Welt

Menschlichkeit bewahren: Papst Leo XIV. reist nach Spanien

Mit seiner Reise nach Spanien setzt Papst Leo XIV. ein Zeichen für die großen Herausforderungen Europas. In Madrid spricht er über die Rolle der Kirche in einer polarisierten Gesellschaft, in Barcelona steht die evangelisierende Kraft der Schönheit am Beispiel der Sagrada Família im Mittelpunkt, und auf den Kanarischen Inseln richtet er den Blick auf das Schicksal von Migranten an Europas Außengrenzen.

A
Andreas Nachbar
4 min Lesezeit
Menschlichkeit bewahren: Papst Leo XIV. reist nach Spanien
(c) Bildnachweis: Beitragsbild @ Patice_Audet - pixabay user_id:604833

Heute beginnt Papst Leo XIV. seine siebentägige Reise durch Spanien. Von Madrid über Barcelona bis auf die Kanarischen Inseln führt ihn eine Pilgerfahrt, die zentrale Herausforderungen Europas in den Blick nimmt: die Verkündigung des Evangeliums in einer zunehmend säkularen Gesellschaft, die Suche nach gesellschaftlichem Zusammenhalt in Zeiten der Polarisierung sowie den Umgang mit Migration an den Außengrenzen des Kontinents. Die Reise anlässlich des 100. Todestages des Architekten der berühmten Basilika Sagrada Família, Antoni Gaudí, ist dabei nicht nur ein pastoraler Besuch, sondern auch ein eindringlicher Appell zu Menschlichkeit, Solidarität und christlichem Zeugnis.

Papst Leo in Madrid

Die erste Etappe der Spanienreise führt Papst Leo XIV. nach Madrid – und damit direkt in das Spannungsfeld von Politik, Gesellschaft und Kirche. Bei seinen Begegnungen mit Parlamentariern wird der Papst die Rolle der Kirche im öffentlichen Raum thematisieren. Dabei geht es um die Frage, wie christliche Werte in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft eingebracht werden können, ohne sich politischen Machtinteressen anzunähern.

Die Kirche müsse, so die Botschaft der Reise, „weder zu große Staatsnähe zeigen noch sich aus der Öffentlichkeit verdrängen lassen“. Ihr Auftrag bestehe darin, das Evangelium zu verkünden und zugleich für das Gemeinwohl einzutreten – insbesondere für die Schwächsten der Gesellschaft. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Gegensätze sei die Kirche berufen, Zeugnis für eine „polyphone Einheit“ abzulegen, die Unterschiede nicht einebnet, sondern zusammenführt.

Dass Leo XIV. diese Botschaft ausgerechnet in Spanien setzt, ist kein Zufall. Das Land blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die auch von den Wunden des Bürgerkriegs geprägt ist. Viele dieser Narben wirken bis heute nach. Vor diesem Hintergrund wird die Madrid-Visite zu einem symbolträchtigen Auftakt einer Reise, die den Herausforderungen Europas ins Auge blickt.

Die Sprache der Schönheit

Ein besonderer Schwerpunkt der Spanienreise liegt in Barcelona. Dort wird Papst Leo XIV. den vollendeten Jesus-Christus-Turm der Sagrada Família einweihen. Vor dem Hintergrund der Frage, wie man eine zunehmend säkulare Gesellschaft erreichen kann, liefert die Basilika für Papst Leo eine mögliche Antwort. Denn diese sieht der Papst in der „Sprache der Schönheit“ – jener Ausdrucksform, mit der die Kirche seit Jahrhunderten Menschen über Kunst, Architektur und Bilder erreicht.

Unterstützen Sie uns

Unabhängiger, katholischer Journalismus braucht Sie.

GodMag finanziert sich durch die freiwilligen Beiträge unserer Leser. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, helfen Sie uns bitte mit einer kleinen Spende, um unsere Arbeit fortzusetzen.

Die Sagrada Família gilt als eindrucksvolles Beispiel dafür. Der monumentale Sakralbau ist weit mehr als eine Sehenswürdigkeit; er wurde von seinem Schöpfer als Glaubenszeugnis konzipiert. Antoni Gaudí verstand die Basilika als „Bibel aus Stein“, in der Architektur, Symbolik und christliche Botschaft zu einer Einheit verschmelzen. Wer das Bauwerk betritt, begegnet einer visuellen Erzählung des Evangeliums, die weit über sprachliche und kulturelle Grenzen hinaus wirkt.

Die Vollendung des zentralen Jesus-Christus-Turms verleiht dem Besuch des Papstes zusätzliche Bedeutung. Mit 172,5 Metern Höhe ist er nun der höchste Kirchturm der Welt. Von den insgesamt 18 geplanten Türmen der Basilika ist inzwischen die Hälfte fertiggestellt. Sichtbar wurde die neue Bauphase ab 2018, nachdem zuvor der Bau des 140 Meter hohen Marienturms sowie der vier Evangelisten-Türme begonnen hatte. Die Fertigstellung des Christus-Turms fällt mit dem 100. Todestag Gaudís zusammen und unterstreicht die bleibende Aktualität seines Werks.

Der 1852 in Reus geborene Architekt zählt zu den bedeutendsten Gestalten der Moderne. Schon früh entwickelte er einen unverwechselbaren Stil, der traditionelle Architekturformen hinter sich ließ und sich an den Strukturen der Natur orientierte. Parallel arbeitete er an Wohnhäusern, Kirchen und städtebaulichen Projekten, bevor er sich in seinen letzten Lebensjahren nahezu ausschließlich der Sagrada Família widmete. Für viele Beobachter steht das Bauwerk heute exemplarisch für die Kraft christlicher Kunst, Menschen auch dort anzusprechen, wo die religiöse Weitergabe innerhalb von Familien und Gesellschaften zunehmend an Bedeutung verliert.

Migration im Zentrum des Besuchs auf Gran Canaria und Teneriffa

Den Abschluss seiner Spanienreise verbringt Papst Leo XIV. auf Gran Canaria und Teneriffa. Dort rückt eines der drängendsten Themen Europas in den Mittelpunkt: die Migration. Die Kanarischen Inseln sind für viele Menschen aus Afrika das Tor nach Europa – und zugleich Schauplatz menschlicher Tragödien. Wer die gefährliche Überfahrt über den Atlantik überlebt, trifft oft auf einen Kontinent, der sich mit einer gemeinsamen Antwort auf die Herausforderungen der Migration schwertut.

Mit seinem Besuch greift Leo XIV. auch einen Wunsch seines Vorgängers auf. Bereits Papst Franziskus hatte mehrfach den Wunsch geäußert, die Kanarischen Inseln zu besuchen. Nun setzt sein Nachfolger ein sichtbares Zeichen der Nähe zu Migranten und Flüchtlingen. Dabei knüpft er an zentrale Gedanken seines Lehramtes an. In seinem Apostolischen Schreiben „Dilexi te“ betont der Papst die Verbindung zwischen der Liebe Christi und der Zuwendung zu den Armen, Leidenden und Fremden.

Auch in der Enzyklika „Magnifica humanitas“ fordert Leo XIV. einen Perspektivwechsel. Die Welt müsse aus der Sicht der Schwächsten betrachtet werden – „aus der Sicht der Witwe, des Waisenkindes, des Fremden, des verletzten Kindes, des Verbannten, des Flüchtlings“. Der Besuch auf den Kanarischen Inseln wird damit zu mehr als einer pastoralen Visite. Er ist ein Appell an Europa, die Not der Schutzsuchenden nicht aus dem Blick zu verlieren, und zugleich eine Erinnerung daran, dass christliches Zeugnis immer auch konkrete Menschlichkeit bedeutet.

A

Über Andreas Nachbar

Redakteur / Autor bei GodMag.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten aus Kirche und Gesellschaft direkt in Ihr Postfach.

Völlig kostenlos. Abmeldung jederzeit mit einem Klick möglich.

Kommentare (0)

Du kannst auch als Gast kommentieren. Wir senden dir eine E-Mail zur Bestätigung; danach wird dein Kommentar von der Redaktion geprüft.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare werden geladen...