Sie rauchte, fluchte und brach Tabus – Nobelpreisträgerin Undset auf dem Weg zur Seligsprechung
Die norwegische Nobelpreisträgerin führte ein bewegtes Leben zwischen persönlicher Krise, gesellschaftlichem Widerstand und tiefem Glauben. Nun eröffnet der norwegische Bischof den Seligsprechungsprozess.

Sie war eine Nobelpreisträgerin mit einem bewegten Leben, geprägt von Ehebruch, gesellschaftlichen Skandalen und schließlich einer radikalen Bekehrung zum katholischen Glauben: Auf den ersten Blick scheint Sigrid Undset kaum in das klassische Bild einer Heiligen zu passen. Doch gerade darin sieht die katholische Kirche ihre besondere Glaubwürdigkeit. Der Osloer Bischof Fredrik Hansen hat nun angekündigt, einen Seligsprechungsprozess für die berühmte norwegische Schriftstellerin einzuleiten.
Bischof Hansen würdigt Undset als Glaubensvorbild
Der Osloer Bischof Fredrik Hansen kündigte die Einleitung des Seligsprechungsprozesses am 8. Juli während einer Messe auf der Insel Selja an. Dort hatten sich Pilger zum Fest der heiligen Sunniva versammelt – genau 100 Jahre nachdem Sigrid Undset die Insel erstmals besucht hatte.
In seiner Predigt würdigte Hansen die Nobelpreisträgerin nicht in erster Linie als bedeutende Schriftstellerin, sondern als Frau des Glaubens. Ihr Leben, geprägt von Bekehrung, Leid und geistiger Tiefe, sei auch in einer säkularen Gesellschaft ein starkes Zeugnis für den christlichen Glauben.
Für die kleine katholische Kirche in Norwegen hat der angekündigte Seligsprechungsprozess eine besondere Bedeutung. Mit Undset rückt eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Landes in den Blick, die sich trotz persönlicher Krisen und gesellschaftlicher Widerstände kompromisslos zum katholischen Glauben bekannte.
„Sie ist weit mehr als eine Autorin und Nobelpreisträgerin“, betonte Hansen. „Für uns ist sie ein Vorbild des christlichen Glaubens, eines tugendhaften Lebens und des Strebens nach Heiligkeit.“
Zugleich stellte der Bischof den Schritt in einen größeren kirchlichen Zusammenhang. Heiligkeit sei keine Berufung für wenige Auserwählte, sondern für alle Christen. In Sigrid Undset sehe die Kirche deshalb ein konkretes Beispiel dafür, wie dieser Ruf mitten im Alltag gelebt werden könne – in Familie, Leid, öffentlichem Wirken und persönlicher Bekehrung.
Ein Leben zwischen Schuld und Gnade
Für Bischof Fredrik Hansen zeigt Sigrid Undsets Lebensweg, dass Heiligkeit nicht mit einem makellosen Leben beginnt, sondern durch Umkehr und Glauben wachsen kann. In der norwegischen Schriftstellerin sehe die katholische Kirche ein Beispiel dafür, wie christliche Berufung inmitten von Alltag, Leid und Verantwortung gelebt werden könne.
Besonders hob Hansen ihren Einsatz für den katholischen Glauben, ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus und ihr Engagement für die Freiheit Norwegens während des Zweiten Weltkriegs hervor. Ebenso verwies er auf ihre „beständige und praktische Sorge um die Armen“. Auch ihre Fürsorge für ihre behinderte Tochter bezeichnete der Bischof als Ausdruck ihres „Engagements für das Leben und die Heiligkeit des Lebens“.
Auch literarisch habe Undset Spuren hinterlassen. Ihre Romane, so Hansen, hätten Generationen von Gläubigen geprägt, sie ermutigt, „in Christus zu leben“, und das geistliche Erbe der mittelalterlichen Heiligen Norwegens bewahrt.
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Dabei verschweigen die Befürworter einer Seligsprechung nicht die Brüche in Undsets Biografie. Ihr früheres Leben entsprach keineswegs dem klassischen Bild einer Heiligen: Es war geprägt von persönlichen Konflikten, gesellschaftlichen Kontroversen und Entscheidungen, die zu ihrer Zeit für Aufsehen sorgten.
Gerade diese Entwicklung sehen ihre Unterstützer jedoch als Teil ihres Zeugnisses. Undset sei nicht als fertige Heilige in den Glauben hineingewachsen, sondern habe einen langen Weg der Suche, der Reue und der immer tieferen Bindung an den Katholizismus zurückgelegt.
Von der Rebellin zur Glaubenszeugin
Die 1882 in Dänemark geborene und in Norwegen aufgewachsene Schriftstellerin stammte aus einem weitgehend atheistisch geprägten Elternhaus. Nach dem frühen Tod ihres Vaters musste die Familie finanziell schwierige Zeiten bewältigen. Bereits mit 16 Jahren begann Undset als Sekretärin zu arbeiten und legte damit den Grundstein für ihre spätere literarische Karriere.
Ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Alter von 25 Jahren. Mit „Fru Marta Oulie“ sorgte sie sofort für Aufsehen: Die Geschichte über Ehebruch begann mit dem provokanten Satz: „Ich bin meinem Mann untreu gewesen.“ Das Werk machte die junge Autorin über Nacht bekannt und zeigte bereits jene Themen, die ihr späteres Schreiben prägen sollten: Schuld, Beziehungen, Verantwortung und die Suche nach Wahrheit.
Auch Undsets eigenes Leben war zunächst von Konventionen wenig geprägt. Sie rauchte, trank, äußerte sich scharfzüngig und führte eine Beziehung mit dem noch verheirateten Maler Anders Castus Svarstad, den sie später heiratete. Ihr Lebensstil stieß in der damaligen Gesellschaft vielfach auf Kritik.
Der entscheidende Wendepunkt kam 1924. Im Alter von 42 Jahren trat Undset zur katholischen Kirche über – ein Schritt, der im überwiegend lutherischen Norwegen für heftige Diskussionen sorgte. Während manche Kritiker darin einen Rückzug in eine überholte Weltanschauung sahen, bekannte sich Undset öffentlich und entschieden zu ihrem neuen Glauben.
Später schloss sie sich als Mitglied des Dritten Ordens den Dominikanern an und verarbeitete ihre religiöse Suche in Essays und Romanen. Nur vier Jahre nach ihrer Konversion erhielt sie 1928 den Nobelpreis für Literatur.
Ihre Werke spiegelten zunehmend ihre eigene geistliche Entwicklung wider. In den großen historischen Romanen über das mittelalterliche Norwegen beschäftigte sie sich mit Fragen nach Sünde und Vergebung, Leid und Gnade – Themen, die nicht nur literarische Motive waren, sondern Ausdruck ihres eigenen Weges zum Glauben.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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