Welt

„Nicht in eine Parallelgesellschaft zurückziehen“: Jesuit über Syriens Christen

Ein österreichischer Jesuit erklärt, warum Syriens Christen nach dem Machtwechsel mehr brauchen als Schutz und Hilfe – und welche Rolle ihnen beim Neuaufbau des Landes zukommt.

A
Andreas Nachbar
3 min Lesezeit
„Nicht in eine Parallelgesellschaft zurückziehen“: Jesuit über Syriens Christen
Griechisch-Orthodoxes Patriarchat in Damaskus - die Gemeinde in deren Kirche der Selbstmordanschlag stattfand.

Syrien steht nach Jahren des Krieges und dem Ende der Assad-Herrschaft vor einem politischen und gesellschaftlichen Neuanfang. Für den österreichischen Jesuiten Gerald Baumgartner darf sich die christliche Minderheit dabei nicht in eine Parallelgesellschaft zurückziehen. Wer die christliche Präsenz im Land erhalten wolle, müsse mehr tun, als Häuser, Schulen und Lebensunterhalt zu sichern: Christen bräuchten Perspektiven – und den Mut, selbst Verantwortung für die Zukunft Syriens zu übernehmen.

Mehr als Schutz und Hilfe

Für Baumgartner darf Unterstützung nicht bei materieller Hilfe stehen bleiben. Sie könne sogar kontraproduktiv wirken, wenn sie dazu führe, dass sich Christen dauerhaft zurückzögen. „Ausschließlich mit materieller Hilfe werden viele ausreisen“, warnt der Jesuit. Menschen zum Bleiben zu bewegen, sei jedoch nicht das Ziel: „Jeder muss diese Entscheidung frei treffen.“

Entscheidend seien vielmehr konkrete Zukunftsperspektiven und die Bereitschaft der Christen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Ihnen müsse vermittelt werden: „Es liegt auch an euch, dieses Land zu verändern.“ Gerade nach dem Ende der jahrzehntelangen Assad-Herrschaft sei dies von besonderer Bedeutung. Syrien ringe um eine neue politische und gesellschaftliche Ordnung – und damit auch um die Frage, wie die verschiedenen Bevölkerungsgruppen künftig miteinander leben können.

Christliche Gemeinden sollten sich nach Ansicht des Jesuiten nicht als abgeschottete Minderheit verstehen. „Es ist zentral, dass Christen sich nicht primär als verfolgte Minderheit verstehen, sondern wieder als Syrer – als syrische Christen“, sagt Baumgartner.

Dafür brauche es Orte der Begegnung. Die Kirche müsse Räume schaffen, in denen Christen, Muslime und Angehörige anderer ethnischer und religiöser Gruppen miteinander ins Gespräch kommen. Gerade nach Jahren von Krieg, Misstrauen und gesellschaftlicher Spaltung sieht Baumgartner darin eine wesentliche Aufgabe kirchlicher Arbeit.

Zwischen Angst und Unsicherheit

Auch die verbreitete Vorstellung, Christen hätten unter Baschar al-Assad sicher und frei leben können, greift für Baumgartner zu kurz. Zwar hätten viele Christen den früheren Präsidenten angesichts des Bürgerkriegs und der Bedrohung durch islamistische Gruppen als Garanten für Stabilität gesehen. Die tatsächlichen Verhältnisse unter seinem Regime seien jedoch deutlich komplexer gewesen.

Unterstützen Sie uns

Unabhängiger, katholischer Journalismus braucht Sie.

GodMag finanziert sich durch die freiwilligen Beiträge unserer Leser. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, helfen Sie uns bitte mit einer kleinen Spende, um unsere Arbeit fortzusetzen.

Assad habe die Minderheiten gezielt an seine Herrschaft gebunden, indem er sich als deren Schutzmacht inszeniert habe. „So hatten die Minderheiten überhaupt keine Wahl“, sagt Baumgartner. Zugleich habe ein dichtes Netz von Geheimdiensten das öffentliche Leben kontrolliert.

Die Situation nach dem Machtwechsel bewertet der Jesuit ebenfalls mit Vorsicht. Zwar könne die Kirche heute in mancher Hinsicht freier arbeiten, doch seien die neuen staatlichen Strukturen noch nicht gefestigt. Auch die Sicherheitslage unterscheide sich von Region zu Region. Nach dem Machtwechsel kam es zu schweren Gewalttaten gegen Minderheiten. Eine klare Prognose über die politische Zukunft Syriens wagt Baumgartner deshalb nicht: „Wohin die Reise geht, wissen wir nicht“, so der Pater.

Brücken bauen

Die Jesuiten setzen in Syrien auf Kultur- und Bildungszentren als Orte der Begegnung. Neben der Seelsorge für Christen gibt es dort Sprachkurse, berufliche Weiterbildungen und Angebote zur Konfliktbewältigung. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion kommen dabei miteinander ins Gespräch.

Dabei gehe es nicht darum, die Teilnehmer dauerhaft an kirchliche Einrichtungen zu binden. Vielmehr sollen sie das Gelernte in ihr eigenes Umfeld tragen und dort Brücken zwischen verschiedenen Gruppen bauen.

Für Baumgartner ist diese Arbeit angesichts der tiefen gesellschaftlichen Gräben in Syrien ein wesentlicher Teil des kirchlichen Auftrags. Nach mehr als einem Jahrzehnt Krieg und gegenseitigem Misstrauen müsse die Kirche Orte schaffen, an denen Begegnung wieder möglich werde. Christen könnten dabei als „Sauerteig“ in der Gesellschaft wirken.

Auch bei der sozialen Hilfe macht die Kirche nach Angaben des Jesuiten keinen Unterschied nach Religion. Unterstützung gelte allen Menschen – unabhängig davon, ob sie Christen, Muslime oder Angehörige einer anderen Glaubensgemeinschaft seien.

A

Über Andreas Nachbar

Redakteur / Autor bei GodMag.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten aus Kirche und Gesellschaft direkt in Ihr Postfach.

Völlig kostenlos. Abmeldung jederzeit mit einem Klick möglich.

Kommentare (0)

Du kannst auch als Gast kommentieren. Wir senden dir eine E-Mail zur Bestätigung; danach wird dein Kommentar von der Redaktion geprüft.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare werden geladen...

Bleiben Sie auf dem neuesten Stand – melden Sie sich für unseren Newsletter an

Jesuit Baumgartner: Syriens Christen vor Neuanfang | GodMag