Familie

Lebensrechtlerin Cornelia Kaminski im Interview: „Leihmutterschaft ist Menschenhandel“

Die Debatte über Leihmutterschaft hat durch den Fall Jens Spahn neue Dynamik gewonnen. Für die ALfA-Bundesvorsitzende Cornelia Kaminski geht es dabei jedoch um weit mehr als einen Einzelfall. Im Interview spricht sie über Frauen- und Kinderrechte, ethische Grenzen der Reproduktionsmedizin und ihre Forderung nach einem weltweiten Verbot der Leihmutterschaft.

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Andreas Nachbar
9 min Lesezeit
Lebensrechtlerin Cornelia Kaminski im Interview: „Leihmutterschaft ist Menschenhandel“
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Der Fall Jens Spahn hat die Debatte über Leihmutterschaft in Deutschland erneut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Doch für Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), greift die Diskussion zu kurz, wenn sie sich auf die Doppelmoral des ehemaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden bezieht. Im Interview mit uns fordert sie, den Blick auf die grundsätzlichen ethischen Fragen zu richten: auf die Rechte von Frauen und Kindern, die Folgen von Leihmutterschaft und die gesellschaftlichen Entwicklungen, die reproduktionsmedizinische Verfahren zunehmend selbstverständlich erscheinen lassen. Zudem spricht sie über die Verantwortung von Politik und Kirche, die nicht müde werden darf, ihre Stimme zu erheben.

Die aktuelle Diskussion zur Leihmutterschaft wurde durch den Fall Jens Spahn erneut angefacht. Warum sollte die öffentliche Debatte aus Ihrer Sicht nicht bei einer einzelnen Person stehen bleiben, sondern die grundsätzlichen ethischen Fragen der Leihmutterschaft in den Blick nehmen?

Die Debatte um Jens Spahn wird aus meiner Sicht nicht ganz richtig geführt. Bei vielen kritischen Kommentaren liegt der Schwerpunkt auf dem Vorwurf der Doppelmoral, weil er sich selbst öffentlich gegen Leihmutterschaft positioniert hat, und weil er die deutsche Rechtslage umgangen hat. Das ist aber ein Nebenkriegsschauplatz und lenkt vom Kern der Debatte ab. Im Vordergrund muss stehen, dass Leihmutterschaftsverfahren nichts anderes sind als Menschenhandel: Paare oder Einzelpersonen bezahlen viel Geld dafür, dass ein Kind in vitro gezeugt, von einer Frau ausgetragen und dann gleich nach der Geburt, oft noch im Kreißsaal, an sie übergeben wird. Das ist ein so offensichtlicher Verstoß gegen Menschenrechte und Menschenwürde, dass ich ehrlich gesagt verwundert darüber bin, warum wir überhaupt darüber diskutieren müssen, ob wir das wollen oder nicht.

Sie sprechen im Zuge der Praxis von verletzten Kinder- und Frauenrechten. Welche Rechte sind aus Ihrer Sicht durch Leihmutterschaft besonders betroffen?

Frauen, die sich als Leihmütter verdingen, geben mit den Verträgen, die sie unterzeichnen, das Recht auf Selbstbestimmung auf. Sie müssen einer Abtreibung zustimmen, falls das gewünscht wird, müssen allen Vorsorgeuntersuchungen zustimmen und diese in der gewünschten Praxis durchführen lassen, sie müssen Medikamente nach Vorschrift einnehmen, natürlich auf Alkohol und Zigaretten verzichten, nur noch eingeschränkt reisen, einem Kaiserschnitt zustimmen, je nach Vertrag Verhaltensregeln einhalten. Bei allem, was Schwangerschaft und Geburt betrifft, haben die Bestelleltern und Agenturen das letzte Wort. Sie werden behandelt wie ein rechtloser Dienstleister, der seinen Körper als Produktionsstätte zur Verfügung stellt. Die Kinder verlieren das Recht auf Wissen um ihre Herkunft und auf Leben bei ihren leiblichen Eltern. Zwar gibt es Bestelleltern, die diesen Kindern Informationen über ihre Herkunft geben – aber das hängt ausschließlich von den Bestelleltern ab, ein Recht auf dieses Wissen haben die Kinder nicht.  

Befürworter argumentieren häufig mit dem Kinderwunsch ungewollt kinderloser Paare. Warum halten Sie Leihmutterschaft dennoch nicht für einen ethisch vertretbaren Weg zur Familiengründung?

Der Wunsch, ein eigenes Kind zu haben, steckt tief in uns drin. Es ist ein nachvollziehbarer Wunsch, und wenn er nicht in Erfüllung geht, ist das Leid groß und verdient es, gesehen zu werden. Aber es gibt kein Recht auf ein Kind. Es gibt grundsätzlich kein Recht auf einen anderen Menschen. Kinderlosigkeit ist ein Opfer, das schwer zu tragen ist. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass Kinder Opfer bringen müssen, weil Erwachsene das nicht wollen. Bei der Leihmutterschaft passiert genau das: Bestelleltern, die nicht auf ein Kind verzichten wollen, zwingen dieses Kind dazu, lebenslang auf die Mutter zu verzichten, die ihm von Beginn seines Lebens an vertraut ist. Leihmutterschaft produziert Waisen, damit Eltern ein Kind kaufen können. Ich glaube, wir müssen nur den Blick auf das Kind lenken, um zu erkennen: Das geht gar nicht. Denn dieses Kind kann sich nicht wehren, es ist das schwächste Glied in der Kette. Niemand schaut auf seine Bedürfnisse, wenn wir es nicht tun.

Die gesellschaftliche Akzeptanz reproduktionsmedizinischer Verfahren scheint in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen zu sein. Wie erklären Sie sich diesen Wandel, und sehen Sie darin die Gefahr, dass grundlegende ethische Grenzen zunehmend verschwimmen?

Erstgeburten finden heute in der westlichen Welt etwa 5 Jahre später statt als noch vor fünfzig Jahren: Statt mit 25 bekommen Frauen mit 30 ihr erstes Kind, zu einem Zeitpunkt also, zudem die Fruchtbarkeit bereits abnimmt. Diese Lebensplanung ist der Karriere- und Lebensplanung geschuldet. Wenn Kinder Teil einer solchen Lebensplanung sind, sollen sie zu einem bestimmten Zeitpunkt geboren werden. Dabei wird dann nicht bedacht, dass der weibliche Körper für eine andere Lebensplanung gebaut ist: Kinder bekommt man rein biologisch gesehen einfach leichter, wenn man deutlich jünger ist als über dreißig. In der Folge greifen Paare deutlich öfter auf reproduktionsmedizinische Verfahren zurück. Es wäre gut, sie würden über die Risiken und tatsächlichen Chancen besser aufgeklärt, auch, weil die Verfahren der künstlichen Befruchtung mit einem hohen Verlust an menschlichen Embryonen einhergehen und immer noch bescheidene Erfolgsraten aufweisen. Hinzu kommen die medizinischen Risiken für die auf diese Weise entstandenen Kinder. Natürlich verschwimmen hier ethische Grenzen: Machbarkeit und Wunschvorstellungen führen dazu, dass auch in diesem Bereich Bedenken beiseite gewischt werden. Mehr Ehrlichkeit und Aufklärung wären dringend geboten.

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Manche Fachleute argumentieren, ein Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland löse das Problem nicht, sondern verlagere es lediglich ins Ausland – oft in Länder mit noch schwächerem Schutz für die austragenden Frauen. Wie begegnen Sie diesem Einwand, und was schlagen Sie stattdessen vor, um genau das zu verhindern?

Das ist ein ausgesprochen schwaches Argument. Niemand käme auf die Idee, Kinderarbeit in Deutschland zu erlauben und ordentlich zu regeln, weil sie sonst unkontrolliert im Ausland stattfindet. Wir sind uns doch einig, dass Kinder überall auf der Welt geschützt werden müssen, und Kinderarbeit weltweit geächtet werden muss! Das gleiche fordern wir selbstverständlich auch für Leihmutterschaft. Deutschland sollte an der Speerspitze der Länder stehen, die nicht nur im eigenen Land Leihmutterschaft verbieten, sondern sich intensiv und nachhaltig für ein weltweites Verbot einsetzen. Die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Kinder, Reem Alsalem, hat bei unserem Kongress zur Leihmutterschaft genau das gesagt: Sie erwartet und erhofft von Deutschland ein konsequentes Einschreiten gegen Leihmutterschaft.

Welche Folgen hat Leihmutterschaft nach Ihrer Einschätzung für die beteiligten Kinder? Welche Erfahrungen und Erkenntnisse aus Forschung und Praxis werden in der öffentlichen Debatte aus Ihrer Sicht bislang zu wenig berücksichtigt?

Es gibt sehr gute Erkenntnisse aus der Adoptionsforschung dazu, wie sich Kinder, die ohne ihre Mutter aufwachsen, entwickeln. Die sehr frühe Trennung von der leiblichen Mutter ist mit Bindungs-, Verlust- und Identitätsfragen verbunden. Psychische Risiken betreffen also vor allem spätere Bindungsunsicherheit oder Verhaltensauffälligkeiten. Das Risiko steigt besonders, wenn vor der Adoption Stress, Vernachlässigung oder medizinische Belastungen vorlagen. Dies ist bei Leihmutterschaft der Fall: Das Verfahren ist psychisch und physisch sehr belastend für die Leihmutter. Sie darf zudem keine Bindung zum Kind aufbauen, das sie austrägt – sie muss es emotional vernachlässigen. Die doppelt fremde DNA des Kindes führt zu Abstoßungsreaktionen, die mit Immunsuppressiva therapiert werden. Auch das belastet das Kind. Es gibt nur sehr wenige Studien, die sich explizit mit der Situation von Kindern aus Leihmutterschaft beschäftigen, und die, die es gibt, sind methodisch so schlecht, dass sie eigentlich unbrauchbar sind. Das ist – neben dem, was wir aus verwandten Forschungsgebieten wie der pränatalen Psychologie und Adoptionsforschung wissen – eine Erkenntnis, die keine Berücksichtigung findet. Warum gibt es kein Interesse an solider Forschung zu diesen Kindern? Und wer untersucht die Folgen für die Kinder, die die Leihmutter schon selbst hat, und die die Erfahrung machen müssen, dass das Baby, das sie für ihr Geschwisterkind hielten, an fremde Menschen abgegeben wird? Auch diese Kinder nimmt niemand in den Blick.

Welche Verantwortung tragen Kirchen und insbesondere katholische Stimmen in dieser Debatte?

 Die Kirchen und die katholische Stimme tragen, wie in jeder ethischen Debatte, eine große Verantwortung. Papst Leo XIV. ist sich dieser Verantwortung auch bewusst: In der Ansprache vom 9. Januar 2026 sagte er sinngemäß, Leihmutterschaft verwandle die Schwangerschaft in eine verhandelbare Dienstleistung und verletze dadurch die Würde des Kindes und der Mutter, weil das Kind zu einem „Produkt“ reduziert und der Körper der Frau instrumentalisiert werde. Die Bischöfe dürfen nicht müde werden, Leihmutterschaft zu brandmarken als Menschenhandel, als tiefgreifender Angriff auf Frauen und Kinder. Noch leben wir in einer Zeit, in der die Stimme der Kirche gehört wird. Wenn Bischöfe zaudern, oder am Ende gar nicht die Stimme erheben, werden sie irgendwann gar nicht mehr gehört: weder von den Politikern, auf die sie einen Einfluss haben könnten, noch von den Gläubigen, die sich enttäuscht oder orientierungslos abgewendet haben.

 Sie fordern den Beginn einer Aufklärungskampagne. Was müsste eine solche Aufklärung konkret leisten, und an wen sollte sie sich in erster Linie richten – Politik, Medien oder die Gesellschaft insgesamt?

 Diese Kampagne müsste vor allem klar benennen, was Leihmutterschaft wirklich ist: Sklaverei und Menschenhandel. Sie müsste die Verträge veröffentlichen, die Leihmütter unterzeichnen müssen. Sie müsste den Kindern eine Stimme geben, die unter der Art, wie sie entstanden sind, leiden. Sie müsste die psychischen und physischen Risiken benennen, denen Kinder und Frauen ausgesetzt sind. Sie müsste diejenigen brandmarken, die mit diesem Geschäft unfassbar viel Geld verdienen. Sie müsste sich ganz darauf fokussieren, den Kleinen eine Stimme zu geben, die jeder versteht: Jedes Neugeborene will bei seiner Mutter sein. Kinder brauchen eine Mama. Es ist grausam, sie ihnen wegzunehmen. Eine solche Kampagne müsste sich an alle wenden: Die Medien, damit sie Unterstützung erhält. Die Gesellschaft insgesamt, damit sie erkennt, was für ein Übel Leihmutterschaft ist. Und die Politik, damit sie handelt. Wir haben mit unserem großen Kongress zur Leihmutterschaft am 6. März in Berlin bereits einen Aufschlag gemacht. Der Kongressband hierzu wurde an alle Bundestagsmitglieder versandt und ist sehr nachgefragt. Wir halten Vorträge und klären in den sozialen Netzwerken auf – und wir hoffen auf breite Unterstützung.

Wenn Sie der Politik drei konkrete Empfehlungen mit auf den Weg geben könnten, um Frauen und Kinder besser vor den Folgen der Leihmutterschaft zu schützen – welche wären das?

Erstens: Eine ausländische Elternschaft sollte im Falle einer Leihmutterschaft nicht automatisch und ohne Nachfragen in Deutschland anerkannt werden. Adoptionswillige Paare werden streng geprüft: Eine solche Prüfung sollten auch Bestelleltern durchlaufen, die sich im Ausland ein Kind gekauft haben. Zweitens: Setzt das italienische Modell um und bestraft nicht nur diejenigen, die Leihmutterschaftsverfahren vermitteln oder durchführen, sondern alle Beteiligten. Bestelleltern sollten so hohe Strafen fürchten müssen, dass sie sich einen Kinderkauf im Ausland nicht mehr vorstellen können. Drittens: Setzt euch für ein weltweites Verbot von Leihmutterschaft ein – sie muss genauso geächtet werden wie Sklaverei und Menschenhandel.

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