Familie

Schulseelsorge – wenn Schule über Bildung hinausgeht

Zwischen Leistungsdruck und Zukunftsängsten: Schulseelsorger Daniel Sluminsky spricht darüber, was junge Menschen heute wirklich bewegt und wo Schule an ihre Grenzen stößt.

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Andreas Nachbar
9 min Lesezeit
Schulseelsorge – wenn Schule über Bildung hinausgeht
(c) Wikimedia Commons - HOWI - CC BY-SA 3.0

Schule ist mehr als ein Ort, an dem Wissen vermittelt und Leistungen bewertet werden. Gerade junge Menschen stehen dort vor Fragen, die sich nicht in Klassenarbeiten oder Zeugnissen beantworten lassen: Wer bin ich? Was kann ich? Wo will ich hin? Und worauf kann ich vertrauen, wenn das Leben schwierig wird? Zwischen Leistungsdruck, Zukunftsängsten, Social Media und einer immer unübersichtlicheren Informationswelt wächst zugleich die Sehnsucht nach Orientierung, Gemeinschaft und einem verlässlichen Gegenüber.

Schulseelsorge eröffnet dabei einen Raum, in dem nicht die nächste Note oder die nächste Prüfung im Mittelpunkt steht, sondern der Mensch selbst. Wie er diese Aufgabe versteht und welche Fragen junge Menschen heute beschäftigen, erläutert Pfarrer Daniel Sluminsky, Schulseelsorger am Erzbischöflichen St.-Ursula-Gymnasium in Brühl, in seiner Stellungnahme.

Herr Pfarrer Sluminsky, Vor wenigen Wochen hat das neue Schuljahr begonnen. Sie sind im Schulalltag nah an den jungen Menschen dran. Mit welchen Sorgen, Fragen oder Problemen kommen Schüler zu Ihnen?

Herr Pfarrer Sluminsky: Tatsächlich muss ich zugeben, dass die Schüler selten direkt mit Fragen, Problemen oder Sorgen kommen.
Ich sehe meine Aufgabe als Schulseelsorger eher darin, da zu sein und zuzuhören. Viele freuen sich einfach, wenn sie jemanden haben, der da ist, Interesse an ihnen hat, sich für ihre Themen interessiert und ihnen einfach zuhört. Dabei geht es mehr um normale Themen des Alltags (Wie läuft es mit den AGs? Wie waren die Ferien? Welcher Lehrer ist komisch etc.). 
Natürlich gibt es auch Probleme, aber da es an meinen Schulen auch ein großes Beratungsangebot gibt, das von vielen Kollegen aus dem Lehrerkollegium angeboten wird, haben die Schüler auch hier Möglichkeiten, um zu reden im Konfliktfall. Und natürlich hängen die Themen auch vom Alter und der Situation ab. Bei Klassen oder Jahrgangsstufenfahrten ist die Bereitschaft und das Interesse an den großen Fragen (Was mache ich mit meinem Leben? Wieso musste mein Großvater sterben? Gibt es einen Gott? etc.) größer als im Schulalltag. Und natürlich wird jemand, der am Beginn seiner Schulkarriere steht, andere Fragen haben als ein Abiturient.

Erzbischof Franz Lackner aus der Erzdiözese Salzburg hat zum Schulstart gesagt, Bildung sei nicht allein das Ansammeln von Wissen, sondern forme und festige den Menschen für ein Leben in Umsicht und Verantwortung. Was bedeutet dieser Gedanke für Sie – und erleben Sie das auch im Schulalltag?

Herr Pfarrer Sluminsky: Im Studium der Theologie hat man mir mal gesagt, dass ich mit dem Abschluss (Diplom) meines Studiums nichts über Theologie weiß. Ich würde lediglich lernen, wo ich Antworten und Informationen finden und mit ihnen umgehen kann. Mit der Schule und ihrer Bildung ist das eigentlich ähnlich. Mein Leben in Umsicht und Verantwortung zu leben bedeutet ja, dass ich meine eigenen Fähigkeiten und Talente kenne, weiß, wie ich sie einsetze und weiterentwickeln kann. Gleichzeitig muss ich lernen, kritisch zu sein. Das bedeutet: Die Fähigkeit besitzen, zu unterscheiden und alles (mich eingeschlossen) zu hinterfragen, um besser zu verstehen. Und dann gilt es auch, dass man lernt, sich einzubringen, für Dinge auch einzustehen und Verantwortung zu übernehmen. Das Wort Verantwortung beinhaltet das Wort Antwort. Die Antwort besteht darin, dass wir alle, nicht nur Schüler, lernen und anerkennen müssen, dass die Pflichten, Aufgaben, die Arbeit, ja der Alltag ein Anruf an uns ist und diesem gilt es durch unser Handeln zu antworten. Und genau diese Haltung gilt es zu kultivieren. Noten, Leistung, Hausaufgaben, aber auch Aufgaben und AGs sind nicht Schikanen oder Folterinstrumente, sondern sollen auch helfen, Verantwortung und Tugenden zu erlernen und so Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig natürlich auch die eigenen Talente zu entdecken und zu fördern.

Was gehört für Sie zu einer guten Bildung, das sich nicht in Noten oder einem Zeugnis ausdrücken lässt? Welche Rolle spielen dabei etwa Persönlichkeit, Verantwortung, Gemeinschaft und der Umgang mit anderen?

Herr Pfarrer Sluminsky: Ich sehe eine große Gefahr in der Zerstückelung des Wissens und der Wahrnehmung, auch in Bezug auf den Menschen. Ihn nicht mehr als Einheit zu sehen, sondern ihn nach gewissen Kategorien und Maßen zu zerteilen. Und hier muss wieder mehr die große Einheit her. Der Mensch als Ganzer will und soll gebildet werden. Dafür steht für mich die Herzensbildung und die Fähigkeit zu Lieben. Liebe im Sinne des hl. Thomas von Aquin: Das Gute für den Anderen zu wollen. Mein großes Ziel ist es, dass die Schule ein Ort wird, an dem Menschen diese Liebe erfahren („Man will mir Gut sein!") dürfen im Unterricht, im Umgang miteinander. Und Schule muss auch ein Ort sein, wo es geübt werden soll. Wie kann ich jemandem Gutes wollen? Wie gehe ich damit um, wenn ich es nicht hinbekomme? Wo darf ich auch an meine Grenzen stoßen?
Und letztendlich soll Schule zu DEM Guten führen: Gott. Eine Begegnung mit IHM sollte sie ermöglichen, denn gerade in der Begegnung mit Gott wird unsere tiefste Sehnsucht gestillt.
Mein Ziel ist es, dass Schüler unsere Schule verlassen und in der Liebe gewachsen sind und weiterwachsen und weiterwachsen wollen.

Viele junge Menschen erleben Leistungsdruck, Zukunftsängste und den ständigen Vergleich mit anderen – gerade durch Social Media. Wie nehmen Sie das bei den Jugendlichen in Ihrer Schule wahr? Und was können Schule und Schulseelsorge dem entgegensetzen?

Herr Pfarrer Sluminsky: Zunächst haben wir in unserer Schule eine sehr strenge Handyregelung, die von Schülern und Eltern auch gefordert und gefördert wird, da man diesen Druck, der von außen kommt, erfahren hat und ihm etwas entgegensetzen will. Aber grundsätzlich nehme ich schon einen großen Druck wahr, dass junge Menschen sich unter den Maximen der Leistung und des Vergleiches gestellt fühlen und es auch selber sind. Hier begegnen wir dem Ganzen durch entsprechende Angebote wie besondere Tage religiöser Orientierung, wo wir mit den Schülern wegfahren in ein Bildungshaus des Bistums und es dort eine Mischung aus Lernen für Prüfungen, Seminare zur Prüfungsangstbekämpfung, Sport und Freizeit, aber auch geistlich-spirituellen Angeboten gibt. Bei den Gottesdiensten und geistlichen Impulsen steht hier immer das Thema der Gotteskindschaft im Mittelpunkt: Wir sind geliebte und gewollte Kinder des Vaters. Und dies hängt niemals im Kontext mit (guten) Noten oder Leistung. Natürlich will Gott auch, dass wir unsere Potentiale ausnutzen, aber dies ist ein (langsamer) Wachstumsprozess, den man mit Gott erkunden muss. Druck oder Vergleich helfen hier nicht. Wir bieten auch täglich eine Zeit der Anbetung an, die der Inbegriff der Nutzlosigkeit im weltlichen Sinne ist. Man „verschwendet" die Zeit mit Gott.

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Was bedeutet es für den schulischen Alltag, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde besitzt und nach dem Abbild Gottes geschaffen ist? Und kann der christliche Glaube Jugendlichen helfen, ihren eigenen Wert nicht von Leistung, Aussehen oder Anerkennung abhängig zu machen? Wie nehmen sie das aktuell wahr?

Herr Pfarrer Sluminsky: Das sind, so meine Wahrnehmung, häufig Worte und Forderungen, die gestellt werden, aber die manchmal ohne konkreten Inhalt sind. Es bleibt auch ein Thema der Auseinandersetzung und des Ringens, da es dazu viele Meinungen und Positionen gibt, was damit gemeint sei. Heute geht es mehr um die individuelle Freiheit, die für viele alles andere überschatten. Diesem gilt es zu begegnen und gerade da die Unantastbarkeit des Menschen deutlich zu machen. Denn gerade die radikale Autonomie greift auch die Unantastbarkeit der menschlichen Würde an. Es ist ja gerade diese radikale Autonomie, die im Hintergrund steht bei den bioethischen Diskussionen unserer Gegenwart: Abtreibung, Euthanasie, assistierter Suizid. Sie werden alle mit dem Argument geführt, dass man das alles selber entscheiden müsse und dürfte. „Mein Bauch gehört mir!“, „Mein Leben, mein Körper, mein Tod!“ sind beides Beispiele für diese radikale Autonomie. Und gerade diesem Denken sollte kritisch begegnet werden. Denn wir Menschen sind keine unabhängigen, einsamen Inseln, sondern wir sind, bei aller individuellen Freiheit, doch aufeinander und aneinander gebunden und müssen füreinander Verantwortung übernehmen. Und deshalb ist es wichtig, dass Schule ein Ort ist, wo auch die moderne Meinung immer kritisch hinterfragt werden muss. Nur so können Menschen wirklich frei werden.

Schüler wachsen heute mit einer enormen Informationsflut, ob wahr oder falsch und künstlicher Intelligenz auf. Was muss Bildung ihnen mitgeben, damit sie zwischen Desinformation und Wahrheit unterscheiden, Quellen kritisch prüfen und sich ein eigenes Urteil bilden können?

Herr Pfarrer Sluminsky: Dass es sich lohnt, langsam zu sein und dass gerade die alten Formen wie lesen und schreiben wichtig sind. Am Ende muss die Kritik stehen, im guten Sinne des Wortes als Unterscheidung. Die Dinge zu unterscheiden, sich Zeit zu nehmen, um die Quellen zu prüfen und zu wissen: Ich habe und brauche meine Zeit, um das zu machen. Das bedeutet auch gegen den modischen Strom zu schwimmen, aber das ist schließlich auch ein Zeichen von lebendigen Fischen. Nur die schwimmen gegen den Strom.

Was kann Schulseelsorge leisten, was Schule allein vielleicht nicht leisten kann? Und welche Rolle spielen dabei die großen Fragen nach Sinn, Hoffnung, Schuld, Vergebung und dem eigenen Lebensweg?

Herr Pfarrer Sluminsky: Sie kann und darf dann da sein, wenn das „System" Schule keine Zeit hat. Sie muss immer wieder vor Augen führen, dass man zwischen den Taten, ihrer Bewertung und den Tätern unterscheiden muss.
Egal, wie gut oder schlecht vielleicht Noten sind, du bist ein wertvoller und geliebter Mensch. Aber auch bei den grundsätzlichen Fragen nach Sinn und Richtung des Lebens, die sich nicht immer an den Schulfächern orientiert, kann Schulseelsorge durch Begleitung eine große Hilfe sein. Ebenso bei den großen Erschütterungen des Lebens oder Katastrophen im Leben der Schüler (Tod eines Verwandten etc.).

Wenn Sie einem jungen Menschen am Ende seiner Schulzeit eine Sache mitgeben könnten, die in keinem Zeugnis steht – was wäre das?

Herr Pfarrer Sluminsky: Zwei Punkte: Die Überzeugung, dass es besser wäre, mit ein paar Schrammen und Beulen durchs Leben zu gehen und zu wissen, dass man geliebt und angesehen wird von Gott, als dass man auf einer Schleimspur durch das Leben rutscht, ohne je die Erfahrung der Liebe gemacht zu haben.

Und: In jedem von uns steckt ein hungriges Herz, ein Herz, das Sehnsucht hat nach Sinn und Erfüllung. Diese Sehnsucht liegt tief in jedem von uns und kann nur von Gott erfüllt werden. Man soll ihr trauen und sich nicht einreden lassen, dass es diese Sehnsucht nicht gebe.

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Über Andreas Nachbar

Redakteur / Autor bei GodMag.

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