Vatikan

Erreicht die Kirche die Familien noch? Leo XIV. stellt sich hinter Franziskus’ pastoralen Ansatz

Zum zehnjährigen Jubiläum von Amoris laetitia hat Papst Leo XIV. Bischöfe aus aller Welt nach Rom eingeladen, um über die Zukunft der Ehe- und Familienpastoral zu beraten.

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Andreas Nachbar
4 min Lesezeit
Erreicht die Kirche die Familien noch? Leo XIV. stellt sich hinter Franziskus’ pastoralen Ansatz
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Mehr Nähe, mehr Barmherzigkeit, neue pastorale Wege: Papst Leo XIV. hat sich deutlich hinter den Ansatz seines Vorgängers Franziskus in der Ehe- und Familienpastoral gestellt. Zum Auftakt eines internationalen Bischofstreffens im Vatikan zum zehnten Jahrestag von „Amoris laetitia“ rief er dazu auf, die Lebenswirklichkeit von Familien ernst zu nehmen – gerade dort, wo Beziehungen zerbrechen, traditionelle Vorstellungen von Ehe auf Distanz zur Lebenswelt junger Menschen geraten und die Weitergabe des Glaubens schwieriger wird. Der Pontifex stellte dabei unbequeme Fragen an die Kirche: Erreichen ihre pastorale Sprache und Praxis die Menschen noch? Wie kann sie Familien gerade in Krisen und Situationen der „Zerbrechlichkeit“ beistehen? Und welche neuen Wege braucht es, damit Evangelium und Sakramente die Menschen auch unter schwierigen Lebensbedingungen erreichen?

Familien im Zentrum der Seelsorge

Beim Treffen im Vatikan kommen die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen aus aller Welt mit Experten und weiteren Akteuren aus dem Bereich Ehe und Familie zusammen. Leo XIV. hat die mehrtägige Versammlung einberufen. Im Mittelpunkt steht insbesondere die Frage, wie der Glaube innerhalb der Familien weitergegeben werden kann. Die Ergebnisse sollen in einem Bericht zusammengefasst und anschließend dem Papst vorgelegt werden.

Zum Auftakt würdigte Leo XIV. „Amoris laetitia“ als eine „wichtige Etappe“ auf dem Weg der Kirche. Das Schreiben habe das „konkrete Leben von Familien begleitet“ und zugleich neue Initiativen und Prozesse angestoßen. Franziskus hatte darin die Ergebnisse eines mehrjährigen synodalen Prozesses zur Ehe- und Familienpastoral zusammengeführt.

Leo XIV. knüpfte dabei ausdrücklich an einen Gedanken an, den er bereits in seiner Botschaft zum zehnten Jahrestag des Schreibens formuliert hatte: Die Kirche könne gerade durch Laien und Familien selbst ihren Auftrag erfüllen. „Die Familien selbst nehmen im Alltag an der Sendung der Kirche teil“, sagte der Papst. Aufgabe der Seelsorge sei es deshalb, die „Schönheit von Gottes Plan für Ehe und Familie“ ebenso zu verkünden wie den Ruf zu „Liebe und Zärtlichkeit“ – und zugleich Menschen auf ihrem jeweiligen Lebensweg zu begleiten.

Sehnsucht nach Liebe, Distanz zur Ehe

Dabei nahm Leo XIV. ausdrücklich die Veränderungen in den Blick, mit denen Ehepaare, Eltern und junge Menschen heute konfrontiert sind. Das konkrete Familienleben stelle die Kirche vor Herausforderungen, denen sie sich „mutig“ stellen müsse. Besonders deutlich werde dies beim Verhältnis von Sexualität, Intimität und christlichem Eheverständnis.

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„In vielen Kontexten hat sich eine wachsende Kluft“ zwischen der gelebten Sexualität und der christlichen Sicht der Ehe entwickelt, stellte der Papst fest. Zugleich betonte er, dass die grundlegenden Wünsche junger Menschen keineswegs verschwunden seien. Sie sehnten sich weiterhin nach „Liebe, Treue und Zugehörigkeit“. Vielen falle es jedoch schwer, eine lebenslange Bindung mit diesen Hoffnungen in Verbindung zu bringen oder darin einen Weg zu erkennen, wie ihre Vorstellungen von Liebe im eigenen Leben Gestalt annehmen können.

Kirche soll sich hinterfragen lassen

Aus den Veränderungen im Familienleben ergeben sich für Leo XIV. grundlegende Fragen an die Kirche. Sie müsse genauer hinsehen, „was die Menschen hinter diesen kulturellen Veränderungen wirklich“ suchen, und zugleich prüfen, ob ihre pastorale Sprache und Praxis die Menschen noch erreiche. Auch die Erfahrungen von Familien selbst seien stärker in den Blick zu nehmen. Gerade Eltern könnten wichtige Hinweise darauf geben, wie Kinder und Jugendliche unter den heutigen Bedingungen begleitet werden können.

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Papst der menschlichen „Zerbrechlichkeit“. Entscheidend sei, ob die Kirche den Menschen auch dann nahebleibe, „wenn das Leben nicht mehr den Erwartungen entspricht“. Gerade in Situationen von Grenzen, Verletzungen und scheinbarem Scheitern müsse sich zeigen, ob christliche Gemeinschaften tatsächlich einen Ort der Hoffnung bieten.

Leo XIV. fragte deshalb auch selbstkritisch: „Welcher Art von Kirche begegnen die Menschen also gerade dann, wenn sie am zerbrechlichsten sind?“ Sie müssten erfahren können, dass sie weiterhin „einen Platz, eine Verantwortung und Gaben“ in der Kirche haben. Die Wahrheit des Evangeliums dürfe dabei nicht losgelöst von der Art und Weise verkündet werden, wie Kirche den Menschen begegne – durch „Geduld, Nähe und Barmherzigkeit“.

Darin sieht Leo XIV. zugleich eine Aufgabe für die Zukunft. Der Heilige Geist spreche „oft gerade durch jene Situationen, die uns herausfordern“, sagte der Papst. Die Kirche müsse sich daher nicht nur mit den Veränderungen auseinandersetzen, sondern sich von ihnen selbst infrage stellen lassen. Ziel müsse es sein, „neue Wege“ zu finden, um das Evangelium zu verkünden, sakramentale Gnaden zugänglich zu machen und Familien gerade in schwierigen Lebenssituationen zu begleiten. So könne die Kirche die „Zärtlichkeit“ sichtbar machen, mit der Christus weiterhin unter den Menschen gegenwärtig sei.

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Redakteur / Autor bei GodMag.

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