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Wenn aus Dogmatik Soziologie wird – Ein Kommentar zu „Theologin: ‚Wagenburgkatholizismus‘ nicht zukunftsfähig“, der Dogmatik-Professorin Franca Spies

Franca Spies bezeichnet „Wagenburgkatholizismus“ als nicht zukunftsfähig und betont die Möglichkeit eines künftig anderen Verständnisses kirchlicher Überzeugungen. Doch was bedeutet Synodalität tatsächlich – und wo endet legitime Lehrentwicklung? Eine kritische Einordnung aus dogmatischer Perspektive.

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Lukasz Holfeld
14 min Lesezeit
Wenn aus Dogmatik Soziologie wird – Ein Kommentar zu „Theologin: ‚Wagenburgkatholizismus‘ nicht zukunftsfähig“, der Dogmatik-Professorin Franca Spies

Ausgerechnet eine Dogmatik-Professorin erklärt katholische Identität für verhandelbar. Franca Spies, seit Ende 2025 auf dem Salzburger Lehrstuhl für Dogmatik, sagte katholisch.de am 27. Juli 2026 unter der Überschrift „Theologin: ‚Wagenburgkatholizismus‘ nicht zukunftsfähig“, an Fragen wie Frauenweihe, Zölibat oder Sexualmoral entscheide sich nicht, was katholisch sei. Die Kirche befinde sich in ständiger Bewegung, ihre Überzeugungen könnten künftig „besser oder gar anders verstanden werden“ – und dafür beruft sie sich, nicht zufällig, auf die Synodalität, die Papst Leo XIV. zu einem zentralen Anliegen seines Pontifikats gemacht hat.

Nur: Hat die sie den Papst wirklich verstanden? Von einer Dogmatik-Professorin darf man erwarten, dass sie zwischen Glaubensgut, Lehrentwicklung, kirchlicher Disziplin und theologischer Diskussion unterscheidet. Bei Spies verschwimmt aber genau das. Der Artikel reicht dafür aus, um bei genauerer Sicht wahrzunehmen: Verbindliche Lehren werden zu beweglichen Überzeugungen, und die Synodalität rückt in die Nähe eines kirchlichen Veränderungsprozesses – obwohl der Papst sie ausdrücklich anders versteht.

Um es auch Franca Spies deutlich zu sagen: Die Kirche bringt ihre Offenbarung nicht selbst hervor. Sie empfängt sie, bewahrt sie und verkündet sie. Zu versuchen, diesen Unterschied mit Begriffen wie „Bewegung“ und „Zukunftsfähigkeit“ aufzulösen, vertieft keine Lehre. Nein. So wird Offenbarung übersetzt in die Sprache gesellschaftlicher Veränderungsprozesse.

Synodalität wird ins Gegenteil verkehrt

Spies beruft sich auf Leo XIV. und nennt Synodalität ein Kernthema seines Pontifikats. Aber sie missversteht ihn. Leo XIV. hat Synodalität nie als Werkzeug beschrieben, mit dem sich Lehrfragen öffnen oder Glaubensüberzeugungen verändern lassen. Beim außerordentlichen Konsistorium im Januar 2026 sagte er ausdrücklich:

Die Synodalität ist nicht in erster Linie eine Reihe von Verfahren; wie ich bereits mehrfach gesagt habe, ist die Synodalität eine Haltung, eine Offenheit, eine Bereitschaft zum Verstehen. Manchmal ist sie als Schwächung der Autorität interpretiert worden. In Wirklichkeit hilft sie uns jedoch, die Bedeutung der Autorität selbst tiefer zu verstehen, die dazu da ist, die Gemeinschaft zu bewahren, die Teilhabe aller zu fördern und den gemeinsamen Weg der Kirche zu leiten“ (Leo XIV., Ansprache zur Eröffnung des außerordentlichen Konsistoriums, 26. Juni 2026).

Einen Tag zuvor hatte er sie mit der missionarischen Sendung der Kirche verbunden – Christus im Zentrum der Verkündigung. Im Juni 2026 ordnete er die Beratungen über Synodalität einer einzigen Leitfrage unter: Wie kann die Kirche das Evangelium treuer, freier und glaubwürdiger verkünden? Maßstab ist die Mission der Kirche, nicht deren Umgestaltung:

Drittens erfreuen wir uns heute und allezeit der Eintracht im Gehorsam, das heißt im Hören, das das Geschenk des Wortes Gottes erkennt, das für uns Fleisch geworden ist. Mittels dieser Haltung weist uns der Heilige Geist den Weg, indem er selbst uns pastorale Probleme und Chancen aufzeigt, unsere Absichten reinigt und das korrigiert, was vom gemeinsamen Weg abweicht“ (Leo XIV., Homilie bei der Heiligen Messe mit dem Kardinalskollegium, außerordentliches Konsistorium, 26. Juni 2026).

Der Unterschied ist grundlegend. Der Papst fragt, wie die Kirche Christus treuer verkünden kann. Spies verbindet Synodalität mit der Aussicht, kirchliche Überzeugungen könnten künftig anders verstanden werden. Ja, sie ist davon überzeugt: „Wir dürfen also damit rechnen, dass Überzeugungen der Kirche irgendwann besser oder gar anders verstanden werden.“ Nur steht beim Papst, Gott sei Dank, die Treue zum Evangelium im Zentrum und nicht die Bewegung der Geschichte.

Nochmals mit Nachdruck! Synodalität heißt: gemeinsam auf den Heiligen Geist hören, innerhalb des überlieferten Glaubens der Kirche. Nicht: sämtliche Überzeugungen neu verhandeln und an den Zeitgeist anpassen. Auch eine Synode empfängt keine neue Offenbarung und besitzt keine Vollmacht, das Glaubensgut umzuschreiben. Sie kann beraten, unterscheiden, nach Wegen der Verkündigung suchen – aber nicht darüber entscheiden, ob eine offenbarte Wahrheit weiterhin gilt oder nicht.

Zugegeben. Spies behauptet nicht ausdrücklich, Synoden dürften Dogmen ändern. Aber ihre Argumentation erzeugt diesen Horizont: Synodalität steht für Bewegung, Bewegung ermöglicht ein anderes Verständnis, und dieses andere Verständnis kann die bisherigen Überzeugungen verändern. Aus einem geistlichen Weg des Hörens wird so, fast unbemerkt, ein theologisches Veränderungsprinzip.

Ein Beispiel soll den Unterschied greifbar machen. Die Kirche kann beraten, wie sie die christliche Ehe heute verständlicher verkündet und wie sie Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleitet. Sie kann aber nicht synodal beschließen, dass die Ehe künftig etwas anderes sei als der Bund von Mann und Frau. Oder dass gleichgeschlechtliche Paare einen sakramentalen Charakter besitzen. Die menschliche pastorale Sprache darf sich weiterentwickeln. Der empfangene Inhalt des Sakraments steht nicht zur Disposition. Ähnlich bei der Beteiligung von Laien an Verantwortung und Beratung: Sie lässt sich ausbauen, bitte, aber ohne den Unterschied zwischen allgemeinem und sakramentalem Priestertum aufzuheben, den man besonders in Deutschland aufzuheben bestrebt ist. Synodalität erweitert die gemeinsame Verantwortung für die Sendung der Kirche. Sie beseitigt nicht deren hierarchische und sakramentale Ordnung. Selbst die Verkündigung kann neue Begriffe und neue pastorale Zugänge finden – das Evangelium wandert in neue Sprachen und Kulturen. Aber Übersetzung ist nicht Umdeutung. Eine Kirche, die unter dem Namen der Synodalität den Inhalt ihrer Botschaft verändert, hört nicht auf den Heiligen Geist. Sie hört auf die Erwartungen ihrer Umgebung, also auf den Zeitgeist.

Eine katholische Dogmatikerin müsste diese Grenze ziehen. Aber das tut Spies leider nicht. Synodalität wird durch eine solche Rhetorik, die sich die Dogmatikerin leistet, zum allgemeinen Codewort für Offenheit und Veränderung. So verliert sie aber ihre theologische Bestimmung – und was übrigbleibt, unterscheidet sich kaum noch von politischer oder soziologischer Beteiligungsrhetorik. Dogmen sind dann überflüssig.

Lehrentwicklung ist nicht Lehrveränderung

Spies’ Satz, die Kirche müsse damit rechnen, dass ihre Überzeugungen später „besser oder gar anders verstanden werden“, wiegt schwer. Der erste Teil ist katholische Selbstverständlichkeit. Der zweite, unbegrenzt, ist theologisch heikel.

Dass die Kirche im Verständnis der Offenbarung wächst, zeigt die Dogmengeschichte deutlich genug. Auf den frühen Konzilien wurde der Glaube an die Gottheit Christi sprachlich präzisiert – nicht erfunden, sondern gegen falsche Deutungen abgesichert. Auch die Lehre über die Person Christi wurde genauer gefasst. Christus wurde dadurch kein anderer, und die Kirche erhielt keine neue Offenbarung. Sie verstand nur klarer, was ihr von Anfang an anvertraut war.

Echte Lehrentwicklung bewahrt die Identität des Glaubensinhalts. Sie zeigt, was im Glaubensgut schon angelegt war – sie darf eine Lehre nicht in ihr Gegenteil verkehren. Aus „Christus ist wahrer Gott“ kann nie die spätere Überzeugung werden, er sei nur ein religiöser Lehrer gewesen oder Gott in verhüllter Gestalt. Aus dem Bekenntnis zur Auferstehung kann nie die Deutung werden, sie sei bloß ein inneres Erlebnis der Jünger. Das wäre ein Bruch. Diese Grenze zieht bereits das Erste Vatikanische Konzil. Eine Entwicklung des Glaubens muss geschehen „in eodem scilicet dogmate, eodem sensu eademque sententia“, also: „nämlich in demselben Dogma, in demselben Sinn und in derselben Bedeutung.“ (Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Filius, Kap. 4, DH 3020. Die Formulierung greift Vinzenz von Lérins, Commonitorium, Kap. 28, auf).

Auch John Henry Newman, der gerne als Kronzeuge einer weitreichenden Veränderbarkeit kirchlicher Lehre herangezogen wird, schreibt in seinem Essay on the Development of Christian Doctrine:

In a higher world it is otherwise, but here below to live is to change, and to be perfect is to have changed often.“ D. h.: „In einer höheren Welt ist es anders, aber hier unten heißt leben, sich zu wandeln, und vollkommen sein heißt, sich oft gewandelt zu haben.“ (John Henry Newman, An Essay on the Development of Christian Doctrine, Part I, Chapter I, Section 1, § 7).

Der Satz darf jedoch nicht aus Newmans Argumentation herausgelöst werden. Newman beschreibt gerade keine beliebige Veränderung des Glaubens. Sein Entwicklungsbegriff setzt die bleibende Identität der christlichen Lehre voraus. Entwicklung bedeutet bei ihm organisches Wachstum, nicht Austausch der Substanz:

[The idea] changes with them [its circumstances] in order to remain the same.“ D. h.: „[Die Idee] verändert sich mit [ihren äußeren Umständen], um dieselbe zu bleiben.“ (John Henry Newman, An Essay on the Development of Christian Doctrine, Part I, Chapter I, Section 1, § 7).

Leo XIV. erinnerte daran, dass Schrift und Tradition gemeinsam das eine Glaubensgut bilden. Der Heilige Geist hilft der Kirche, sich an die Lehre Christi zu erinnern, sie anzuwenden und zu verkünden – er führt sie nicht in einen anderen Glauben. Noch deutlicher formulierte Leo XIV. diesen Zusammenhang mit Blick auf die Synode:

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Die Umsetzung der Synode, um die wir uns bemühen, lädt alle ein, in der Einheit des Glaubens, in der Förderung des Friedens und im Gehorsam gegenüber dem lebendigen Wort, das Jesus ist, voranzuschreiten.“ (Leo XIV., Homilie bei der Heiligen Messe mit dem Kardinalskollegium, außerordentliches Konsistorium, 26. Juni 2026).

Unmittelbar anschließend führt er aus:

In diesem Licht »erfordern die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen, dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neuheit durchscheinen lässt«“ (Leo XIV., Homilie bei der Heiligen Messe mit dem Kardinalskollegium, außerordentliches Konsistorium, 26. Juni 2026).

Deshalb kann Spies’ „anders verstanden“ nicht unbestimmt stehen bleiben. Eine Lehre lässt sich in neuem kulturellem Zusammenhang mit anderen Worten erklären. Ihr verbindlicher Sinn darf dabei nicht verschwinden. Ein neues Verständnis, das dem bisherigen widerspricht, ist keine legitime Entwicklung. Es ist ein Etikettenwechsel.

Wie unsauber Spies hier argumentiert, zeigt sich an den „heißen Eisen“, die sie aufzählt: Zölibat, Frauenweihe, Sexualität – als wären das Fragen von gleichem Rang. Sind sie überhaupt nicht. Spies selbst: „Katholische Identität steht und fällt nicht mit der jeweiligen Haltung zu den ‚heißen Eisen‘-Themen wie Zölibat, Frauenweihe oder Sexualität.“

Der priesterliche Zölibat in der lateinischen Kirche ist kirchliche Disziplin, mit geistlichen Gründen, aber ohne den Status der unveränderlichen sakramentalen Verfassung der Kirche. In den katholischen Ostkirchen gibt es verheiratete Priester, auch in der lateinischen Kirche bestehen Ausnahmen. Über die konkrete Disziplin kann die Kirche also entscheiden. Bei der Frauenordination liegt der Fall anders. Johannes Paul II. erklärte in Ordinatio Sacerdotalis, die Kirche besitze keine Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden – eine Entscheidung, die alle Gläubigen endgültig festhalten müssten. Wörtlich heißt es:

Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Ordinatio Sacerdotalis über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe, 22. Mai 1994, Nr. 4).

Die Glaubenskongregation bestätigte, dass diese Lehre zum Glaubensgut gehört; noch 2023 hieß es aus Rom, sie sei keiner freien Diskussion oder Veränderung durch Hirten und Theologen zugänglich. Es geht hier nicht um eine zufällig gewählte Haltung, an der sich katholische Identität festmacht. Es geht darum, ob die Kirche ihre sakramentale Verfassung empfängt oder selbst festlegt. Sie sagt nicht: „Wir wollen aus gesellschaftlichen Gründen keine Frauen weihen“. Sie sagt: „Wir haben dazu keine Vollmacht“. Diese Frage unter die beweglichen „heißen Eisen“ einzuordnen, verfehlt den dogmatischen Kern komplett.

Auch die Sexualmoral ist kein Nebenthema, das sich beliebig von der übrigen Glaubenstradition abtrennen lässt. Sie betrifft das christliche Verständnis von Schöpfung, Leib, Ehe, Freiheit, Sünde, Gnade, Heiligung – also wesentliche Teile der Anthropologie und Sakramentenlehre. Natürlich besteht das Christentum nicht ausschließlich aus Sexualmoral. Aber daraus folgt nicht, dass sie nebensächlich oder verhandelbar wäre – genauso wenig, wie die Tatsache, dass das Christentum nicht ausschließlich aus der Eigentumslehre besteht, Diebstahl zur Nebensache macht, oder die Tatsache, dass es nicht nur um die Lebenslehre geht, die Tötung Unschuldiger zum Randthema macht. Spies argumentiert dagegen: „Wer meint, das Christentum auf Fragen von Geschlechtlichkeit und Sexualität verengen zu können, muss schon einen großen Teil der Glaubenstradition ignorieren.“ Der christliche Glaube umfasst die ganze Wirklichkeit, und deshalb hat er auch etwas über Leib, Ehe und Sexualität zu sagen. Christus erlöst keinen abstrakten Geist, sondern nimmt die menschliche Natur an. Der Leib gehört zur Person und zur Berufung des Menschen. Eine Theologie, die Sexualmoral als übertrieben betontes Spezialthema abtut, unterschätzt am Ende die leibliche Dimension des Glaubens selbst.

Auch der Kampfbegriff „Wagenburgkatholizismus“ verdeckt mehr, als er erklärt. Spies sagt: „Mancherorts wird heute ein Katholizismus der ganz großen Entschlossenheit proklamiert. Ich glaube kaum, dass das ein Leben lang trägt. Ein krisenerprobter und immer wieder errungener Glaube schon eher.“ Ja, katholische Identität kann sich krankhaft in Abgrenzung erschöpfen. Glaube ist nicht dauernde Empörung über die Außenwelt. Aber daraus folgt nicht, dass Abgrenzung grundsätzlich falsch wäre – jede Wahrheit grenzt sich vom Irrtum ab. Das Bekenntnis, Christus sei wahrer Gott und wahrer Mensch, schließt das Gegenteil aus. Das Bekenntnis zur Auferstehung schließt aus, dass Christus im Tod geblieben sei. Ohne Abgrenzung gibt es keine bestimmte Aussage mehr, nur noch religiöse Unverbindlichkeit.

Die Kirche muss nicht nur zuhören und begleiten. Sie muss auch prüfen, unterscheiden, zurückweisen: „Kämpft für den Glauben, der den Heiligen ein für alle Mal übergeben ist!“ (Jud 3). Wenn Spies jede klare Grenze als „Wagenburg“ bezeichnet, immunisiert sie sich gegen theologische Kritik an sich. Der Begriff ersetzt das Argument: Statt zu zeigen, warum eine Lehre falsch verstanden wird, wird derjenige, der sie verteidigt, gleich psychologisch verortet – ängstlich, rückwärtsgewandt, nicht zukunftsfähig.

Das ist doch keine Dogmatik mehr, die nach Wahrheit, Offenbarung und Verbindlichkeit fragt.

Eine Theologie, die sich vor ihrer eigenen Aufgabe drückt

Ärgerlich sind Spies’ Aussagen vor allem deshalb, weil sie von einer Dogmatikerin stammen. Von ihr wäre Klarheit zu erwarten, gerade weil der öffentliche kirchliche Diskurs ständig verschiedene Ebenen vermengt. Stattdessen werden Zölibat, Frauenweihe und Sexualmoral gemeinsam zu „heißen Eisen“, Synodalität zum Ausdruck dauernder Bewegung, Lehrentwicklung sprachlich bis an die Grenze der Veränderbarkeit gedehnt, und die Verteidigung katholischer Identität erhält das Etikett „Wagenburgkatholizismus“.

Am Ende steht das vertraute Bild deutschsprachiger Reformtheologie: Die Gesellschaft verändert sich, also müsse sich die Kirche (mit)bewegen. Bestimmte Lehren erzeugen Konflikte, also dürften sie für die katholische Identität nicht entscheidend sein. Die kulturelle Zustimmung sinkt, also müsse die Kirche ihr Selbstverständnis neu formulieren.

Das ist die Logik der Soziologie! Sie beschreibt gesellschaftliche Kräfte und fragt, welche Positionen anschlussfähig sind. Dogmatik hat aber eine andere Aufgabe. Sie fragt nicht zuerst, welche Lehre gesellschaftlich trägt, sondern was Gott offenbart hat, wie diese Offenbarung verbindlich überliefert wird – und welche Wahrheit die Kirche bezeugen muss, auch wenn sie ihrer Zeit widerspricht und dadurch Reibung erzeugt. Eine Dogmatik jedoch, die ihre Aussagen an Zukunftsfähigkeit misst, hat ihren Maßstab schon vertauscht. Denn nicht der Zeitgeist entscheidet über die Wahrheit des Glaubens. Auch kirchliche Mehrheiten, synodale Beratungen und gesellschaftliche Akzeptanz machen aus einer falschen Aussage keine wahre Lehre.

Darin liegt die tiefere Krise eines großen Teils der deutschen Theologie: Sie spricht viel über Strukturen, Beteiligung, Identität, Ausgrenzung, gesellschaftliche Plausibilität – und immer seltener mit derselben Entschiedenheit über Offenbarung, Wahrheit, Sünde oder Erlösung. Sie kann kirchliche Entwicklungen kommentieren, gesellschaftliche Erwartungen analysieren, Reformprozesse begleiten. Christliche Dogmatik ist das noch lange nicht.

Das Christentum lebt nicht davon, sich ständig anders zu verstehen. Es lebt davon, dass Gott in Jesus Christus endgültig gesprochen hat. Dieses Wort hat die Kirche nicht erfunden, und sie darf es nicht den Erwartungen jeder neuen Epoche anpassen. Ihre Aufgabe ist, tiefer in dieselbe Wahrheit einzudringen, sie vollständig zu bewahren und ihrer Zeit klar zu verkünden. Wenn jemand wissen will, wohin das Gegenteil führen kann, kann er gerne die Kirchengeschichte des Eusebius von Cäsarea lesen, wenn er von jenen spricht, „welche sich aus Neuerungssucht zu den schlimmsten Irrtümern hinreißen ließen um sich dann als Führer zu einer Weisheit, welche keine Weisheit ist, auszugeben, wütenden Wölfen gleich, die sich schonungslos auf die Herde Christi stürzen, ferner über das Schicksal, welches das jüdische Volk unmittelbar nach seinem Frevel an unserem Heiland getroffen hatte, weiterhin über die Zeiten der zahlreichen schweren Angriffe, denen das göttliche Wort von seiten der Heiden ausgesetzt war, über die Helden, die immer wieder unter Blut und Martern für die Lehre kämpften, endlich über die Glaubenszeugnisse in unseren Tagen und über das stets gnädige, liebevolle Erbarmen unseres Erlösers“ (Eusebius von Cäsarea, Kirchengeschichte I, 1, 1).

Neuerung besitzt in der Theologie keinen Wahrheitswert aus sich selbst. Deshalb genügt es nicht, von „Bewegung“, „anders verstehen“ oder „Zukunftsfähigkeit“ zu sprechen. Die entscheidende Frage lautet, ob das Neue dieselbe offenbarte Wahrheit tiefer erschließt oder ob unter dem Namen der Entwicklung ihr bisheriger Sinn verändert wird. Diese Grenze hätte Franca Spies als Dogmatikerin benennen müssen. Sie tut es nicht. Stattdessen erklärt sie die Bewegung selbst zum theologischen Argument und behandelt die Bestimmtheit katholischer Lehre als Problem. Damit verfehlt sie genau die Aufgabe, für die Dogmatik überhaupt da ist: das überlieferte Glaubensgut zu bestimmen, seine Verbindlichkeit zu erklären und echte Entwicklung von seinem Bruch zu unterscheiden.


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