Bei der dritten Fastenpredigt im Vatikan hat der päpstliche Hausprediger Roberto Pasolini das Verständnis von Mission neu skizziert: Nicht Belehrung oder Überlegenheit, sondern Demut, Zuhören und echte Begegnung sollen im Zentrum der Evangelisierung stehen. Vor Papst Leo und der römischen Kurie betonte der Kapuziner, dass das Evangelium nicht als fertige Botschaft „weitergegeben“, sondern als gelebte Erfahrung glaubwürdig bezeugt werden müsse.
Evangelisierung aus gelebter Demut
Ausgehend von der Spiritualität des heiligen Franz von Assisi entwarf der Kapuziner Roberto Pasolini ein Verständnis von Mission, das sich deutlich von belehrenden Ansätzen abgrenzt. Evangelisierung beginne nicht mit fertigen Antworten, sondern mit einer Haltung der Demut: Wer den Glauben weitergeben wolle, müsse sich selbst zurücknehmen, sich auf die Empfindsamkeit anderer einlassen und bereit sein, echte Gespräche zu führen. Statt Antworten vorzugeben, gehe es darum, Fragen zu stellen und „einen Dialog in Gang zu bringen“.
Zentral sei dabei eine „Dynamik der Liebe“, in der auch der Glaubensverkünder selbst lernbereit bleibe. Jede Form von Überlegenheit oder Kontrolle widerspreche dem Wesen des Evangeliums. „Unsere Glaubwürdigkeit entspringt nicht unserer Rolle“, betonte Pasolini, „sondern einem Leben, das bereit ist, sich auf diese Dynamik der Liebe einzulassen.“ Gerade darin liege die bleibende Intuition des Franz von Assisi, der seine Brüder bewusst „Minoriten“ nannte – nicht als Titel, sondern als Lebensform gelebter Kleinheit und Demut.
Mission wurzelt nach Pasolini immer in einer persönlichen Erfahrung: „Ausgangspunkt jeder Mission“ sei der Wunsch, „die Erfahrung des Evangeliums mit anderen zu teilen“. Doch wer selbst nicht tief im Glauben verwurzelt sei, könne ihn auch nicht überzeugend vermitteln. Deshalb gehe jeder Verkündigung ein innerer Weg voraus.
Glaube wächst im Verborgenen
Um zu veranschaulichen, wie Glaube im Menschen Gestalt annimmt, griff Roberto Pasolini auf das Bild einer Geburt zurück. Die Gegenwart Christi wachse nicht spektakulär, sondern im Verborgenen: „Zuerst nimmt Christus Raum in uns ein – in der Stille, im Gebet, in den täglichen Entscheidungen.“ Erst in einem zweiten Schritt werde diese innere Wirklichkeit nach außen sichtbar, etwa in der Art und Weise, wie wir mit anderen umgehen. Im Zentrum der Verkündigung stehe dabei nicht der Mensch selbst, sondern Gott, der durch den Menschen hindurch erfahrbar werden wolle. Entscheidend sei daher eine Haltung des Respekts gegenüber dem Gegenüber. Wer evangelisiere, müsse die Würde und die konkrete Lebenswirklichkeit des anderen ernst nehmen.
Evangelisierung bedeute in diesem Sinne weit mehr als Worte. Es gehe darum, anderen spüren zu lassen, „dass es schön ist, dass sie existieren, dass ihr Leben Wert hat“ – auch ohne explizite Verkündigung. Zugleich warnte Pasolini davor, dies mit bloßer Bestätigung zu verwechseln. Vielmehr gehe es darum, Menschen behutsam zu begleiten, damit sie „nach und nach die Wahrheit und die Schönheit erkennen, die sie in sich tragen“. Dieser Prozess brauche Zeit und Geduld. Eine vorschnelle Anpassung an eigene Vorstellungen widerspreche dem Wesen des Evangeliums. Entscheidend sei vielmehr ein Weg des gemeinsamen Wachsens, der Raum lasse für Entwicklung – und für die je eigene Entdeckung von Sinn und Wahrheit.
Zuhören statt belehren
Zum Abschluss seiner Predigt konkretisierte der Kapuziner Roberto Pasolini seine Vorstellung zeitgemäßer Evangelisierung mit praktischen Hinweisen. Entscheidend sei zunächst die Haltung: Wer anderen begegne, müsse in ihnen die Gegenwart Gottes erkennen und sich ihnen mit Respekt nähern. Nur so könne echter Dialog entstehen. Ebenso zentral sei die Fähigkeit zuzuhören, während abstrakte, lebensferne Theorien in der Verkündigung keinen Platz hätten.
Wirkung entfalte das Evangelium nur dort, wo es aus persönlicher Erfahrung heraus bezeugt werde. „Wenn Worte aus einer realen Erfahrung entstehen, erreichen sie die anderen“, so Pasolini. Blieben sie dagegen „abstrakt und unpersönlich“, überzeugten sie niemanden. Evangelisierung bedeute deshalb, sich dem konkreten Leben anderer Menschen zuzuwenden und anzuerkennen, dass in deren Alltag bereits eine Suche nach Sinn, nach dem Guten und nach der Wahrheit angelegt sei.
Als anschauliches Beispiel verwies Pasolini auf den heiligen Franz von Assisi, der während des Fünften Kreuzzugs dem Sultan Al-Malik al-Kamil begegnete. Äußerlich habe diese Begegnung wenig „Erfolg“ gezeigt: Es kam weder zur Bekehrung noch zum ersehnten Martyrium. Dennoch sei sie ein Beispiel für gelingenden Dialog, denn Franziskus habe nicht versucht, den anderen zu überzeugen, sondern sei ihm offen und schutzlos gegenübergetreten. Gerade darin liege die eigentliche Bedeutung dieses Moments: Zwei Männer hätten mitten im Krieg einander als Menschen erkannt und seien im Frieden auseinandergegangen. „Das Evangelium verkündet man nicht, um zu siegen, sondern um jemandem zu begegnen“, fasste Pasolini zusammen. Der andere sei kein Ziel, das es zu erreichen gelte, sondern eine Grenze, vor der man innehalte – in der Hoffnung, angenommen zu werden.
