„Der Papst hat zu Recht den Finger in die Wunde gelegt“ – Ministerpräsident Kretschmer trifft Leo XIV. im Vatikan
Michael Kretschmer besuchte Papst Leo XIV. im Vatikan – Anlass war ein historisches Jubiläum, doch das Gespräch reichte weit darüber hinaus.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ist als erster deutscher Regierungschef von Papst Leo XIV. zu einer Privataudienz empfangen worden. Im Apostolischen Palast sprach der CDU-Politiker mit dem Pontifex unter anderem über den Krieg in der Ukraine, den Umgang mit Künstlicher Intelligenz und die politische Entwicklung in Deutschland. Anlass des Treffens war das 30-jährige Bestehen des Staatskirchenvertrags zwischen Sachsen und dem Heiligen Stuhl. Zum Abschluss der Begegnung sprach der Ministerpräsident eine Einladung zu einem Deutschlandbesuch aus und überreichte dem Pontifex einen sächsischen Stollen als Gastgeschenk.
30 Jahre Staatskirchenvertrag
Im Mittelpunkt der Reise steht das 30-jährige Bestehen des Staatskirchenvertrags zwischen Sachsen und dem Heiligen Stuhl. Unterzeichnet wurde die Vereinbarung am 2. Juli 1996 vom damaligen Apostolischen Nuntius in Deutschland, Giovanni Lajolo, und Sachsens damaligem Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf.
Der Vertrag bildet bis heute den rechtlichen Rahmen für das Verhältnis von Staat und katholischer Kirche in Sachsen. Er regelt unter anderem den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, die kirchliche Präsenz in Rundfunk und Fernsehen sowie die Seelsorge in staatlichen Einrichtungen. Auch Fragen der Denkmalpflege und der Kirchensteuer sind darin festgehalten. Besonders geschützt wird zudem das katholisch geprägte sorbische Kulturgut.
Andreas Kutschke, der das Bistum Dresden-Meißen nach dem Rücktritt von Bischof Heinrich Timmerevers derzeit übergangsweise leitet, würdigte die Vereinbarung nach der Begegnung mit dem Papst als „wichtiges Stück Papier“. Sie schaffe eine Grundlage für das Miteinander von Staat und Kirche und sichere zugleich „die freie Ausübung der Religion“.
Papst als Impulsgeber bei KI und Ukraine
Zu den Inhalten des Gesprächs zeigte sich Sachsens Ministerpräsident Kretschmer voll des Lobes für Papst Leo XIV. Er bezeichnete den Papst als wichtigen Impulsgeber. Leo XIV. beteilige sich „an den großen Zukunftsthemen, die die Welt bewegen“. Besonders seine Äußerungen zur Künstlichen Intelligenz seien ein „ganz wichtiger Beitrag“, um einen gemeinsamen Umgang mit der Technologie zu finden, so Kretschmer.
In diesem Zusammenhang hob der CDU-Politiker die Bedeutung der Worte des Papstes als Aufforderung hervor, die ethischen Fragen rund um KI offen zu diskutieren. „Nie darf die Technologie über den Menschen bestimmen, es muss immer andersherum sein“, sagte der Ministerpräsident. Leo XIV. habe dabei „zu Recht den Finger in die Wunde gelegt“. Nun brauche es eine breite ethische Debatte und „vernünftige Regulierungen“.
Von der technologischen Entwicklung führte das Gespräch anschließend zu einem der drängendsten politischen Themen: dem Krieg in der Ukraine. Nach Angaben Kretschmers ging es dabei um das Engagement der katholischen Kirche und des Heiligen Stuhls sowie um die Möglichkeit, trotz unterschiedlicher Positionen Gesprächskanäle offenzuhalten.
Besonders würdigte Kretschmer den Einsatz des Heiligen Stuhls für ukrainische Kinder, die nach Russland verschleppt wurden. Dass daran gearbeitet werde, die Kinder zu ihren Eltern zurückzubringen, geschehe „sehr im Verborgenen“, sei aber „sehr, sehr wichtig“.
Unabhängiger, katholischer Journalismus braucht Sie.
GodMag finanziert sich durch die freiwilligen Beiträge unserer Leser. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, helfen Sie uns bitte mit einer kleinen Spende, um unsere Arbeit fortzusetzen.
Kretschmer lädt Papst nach Deutschland ein
Aber auch die politische Lage in Deutschland war Gegenstand des Gesprächs. Kretschmer sagte, die Entwicklungen würden auch in Rom aufmerksam verfolgt. Es gehe nicht nur um einzelne Regionen, sondern um „Gesamtdeutschland“. Dabei gebe es „sehr, sehr viele Sorgen“. Deutschland sei schließlich „ein wichtiges Land innerhalb der Europäischen Union“.
Die starken AfD-Ergebnisse bei den jüngsten Wahlen in mehreren ostdeutschen Ländern wertet der sächsische Ministerpräsident als Signal für einen politischen Kurswechsel. „Diese Wahlen sind ein eindeutiger Fingerzeig“, sagte Kretschmer. „Wenig kann aktuell so bleiben, wie es ist.“ Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, Deutschland gemeinsam wieder „auf die Beine zu helfen“.
Dafür müsse die Politik genauer zuhören, Fragen stellen und die Anliegen der Menschen ernst nehmen, so Kretschmer. Es gehe „nicht um Erklären, sondern um Zuhören, Verstehen und ein Handeln“ entlang dessen, was die Bevölkerung wünsche.
Bei der Begegnung erneuerte Kretschmer zudem seine Einladung an den Papst, Deutschland zu besuchen. Einen konkreten Termin gibt es bislang nicht. Nach Darstellung des Ministerpräsidenten habe Leo XIV. jedoch erkennen lassen, einen Besuch in den kommenden Jahren in Betracht zu ziehen.
Stollen für den Papst
Nicht mit leeren Händen kam Kretschmer nach Rom: Als Gastgeschenk überreichte er Leo XIV. einen traditionellen sächsischen Stollen, gebacken von Christen aus dem Erzgebirge.
Dabei durfte ein Stück Stollengeschichte nicht fehlen. Ende des 15. Jahrhunderts habe Papst Innozenz VIII. den Sachsen erlaubt, auch während der Fastenzeit mit Butter zu backen, erklärte Kretschmer. Das sei der „Durchbruch für den Stollen“ gewesen. Und Kretschmer ist überzeugt: „Ich weiß nicht, wie man Weihnachten feiern kann ohne Stollen – das sieht der Papst jetzt auch so, ab sofort.“
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
Bleiben Sie auf dem Laufenden
Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten aus Kirche und Gesellschaft direkt in Ihr Postfach.
Völlig kostenlos. Abmeldung jederzeit mit einem Klick möglich.
Kommentare (0)
Kommentare werden geladen...