Studie offenbart es: Kirchliches Ehrenamt verringert Chancen bei Vorstellungsgesprächen
Wer sich ehrenamtlich in Kirche oder Moschee engagiert, hat bei Bewerbungen offenbar das Nachsehen. Eine neue Studie liefert überraschende Erklärungen dafür.

Wer im Lebenslauf ehrenamtlich in einer Kirche oder Moschee aktiv ist, hat bei Bewerbungen offenbar schlechtere Karten. Eine neue Studie aus Belgien zeigt: Religiös engagierte Bewerber werden von Personalverantwortlichen deutlich seltener für ein Vorstellungsgespräch ausgewählt – und zwar unabhängig davon, ob sie als Christen oder Muslime wahrgenommen werden. Das ist besonders bemerkenswert, weil ihnen zugleich positive Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit zugeschrieben werden.
Religiöses Ehrenamt birgt Job-Nachteil
Wer im Lebenslauf eine ehrenamtliche Tätigkeit in einer Kirche oder Moschee angibt, könnte damit seine Chancen im Bewerbungsverfahren schmälern. Das zeigt ein im September veröffentlichtes Diskussionspapier des arbeitsökonomischen Forschungsnetzwerks IZA Network at LISER in Luxemburg. Für die Studie bewerteten 177 Personalverantwortliche aus Flandern, Brüssel und Wallonien insgesamt 708 fiktive Bewerbungen. Die Daten wurden zwischen April und Juni 2026 erhoben.
Die Forschenden untersuchten, welche Rolle religiöse Signale bei der Personalauswahl spielen – unabhängig von der ethnischen Herkunft. Dafür variierten sie in den Bewerberprofilen unter anderem den Namen, ein sichtbares religiöses Zeichen auf dem Foto sowie die Art des ehrenamtlichen Engagements.
Das Ergebnis: Religiöses Ehrenamt wirkte sich sowohl bei christlich als auch bei muslimisch wahrgenommenen Bewerbern negativ auf die Bewertung aus. Die Wahrscheinlichkeit, im Auswahlverfahren weiterzukommen, sank laut Studie deutlich.
Für das Experiment beurteilten professionelle Personalverantwortliche fiktive Profile für eine offene Stelle in ihrer eigenen Organisation. Die Untersuchung unter dem Titel „Religion Versus Religiosity: What Matters for Hiring?“ wurde von Forschenden der Universitäten Gent und Antwerpen sowie der Université catholique de Louvain durchgeführt.
Nicht dem Mainstream folgend
Bewerber, deren religiöse Zugehörigkeit für die Personalverantwortlichen erkennbar war, wurden im Experiment schlechter bewertet als jene, bei denen sie unklar blieb. Dabei spielte es keine messbare Rolle, ob die Person als christlich, muslimisch oder atheistisch wahrgenommen wurde. Je stärker die Religiosität eingeschätzt wurde, desto geringer war zudem die Bereitschaft, die Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen.
Besonders deutlich wirkte sich religiöses Ehrenamt aus. Wer sich in einer Kirche oder Moschee engagierte, hatte laut den Forschenden deutlich schlechtere Chancen im Auswahlverfahren. „Religiöses Ehrenamt ist damit das einzige Signal, das die Einstellungschancen messbar verringert“, heißt es in dem Diskussionspapier. Ein Kreuzanhänger oder Kopftuch auf dem Bewerbungsfoto veränderte die Bewertung hingegen nicht messbar. Auch ein türkischer oder polnischer Name allein hatte keinen entsprechenden Effekt.
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Die Forschenden weisen zugleich auf eine Forschungslücke hin. Religion sei zwar „rechtlich ein geschützter Diskriminierungsgrund“, dennoch gebe es bislang vergleichsweise wenig Forschung zur Benachteiligung aufgrund religiöser Zugehörigkeit. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass religiöse Diskriminierung bei der Personalauswahl stärker als eigenständiges Phänomen betrachtet werden müsse.
Positiv bewertet, trotzdem benachteiligt
Auf der persönlichen Ebene schneiden religiöse Bewerber in der Studie keineswegs schlechter ab. Ihnen werden sogar häufiger Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit zugeschrieben. „Ihnen werden also arbeitsrelevante Eigenschaften zugeschrieben, und dennoch werden sie benachteiligt“, fassen die Forschenden zusammen.
Der entscheidende Unterschied zeigt sich offenbar bei der erwarteten Zusammenarbeit. Personalverantwortliche gingen demnach eher davon aus, dass Kollegen oder Kunden weniger bereit sein könnten, mit stark religiös wahrgenommenen Bewerbern zusammenzuarbeiten oder zu interagieren.
Eine mögliche Erklärung sehen die Forschenden in der Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Im Diskussionspapier ist von einer „Verbundenheit mit einer Gemeinschaft außerhalb des Mainstreams“ die Rede. Ehrenamtliches Engagement in einer etablierten, nicht religiösen Gemeinschaftsorganisation wurde dagegen positiv bewertet und konnte ethnische Benachteiligungen bei der Personalauswahl abmildern. Es könne als „Annäherung an die Mehrheit“ verstanden werden.
Bei kirchlichem oder muslimischem Gemeindeehrenamt werde offenbar das Gegenteil signalisiert: kulturelle Distanz statt Integration. Das Problem liege damit nicht in einer unterstellten mangelnden Arbeitsbereitschaft. „Personalverantwortliche erwarten, dass ihre Kollegen und manchmal auch ihre Kunden weniger erpicht darauf wären, mit religiösen Kandidaten zusammenzuarbeiten“, sagte der Forscher Devos dem belgischen Fachmagazin #ZigZagHR.
Die Forschenden sehen darin einen Hinweis auf eine bislang wenig beachtete Dimension der Benachteiligung. Religiöse Diskriminierung müsse „neben und über die ethnische Diskriminierung hinaus“ stärker erforscht werden, schreiben sie. Während sich die Antidiskriminierungspolitik häufig auf ethnische Herkunft konzentriere, bleibe Religion als eigenständiger Diskriminierungsgrund vergleichsweise wenig berücksichtigt.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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