weniger die konkrete Lebenssituation der Betroffenen in den Blick nehmen als die Frage, wie sich mit dem Thema möglichst wirkungsvoll Stimmung machen und die gesellschaftliche Auseinandersetzung weiter verschärfen lässt. Damit drohe die differenzierte Debatte zwischen den politischen Lagern verloren zu gehen. „Es bleibt dann nur noch ‚Pro-Life‘ oder ‚Pro-Death‘, während die differenzierte Mitte ausgehungert wird“, warnt Quast-Neulinger.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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