Die demografische Entwicklung in Deutschland, Österreich und ganz Europa erreicht einen kritischen Punkt: Immer weniger Kinder werden geboren, während die Zahl der Todesfälle steigt. Kardinal Christoph Schönborn zeichnet ein eindringliches Bild einer alternden Gesellschaft, in der Pensionssysteme unter Druck geraten, familiäre Strukturen zerbrechen und Einsamkeit zunimmt. Die niedrige Geburtenrate sei nicht nur eine statistische Größe, sondern ein tiefgreifender Wandel mit weitreichenden Konsequenzen für die Zukunft des Landes.
Niedrige Geburtenrate: Wenn Kinder fehlen und Systeme wanken
Kardinal Christoph Schönborn schlägt angesichts der sinkenden Geburtenzahlen alarmierende Töne an. In seiner Freitagskolumne in der Tageszeitung „Heute“ verweist der frühere Wiener Erzbischof darauf, dass die durchschnittliche Geburtenrate bei nur noch 1,29 Kindern pro Frau liegt. „Immer weniger Kinder werden in Österreich, in ganz Europa geboren“, schreibt er und betont die Tragweite dieser Entwicklung: „Inzwischen sterben mehr alte Menschen als Babys auf die Welt kommen.“ Diese Entwicklung ist „unumkehrbar“ und habe „riesige Folgen für uns alle“, warnte der Kardinal.
Besonders deutlich sieht Schönborn die Auswirkungen auf zentrale gesellschaftliche Bereiche. Pensionskassen sowie Gesundheits- und Pflegesysteme geraten zunehmend unter Druck, während gleichzeitig die Einsamkeit wachse, da familiäre Netzwerke kleiner würden. Viele Menschen würden ihren Kinderwunsch aufschieben oder sich bewusst dagegen entscheiden – etwa aus Unsicherheit im Berufsleben, in Beziehungen oder angesichts globaler Krisen. Zugleich mahnt der Kardinal, auch das Leid jener nicht zu übersehen, die ungewollt kinderlos bleiben.
Den aktuellen Entwicklungen stellt Schönborn seine eigene Kindheit gegenüber. Damals seien mehrere Kinder pro Familie die Regel gewesen; auch er selbst sei mit drei Geschwistern aufgewachsen. Das familiäre Zusammenleben habe geprägt: Man habe „aufeinander geschaut, gestritten, voneinander gelernt“. Trotz der kritischen Analyse schlägt der Kardinal auch versöhnliche Töne an. Hoffnung schöpfe er aus alltäglichen Beobachtungen – etwa aus der Freude von Großeltern über Enkelkinder oder dem Engagement junger Väter. „Jedes Kind ist ein Stück Zukunft“, schreibt Schönborn und ergänzt zuversichtlich: „Das Leben ist stärker.“
Bischöfe fordern kinderfreundliche Gesellschaft und politische Unterstützung
Auch die österreichische Bischofskonferenz reagiert auf die demografische Krise. In einer Stellungnahme zum Abschluss ihrer Frühjahrs-Vollversammlung rufen die Bischöfe zu mehr Unterstützung von Familien auf und betonen die Bedeutung einer kinderfreundlicheren Gesellschaft. „Wo Kinder willkommen sind und Familien Rückhalt erfahren, wächst nicht nur persönliches Glück und Lebenssinn, sondern auch Hoffnung auf ein gesellschaftliches Leben im Miteinander und Füreinander“, heißt es in dem Papier.
Die Kirchenvertreter richten sich dabei ausdrücklich an die Politik. Sie fordern Maßnahmen, die jungen Menschen Mut zur Familiengründung geben: „Es braucht leistbaren Wohnraum, den Ausbau hochwertiger Kinderbetreuung sowie eine stärkere Beteiligung der Väter an der Sorgearbeit.“ Familienpolitik solle vor allem dazu ermutigen, Elternschaft als Quelle von Lebenssinn und gesellschaftlicher Hoffnung zu begreifen.
Doch nicht nur der Staat sei gefordert. Auch die Kirche müsse aktiv zu einer kinder- und familienfreundlichen Gesellschaft beitragen. Neben Beratungsstellen, Kindergärten und Schulen sollten auch kinderfreundliche Gottesdienste, Begegnungsräume für Eltern und Kinder sowie Initiativen gegen Einsamkeit „selbstverständlicher Teil des kirchlichen Lebens“ sein, so die Bischöfe weiter.
