Vatikan

Papst Leo XIV.: „Keine gleichgültigen Zuschauer bleiben“

Wie kann die Kirche auf eine Welt reagieren, die von technologischem Fortschritt, sozialer Ungleichheit, Krieg und ökologischen Krisen geprägt ist? Papst Leo XIV. sieht in „Gaudium et spes“ einen bleibend aktuellen Auftrag: zuhören, Widersprüche benennen und Verantwortung übernehmen.

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Andreas Nachbar
4 min Lesezeit
Papst Leo XIV.: „Keine gleichgültigen Zuschauer bleiben“
(c) Screenshot | YouTube | Vatican News

Papst Leo XIV. hat bei der Generalaudienz eine neue Katechesenreihe über die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils eröffnet. Das Dokument habe der Kirche einen neuen Blick auf die moderne Welt eröffnet: Sie solle die Hoffnungen und Sorgen der Menschen teilen, gesellschaftliche Widersprüche benennen und sich besonders an die Seite der Armen und Bedrängten stellen. Angesichts von technologischen Umbrüchen, wachsender Ungleichheit, Kriegen und der ökologischen Krise rief Leo dazu auf, nicht passiv zu bleiben, sondern „mit dem Herzen zuzuhören“ und Verantwortung zu übernehmen.

Kirche soll „mitten in der Welt“ stehen

Papst Leo XIV. hat seine neue Katechesenreihe über die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ mit einem Blick auf das veränderte Verhältnis der Kirche zur modernen Welt begonnen. Nachdem er sich zuvor mit „Sacrosanctum Concilium“ und den Hintergründen der Liturgiereform befasst hatte, stellte er nun die Frage nach einer Kirche, „die der Welt zuhört und ihr dient“.

Das am 7. Dezember 1965 verabschiedete Dokument markiert nach den Worten des Papstes einen wichtigen Perspektivwechsel des Zweiten Vatikanischen Konzils. Bereits zu Beginn des Konzils habe Johannes XXIII. vor jenen „Unglückspropheten“ gewarnt, die in ihrer Zeit vor allem Niedergang und Verfall erkennen wollten. Stattdessen habe er dazu aufgerufen, „die Zeichen der Zeit“ wahrzunehmen und auch darin die Wege der göttlichen Vorsehung zu erkennen.

Im Mittelpunkt von „Gaudium et spes“ steht für Leo XIV. eine Kirche, die das Leben der Menschen nicht aus der Distanz betrachtet. Sie teile vielmehr deren „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“, insbesondere die Situation der Armen und Bedrängten.

Diese Haltung sei keineswegs Ausdruck eines naiven Optimismus, betonte der Papst. Sie gründe vielmehr unmittelbar im christlichen Glauben: Christus selbst habe durch seine Menschwerdung das menschliche Schicksal geteilt. Daraus folge für die Kirche und jeden einzelnen Gläubigen die Verpflichtung, sich den drängenden Herausforderungen der Gegenwart zu stellen.

Widersprüche klar benennen

Für Papst Leo XIV. ist die Botschaft von „Gaudium et spes“ angesichts der aktuellen Umbrüche hochaktuell. Die Gläubigen dürften angesichts des raschen Wandels nicht „passiv und gleichgültig“ bleiben. Vielmehr gehe es darum, „mit dem Herzen zuzuhören, sich herausfordern zu lassen und sich einzubringen“.

Besonders die Menschen, die unter Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Gewalt leiden, müssten dabei in den Blick genommen werden. Mit Christus und aus der Kraft des Heiligen Geistes seien Christen aufgerufen, „die Nöte ihrer Brüder und Schwestern mitzutragen“, betonte der Pontifex. Dabei knüpfte der Papst an die von Franziskus hervorgehobene „Option für die Armen“ an. Christlicher Glaube bedeute, die Wirklichkeit nicht auszublenden, sondern auch ihre Widersprüche klar zu benennen.

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Leo XIV. verwies auf den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt, der zwar immer neue Möglichkeiten eröffne, von denen aber nicht alle Menschen gleichermaßen profitierten. Auch wachsender Reichtum und wirtschaftliche Macht stünden in einem auffälligen Gegensatz dazu, dass weiterhin große Teile der Weltbevölkerung unter Hunger und Not litten.

Als weiteren Widerspruch nannte der Papst das wachsende Bewusstsein für die Gefährdung des Planeten bei gleichzeitig anhaltendem egoistischem Konsum. Hinzu komme die „Illusion“, Krieg könne ein wirksamer Weg sein, Frieden zu schaffen. Gerade an diesen Spannungen müsse sich nach den Worten Leos zeigen, ob die Gesellschaft bereit sei, Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen.

Eine Kirche mit offenem Ohr

In einer Zeit großer Umbrüche und wachsender Unsicherheit sieht Papst Leo XIV. die Kirche besonders als Gesprächspartnerin und Begleiterin der Menschen. „Gaudium et spes“ zeichne das Bild einer Kirche, die den Dialog sucht, zuhört und sich den konkreten Sorgen und Nöten der Menschen zuwendet.

Damit könne sie zu einer „verlässlichen Wegbegleiterin“ in einer sich rasch verändernden Welt werden. Entscheidend sei, dass die Kirche nicht auf Distanz bleibe, sondern den Menschen nahe sei und ihre Erfahrungen und Fragen ernst nehme.

Zum Abschluss seiner Katechese formulierte Leo XIV. einen Wunsch: „Mögen Freude und Hoffnung – Gaudium et spes – die Kennzeichen einer Kirche sein“, die das Evangelium verkündet und zugleich „den Frauen und Männern unserer Zeit nahe ist“.


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Redakteur / Autor bei GodMag.

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