StartImpulseJohannes Hartl über Selbstannahme, Petrus und den Mut, sich lieben zu lassen

Johannes Hartl über Selbstannahme, Petrus und den Mut, sich lieben zu lassen

Wir leben in Bildern. In Vorstellungen davon, wie wir sein sollten, wie andere uns sehen sollen, wie ein gelungenes Leben aussieht. Diese inneren Idealbilder sind mächtig – und gnadenlos. Was aber geschieht, wenn wir ihnen nicht entsprechen? Dieser Frage widmete sich Johannes Hartl in einem Vortrag zur Selbstannahme, der tief ins biblische Menschenbild und zugleich mitten in die Erfahrungen unserer Gegenwart führte. Hartl wählte dafür eine der bekanntesten und zugleich menschlichsten Figuren der Bibel: Simon Petrus.

Wenn das Ideal größer wird als der Mensch – am Bild von Simon Petrus

Simon ist ein junger Fischer, ein Niemand aus Galiläa. Heutzutage würde man ihn als Nobody bezeichnen, reflektierte Johannes Hartl. Und doch sieht Jesus in ihm etwas, das Simon selbst noch nicht sehen kann. Es geht so weit, dass er ihm sogar einen neuen Namen gibt: Petrus – der Fels. Simon, der Felsenmann, oder auf Englisch „Rocky“, vergleicht ihn der Theologe mit einer Filmfigur, die für Stabilität, Stärke und Verlässlichkeit steht. Simon – oder Rocky – sieht sich selbst als jemand, der aus einem anderen Holz geschnitzt ist, so Hartl. Einer, der durchhält, wenn alle anderen Jesus verraten.

Bildlich stellt es Johannes Hartl dar: Rocky wächst über Simon hinaus. Doch genau hier beginnt die Spannung. Petrus übernimmt dieses Bild – er, der Starke, der Fels. Vielleicht zu sehr. Er will stark sein, treu, größer. Um das zu verdeutlichen, blickte Hartl auf eine Szene beim letzten Abendmahl, in der Petrus Jesus sogar zurechtweist. Beim Füßewaschen kann er es nicht zulassen, sich dienen zu lassen.

Dann machte Hartl deutlich: Ein Fels ist nicht nur positiv, denn auch ein Herz könne felsig werden – und damit zu einem unfruchtbaren Boden. Und dann kommt der Moment des Falls des Petrus. Es sei kein großes Drama gewesen, so Hartls Blick auf die Situation, nur eine beiläufige Frage einer Magd: „Bist du nicht auch einer von ihnen?“ Daraufhin verleugnet Petrus Jesus dreimal. Der Fels zerbricht an einer Nebensächlichkeit.

Der Moment nach dem Scheitern

Was geht im „Chefapostel“ vor? „Er ging hinaus und weinte bitterlich.“ Hartl bringt es auf den Punkt: „Genau das, was auch in uns vorgeht, wenn wir unserem eigenen Idealbild nicht mehr entsprechen: Scham. Enttäuschung. Selbstverachtung.“ Die Konsequenz, die Petrus daraus zieht: Er geht zurück in seinen alten Beruf. Fischer statt Apostel. Doch auch das funktioniert nicht. Petrus fischt – und fängt nichts.

Gerade im bittersten Moment seines Lebens sieht Petrus ein Kohlefeuer am Strand lodern, und eine Gestalt steht dahinter: Jesus. Müde, hungrig, frierend steht Petrus am See – ein Bild für die innere Leere nach dem Zusammenbruch des Selbstbildes. In diesem Moment, in der schlimmsten Zeit, ruft ihn Jesus bei seinem alten Namen: Simon, Sohn des Johannes. Darin, so Hartl, liege die Botschaft: Jesus kennt ihn. Jesus kennt seine Familie, seine Herkunft.

Jesus ist nicht überrascht vom Fall des Petrus. Überrascht ist nur Petrus selbst. Doch am Ufer wartet kein Vorwurf, kein „Hab ich es dir nicht gesagt“. Keine vorwurfsvolle Frage wie: „Bist du nicht stark genug?“ oder „Hast du es nicht geschafft?“ Stattdessen bereitet ihm Jesus ein warmes Feuer. Frühstück. Nähe. Und eine einzige Frage – dreimal gestellt: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ Nur die Frage: „Liebst du mich?“

Die Zumutung der Selbstannahme

Hartl betont: Wir bleiben oft lieber im Kopf unserer Ideale, als an den Ort der Bedürftigkeit zu gehen. Doch genau dort will Gott uns begegnen. Jesus spricht nicht den Felsen an, sondern den Menschen dahinter. Nicht Petrus, sondern Simon.

Worum ging es Johannes Hartl in dem Vortrag und der Betrachtung des biblischen Ereignisses? Es war ein Anstoß, sich selbst zu hinterfragen: Bin ich bereit, mich lieben zu lassen? Gerade dann, wenn wir am Boden liegen, sei das schwerer, als es klinge, betonte Hartl weiter. Sich lieben zu lassen macht demütig. „Es stellt die Frage: Bin ich vielleicht nicht so großartig, wie ich dachte?“ Das, so der Gebetshausgründer, sei der Grund, warum wir uns dagegen wehren.

Dann blickte er noch einmal auf das Bild von Petrus, dem Felsen. Hier betonte er, dass ein Stein erst dann zu fruchtbarem Boden werde, wenn er bricht. Und genau das sei bei Petrus geschehen. Den vielen Hörern und Besuchern des Vortrags zeigte sich ein starkes Bild: „Du bist kein Projekt, mit dem du fertig werden musst.“

Selbstannahme, so Hartl, benötige ein vollkommenes und bedingungsloses Ja zu sich selbst – auch dann, wenn man seinen selbst gesetzten Erwartungen nicht entspreche. Oft stelle man Gott die Frage, warum er dieses Kreuz auferlege. Diese Frage beantwortete Hartl mit einem Zitat von Bernhard von Clairvaux: „Das Kreuz ist eine Last von der Art, wie es die Flügel für die Vögel sind. Sie tragen sie aufwärts.“

Zum Abschluss hinterließ er einen eindringlichen Appell: Ein Bild von sich selbst könne schützen, doch zugleich mache es auch unberührbar. Ein Bild, so Hartl, zeige nie die ganze Wahrheit. Am Ende steht die Demut – nicht als Selbsterniedrigung, sondern als Zustimmung zu Gottes vollkommenem Ja. Ein Ja ohne Wenn und Aber.

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