Kardinal Vesco spricht von „Völkermord“ in Gaza
Die Debatte über Israels Vorgehen im Gazastreifen gewinnt innerhalb der katholischen Kirche an Schärfe. Kardinal Jean-Paul Vesco findet ungewöhnlich deutliche Worte und spricht von einer „völkermörderischen Logik“. Auch der Paderborner Erzbischof Udo Bentz kritisiert den Umgang mit der Zivilbevölkerung scharf und fordert Konsequenzen statt bloßer Worte.

Kardinal Jean-Paul Vesco, Erzbischof von Algier und Mitglied des Wirtschaftsbeirats von Papst Leo XIV., hat das Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen als „Völkermord“ bezeichnet. In einem Interview mit der italienischen Zeitung Il Messaggero sprach er von einer „völkermörderischen Logik“ und warf der israelischen Politik vor, auf das Verschwinden des palästinensischen Volkes als politische und territoriale Realität zu zielen. Bemerkenswert ist die Wortwahl auch mit Blick auf die bisherige Zurückhaltung des Vatikans: Der Heilige Stuhl hat den Begriff „Völkermord“ im Zusammenhang mit Gaza bislang vermieden. Mit Vesco äußert sich nun ein Kardinal aus dem unmittelbaren Umfeld von Papst Leo XIV. in dieser Deutlichkeit.
Auf die Frage, ob angesichts der Lage in Gaza von Völkermord gesprochen werden könne, verwies Vesco zunächst auf die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Palästinenser. „Vor allem dann, wenn man einem Volk die Möglichkeit zu existieren überhaupt verweigert“, sagte der Kardinal. Hinzu komme die „physische Zerstörung von Menschen“, die massiv sei.
Abgrenzung zur Schoa
Für Vesco ergibt sich daraus eine politische und territoriale Dimension: Die israelische Politik folge heute einer „völkermörderischen Logik“, weil sie auf das Verschwinden des palästinensischen Volkes als eigenständige politische und territoriale Realität ziele.
Zugleich bemüht sich Vesco um eine klare Abgrenzung zur Schoa. „Natürlich ist das, was heute geschieht, nicht die Schoa“, betonte er. Er verwende den Begriff Völkermord gerade deshalb, weil er die beiden historischen Ereignisse nicht miteinander verwechsle. Die Schoa bleibe ein „einzigartiges historisches Faktum“. Dass die Ereignisse nicht gleichzusetzen seien, bedeute für ihn jedoch nicht, dass der Begriff Völkermord auf das heutige Geschehen nicht angewandt werden könne.
Vesco begründet seine Einschätzung auch mit persönlichen Erfahrungen. Er habe zwei Jahre in Jerusalem gelebt und während der Ersten Intifada mehrfach Gaza besucht. Die Checkpoints habe er selbst erlebt und gesehen, welche „Erniedrigung“ sie für die Palästinenser bedeuteten. „Heute ist es viel schlimmer“, sagte der Kardinal.
Auch die Zweistaatenlösung sieht Vesco schon lange als zunehmend unrealistisch an. Bereits während seiner Zeit in der Region sei es schwer gewesen, an ihre Verwirklichung zu glauben, weil die israelischen Behörden sie nicht gewollt hätten. Dabei legt Vesco Wert auf eine Unterscheidung: Er spreche ausdrücklich von der „politischen Macht des Staates Israel, nicht von den Juden“.
„Kein Staat mehr, sondern ein Archipel“
Als einen zentralen Grund für das Scheitern der Zweistaatenlösung nennt Vesco die israelische Siedlungspolitik. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lehne eine solche Lösung nach seiner Einschätzung „seit über zwanzig Jahren“ ab. Zugleich sei die territoriale Zersplitterung der palästinensischen Gebiete über Jahrzehnte vorangetrieben worden. „Siedlungen, Siedlungen, Siedlungen“, fasst Vesco die Entwicklung zusammen. Inzwischen gebe es „keinen Staat mehr“, sondern einen „Archipel“.
Den Hamas-Angriff vom 7. Oktober bezeichnet der Kardinal unmissverständlich als „einen Akt des Terrorismus. Furchtbar“. Zugleich kritisiert er die israelische Reaktion als unverhältnismäßig. Die Hamas sei zudem „der beste Feind der derzeitigen israelischen Macht“, während die Fatah und andere Kräfte, die einen Weg des Friedens gesucht hätten, geschwächt worden seien.
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Vesco betrachtet die Entwicklung insgesamt „in einem kolonialen Schlüssel“. Er sehe eine „Kolonisierung“, bei der ein Gebiet erobert und seine Bewohner vertrieben oder unterworfen würden. Jeder solche Prozess berge für ihn „eine potenziell völkermörderische Komponente“.
Besonders kritisch äußert sich Vesco zur Entwicklung im Westjordanland. Dieses gehöre offensichtlich zum Projekt eines „Großisrael“. Die israelische Macht nutze derzeit ein politisches „Fenster“, um ihre Kontrolle über weitere Gebiete auszudehnen. Gleichzeitig sieht Vesco innerhalb Israels erheblichen Widerstand gegen diese Politik. Es gebe „sehr viele empörte Israelis“, deren Stimme nicht gehört werde. Sie seien es, die „die Seele Israels retten“. Als Beispiel verweist er auf den deutschen Widerstand gegen Hitler und nennt ausdrücklich Dietrich Bonhoeffer.
„Auch der Feind bleibt ein Mensch“
Vescos scharfe Kritik am israelischen Vorgehen steht dabei nicht allein. Auch der Paderborner Erzbischof Udo Bentz hat die Politik der israelischen Regierung deutlich kritisiert – insbesondere Äußerungen des rechtsextremen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir zu gezielten Tötungen im Gazastreifen. Ben-Gvir hatte gefordert, dort jede Nacht 30 oder 40 Menschen gezielt zu töten, ausdrücklich nicht nur Personen, von denen eine unmittelbare Gefahr ausgehe.
Bentz sieht darin einen fundamentalen Bruch mit dem Menschenbild, das Christen und Juden verbindet. Solche Parolen würden „den wahren Charakter des Rechtsextremismus“ offenlegen. Die Überzeugung von der „unantastbaren Würde“ jedes Menschen scheine in politischen und militärischen Auseinandersetzungen ihre Bedeutung verloren zu haben.
Zugleich betont der Erzbischof, dass die Bekämpfung der Hamas davon klar zu unterscheiden sei. „Auch der Feind im Krieg bleibt ein Mensch“, sagte Bentz. Wo dieser moralische Konsens aufgegeben werde, drohe eine Entwicklung in den „Nihilismus“ – die Welt würde zum „Schlachthaus“.
Bentz nimmt dabei auch jene in die Pflicht, die Israel grundsätzlich verbunden sind. „Stillschweigen und Wegsehen ist in dieser Situation gerade den Freunden Israels nicht erlaubt“, mahnte er. Sie müssten „ein Stoppschild aufstellen“ – auch im Interesse der Zukunft Israels selbst. Worte allein reichten nicht: „Worte brauchen Taten.“
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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