Kirche als Hoffnungsquelle in säkularer Gesellschaft: Hoffnung durch Glaubwürdigkeit
Podiumsgespräch über die Kirche in säkularer Zeit: Warum Glaubwürdigkeit, Seelsorge und Nähe neue Hoffnung vermitteln können.

Die Kirche zwischen Krisendruck und Hoffnungskraft: Selten dürfte ein Podiumsgespräch so deutlich die Ambivalenz kirchlicher Gegenwart gespiegelt haben wie die Diskussion zum Thema „Wie kann Kirche glaubhaft Hoffnung vermitteln?“. Zwischen nüchterner Diagnose, pastoraler Selbstkritik und leidenschaftlichen Plädoyers für eine Kirche „nach außen“ wurde deutlich: Hoffnung entsteht heute nicht mehr automatisch durch Institutionen – sondern durch glaubwürdige Menschen, gelebte Nähe und konkretes Zeugnis.
„Jesus ja, Kirche nein“ reicht nicht mehr
Im Zentrum des Abends stand zunächst die schonungslose Analyse des Pastoraltheologen Prof. Dr. Jan Loffeld aus Tilburg in den Niederlanden. Er bekannte offen, dass ihn bereits der Titel der Veranstaltung skeptisch gemacht habe. Zu sehr erinnere die Rede von der Kirche als „Hoffnungsschimmer“ an kirchliche Selbstgewissheiten des 20. Jahrhunderts. Die Realität sehe anders aus: Immer mehr Menschen lehnten die Kirche grundsätzlich ab, Vandalismus gegen kirchliche Einrichtungen nehme zu und die gesellschaftliche Distanz wachse. Loffeld warnte davor, Kirche weiterhin primär um sich selbst kreisen zu lassen. Lange habe man gehofft, aus dem Satz „Jesus ja, Kirche nein“ könne irgendwann wieder ein doppeltes Ja werden. Doch inzwischen drohe vielerorts ein doppeltes Nein. Umso wichtiger sei eine Rückbesinnung auf das Wesentliche: „Seelsorge ist das Herz der Kirche.“
Dabei verwies der Theologe auf überraschende Zahlen: Trotz schwindender Religiosität halten große Teile der Bevölkerung Seelsorge weiterhin für unverzichtbar. Gerade junge Menschen suchten Orientierung, Verlässlichkeit und jemanden, der ihnen in Krisen beistehe. Entscheidend sei dabei die Erfahrung, dass Hoffnung von außen komme. „Man kann sich selbst nicht Seelsorger sein“, sagte Loffeld. Der Mensch brauche jemanden, der „die Träne abwischt“. Genau darin liege die bleibende Stärke kirchlicher Präsenz.

Politik braucht eine starke Kirche
Auch der CDU-Politiker Ralph Brinkhaus sprach sich ausdrücklich für eine starke Kirche aus – und zwar aus politischer Perspektive. Politik beantworte die „vorletzten Fragen“, die letzten Fragen aber blieben offen für Gott. Die Verbindung dorthin brauche die Kirche. Zwischen Politik und Kirche erkannte Brinkhaus sogar strukturelle Parallelen: Beide litten unter Vertrauensverlust und seien zunehmend mit sich selbst beschäftigt. Gerade deshalb müsse die Kirche wieder stärker nach außen gehen. Die Gesellschaft sehne sich nach Orientierung, nach einem Ankerpunkt in einer zunehmend fragmentierten Welt. Diese Sehnsucht sei nicht zwingend an einen ausdrücklichen Gottesglauben gebunden. Dennoch könne die Kirche Räume eröffnen, in denen Menschen Sinn, Halt und Richtung finden.
Für Dr. Jan Kuhn, Leiter des Fachteams Kirchenentwicklung im Bistum Limburg, liegt die entscheidende Frage darin, wo Kirche konkret Hoffnung erfahrbar macht. Menschen bräuchten Orte und Personen, die tatsächlich präsent seien. Deshalb müsse die Kirche klar benennen, wofür sie stehe – etwa gegen gesellschaftliche Polarisierung oder für Schöpfungsgerechtigkeit. Im Bistum Limburg versuche man genau dies stärker in den Mittelpunkt zu stellen: nicht bloß Verwaltungsstrukturen, sondern sichtbare inhaltliche Positionen.
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Einen anderen Akzent setzte die Exegetin Prof. Dr. Christina Kumpmann. Sie beobachtet, dass viele Gläubige heute ihre eigentliche geistliche Heimat weniger in der klassischen Pfarrei als vielmehr in kirchlichen Verbänden und Gemeinschaften finden. Dort erlebten Menschen Beteiligung statt Konsumhaltung. Kirche müsse stärker lernen, Engagement zu ermöglichen und wertzuschätzen. Hoffnung wachse dort, wo Menschen sich einbringen dürften und ernst genommen würden.
Kirche muss da sein, wenn „es brennt“
Besonders eindrücklich schilderte Franz Jung konkrete Erfahrungen kirchlicher Hoffnungspraxis. Er sprach von kleinen Gemeinden als Orten der Beheimatung ebenso wie von sozialen Projekten, etwa einer Bahnhofsplattform, auf der Ehrenamtliche rund um die Uhr für Bedürftige da seien – unabhängig von deren religiöser Bindung. Solche „Hoffnungszeichen“ seien zentral für die Glaubwürdigkeit der Kirche. Zugleich verwies der Würzburger Bischof auf die weltkirchliche Ebene. Wenn ein Papst öffentlich einem mächtigen Präsidenten widerspreche und Anwalt der Schwachen werde, entstehe Resonanz weit über kirchliche Milieus hinaus. Kirche erfülle dann ihre prophetische Aufgabe.
Auffällig war im Verlauf der Diskussion die immer wiederkehrende Frage nach dem persönlichen Zeugnis. Warum falle es vielen Christen so schwer, über den eigenen Glauben zu sprechen? Gerade junge Menschen, so mehrere Podiumsteilnehmer, interessierten sich heute weniger für kirchenpolitische Reformdebatten als für die existenzielle Frage: „Was glaubst du selbst?“ Loffeld beobachtet diese Entwicklung auch bei Studierenden. Viele lernten detailliert, was Kirche und Glaube theoretisch seien – doch zu selten werde der Glaube in der „ersten Person“ ausgesprochen. Bischof Jung formulierte es ähnlich: Junge Menschen wollten wissen, welches Wort einen Menschen wirklich trage.
Hoffnung durch Glaubwürdigkeit
Am Ende stand deshalb weniger ein institutionelles Zukunftsprogramm als vielmehr ein Appell zur Glaubwürdigkeit. Hoffnung entsteht dort, wo Kirche präsent ist, wenn „es brennt“, wie Jung formulierte. Wo Menschen konkrete Nähe erfahren. Wo Christinnen und Christen den Mut finden, persönlich von ihrem Glauben zu sprechen.
Auch die sozialen Medien kamen dabei zur Sprache. Einig war man sich, dass die Kirche digitale Plattformen nutzen müsse. Brinkhaus warnte allerdings vor deren manipulativer Dynamik und den Mechanismen permanenter Aufmerksamkeitssteigerung. Dennoch dürfe die Kirche die digitalen Räume nicht kampflos aufgeben. Kuhn verwies auf erste positive Erfahrungen: Viele Menschen wüssten schlicht nicht mehr, dass Christentum auch anders aussehen könne, als sie es aus Klischees kennen. Die Diskussion machte deutlich: Die Kirche steht in einer säkularen Gesellschaft massiv unter Druck. Doch gerade dort, wo sie nicht um sich selbst kreist, sondern zuhört, begleitet und Zeugnis gibt, kann sie weiterhin zur Hoffnungsquelle werden.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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