Familie

Zwischen Selbstbestimmung und Lebensschutz: Alexandra Linder über die Abtreibungsdebatte

Wie viel ist uns das ungeborene Leben in der heutigen Gesellschaft wert? Alexandra Linder, Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, kritisiert eine gesellschaftliche Entwicklung, in der Selbstbestimmung zunehmend über dem Schutz des Lebens steht. Im Interview spricht sie über Abtreibung, soziale Verantwortung und die Zukunft des Lebensschutzes.

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Andreas Nachbar
7 min Lesezeit
Zwischen Selbstbestimmung und Lebensschutz: Alexandra Linder über die Abtreibungsdebatte
(c) Bundesverband Lebensrecht

Am 19. September findet in Köln der „Marsch für das Leben“ statt. Im Vorfeld der Veranstaltung spricht Alexandra Linder, Vorsitzende des Bundesverband Lebensrecht, über die zunehmende Bedeutung des Lebensschutzes in einer Gesellschaft, in der Selbstbestimmung immer stärker als höchster Wert gilt. Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen der Schutz des ungeborenen Lebens, die Verantwortung gegenüber Frauen in Schwangerschaftskonflikten und die Frage, wie eine Gesellschaft Eltern und Familien besser unterstützen kann. Linder warnt davor, Selbstbestimmung isoliert zu betrachten, und plädiert dafür, die Menschenwürde und das Lebensrecht jedes Menschen wieder stärker ins Zentrum der Debatte zu rücken.

Frau Linder, wenn Sie auf die aktuellen Debatten in Deutschland blicken: Wie bewerten Sie die gesellschaftliche und politische Entwicklung beim Thema Schwangerschaftsabbruch? Beobachten Sie eine Verschiebung im Verständnis von Lebensschutz hin zu einem stärker betonten Selbstbestimmungsbegriff?

Linder: Selbstbestimmung gilt aktuell als einer der „höchsten“ Werte in unserer Gesellschaft. Das wirkt sich natürlich auch auf die bioethischen Themen aus. Auf der einen Seite wird die Selbstbestimmung der Frau und von Menschen, die sich töten (lassen) wollen, besonders betont. Auf der anderen Seite spielt die Selbstbestimmung der vorgeburtlichen Kinder und die Prüfung, ob es sich bei solchen Entscheidungen über Leben und Tod um echte Selbstbestimmung handelt, fast keine Rolle mehr. Das ist aber wichtig, denn bei den meisten Frauen, die zu einer Abtreibung gehen, spielen andere Menschen und Gründe von außen die tragende Rolle. Und bei Menschen, die sterben wollen, ebenfalls. Es geht meistens nicht um Selbstbestimmung, sondern um subtilen oder offenen Druck, unangemessene Versorgung, schwierige Lebenslagen, Einsamkeit, Vereinzelung, instabile Beziehungen.

Im Zentrum der Debatte steht häufig ein Spannungsfeld zwischen dem Schutz des ungeborenen Lebens und dem Recht auf Selbstbestimmung. Sehen Sie dieses Spannungsfeld ebenfalls – und wenn ja, wie lässt es sich aus Ihrer Sicht so gestalten, dass es nicht zu unüberbrückbaren gesellschaftlichen Gegensätzen führt?

Linder: Für den Zeitraum der Schwangerschaft ist dieses Spannungsfeld nicht zu lösen, ohne dass die Rechte einer der beteiligten Personen zumindest zeitweise „eingeschränkt“ sind. Das Kind ist unabdingbar darauf angewiesen, dass es bis zur Geburt diesen sicheren Lebensraum in der Mutter hat. Wenn man die Rechte nach ihrer Bedeutung gewichtet, steht die Menschenwürde und das Recht jedes Menschen auf sein Leben an oberster Stelle, alle anderen Rechte folgen ja daraus. Nach über 30 Jahren auch internationaler Erfahrung mit den Themen und betroffenen Menschen stelle ich fest, dass wir eine merkwürdige Haltung entwickelt haben: Wir haben eine immer höhere Lebenserwartung und leben in einem der reichsten Staaten der Welt, sehen unseren Lebensplan aber als vernichtet an und uns in Armut verfallen, wenn wir uns einige Monate unseres Lebens ein wenig einschränken, um das Leben eines anderen Menschen zu schützen, oder Kinder großziehen. Wer absolut kein Kind will, kann sein Sexualleben und seine Verantwortung dafür entsprechend gestalten. In einer Gesellschaft, in der die für das Fortbestehen wirklich wichtigen Werte wie Selbstlosigkeit, Hingabe, Gerechtigkeit, Verantwortung für sich selbst und andere als veraltet und nicht attraktiv gelten, ist das alles natürlich schwieriger.

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) fordert, dass Schwangerschaftsabbrüche auch in Krankenhäusern in katholischer Trägerschaft grundsätzlich möglich sein sollen, um eine flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen. Wie bewerten Sie diese Forderung vor dem Hintergrund kirchlicher Grundsätze und der Verantwortung für eine verlässliche Versorgung von Frauen in Schwangerschaftskonflikten?

Linder: Das ist absurd und widerspricht eklatant christlicher Ethik. Katholische Krankenhäuser sind besonders dem Leben und der Ethik verpflichtet. Grundsätzlich darf niemand, der in der Medizin arbeitet, eine Intervention vornehmen, deren Absicht die Tötung eines Menschen ist. Und jeder, der in ein katholisches Krankenhaus geht, muss und will ganz besonders Sicherheit haben, dass es dort um seine Heilung und seine menschenwürdige Behandlung geht, niemals aber um eine geplante Tötung. Abtreibung ist außerdem außer in Notfällen keine medizinische Versorgung und Schwangerschaft ist keine Krankheit. Eine verlässliche Versorgung von Frauen in Schwangerschaftskonflikten sollte schon in der Pflichtberatung einer Lebensperspektive dienen, was in vielen Beratungsstellen leider nicht der Fall ist, aber in § 219 StGB vorgeschrieben.

Im kfd-Positionspapier wird betont, dass Kinder – unabhängig davon, ob sie gewollt oder ungewollt geboren werden – kein Armutsrisiko darstellen dürfen. Welche politischen und gesellschaftlichen Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um Frauen und Familien in Schwangerschafts- und Lebenssituationen nachhaltig zu unterstützen? Welche Lücken sehen Sie derzeit insbesondere bei Themen wie finanzieller Absicherung, Wohnsituation, Kinderbetreuung und partnerschaftlicher Unterstützung?

Linder: Das sehen wir auch so. Doch ist das Forderungs- und Anspruchsniveau sehr hoch. Es wird erwartet, dass der eigene Lebensstandard sich durch ein Kind nicht verringert, was seit Menschengedenken utopisch ist. Jeder weiß, dass man auf Geld, Freizeit und weiteres verzichtet, wenn man Kinder großzieht. Der Staat hat es unter anderem versäumt, das Muttersein als Lebensleistung zu honorieren und zu bewerben. Warum sollen Frauen ein Kind bekommen, wenn sie es nach einem Jahr weggeben müssen, um wieder so zu arbeiten, als hätten sie kein Kind? Die Elterngeldregelung halte ich für das falsche Signal, weil nicht die Leistung als Eltern honoriert, sondern der Verdienstausfall kompensiert wird, im Gegensatz zum früheren Erziehungsgeld. Mittlerweile ist es für junge Familien auch mit zwei normalen Vollzeit-Gehältern praktisch unmöglich, Eigentum zu erwerben. Das dritte und jedes weitere Kind erhöhen das Armutsrisiko beträchtlich. Bis hin zu der Tatsache, dass eine Familie in den Sommerferien deutlich mehr für Urlaube zahlen muss als Paare ohne Kinder im September oder in der Steuererklärung das Kindergeld komplett zurückzahlen muss, wenn der Kinderfreibetrag berücksichtigt wird. Da gibt es viele Lücken …

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Die Gesellschaft ist pluraler geworden, ethische Überzeugungen gehen stärker auseinander. Wie kann eine am Lebensschutz orientierte Position heute so kommuniziert werden, dass sie in der gesellschaftlichen Debatte gehört wird, auch von Menschen mit anderen Sichtweisen?

Linder: Wenn man über Menschenwürde diskutiert, landet man in der Tiefe unweigerlich auf der transzendenten Ebene. Rein „säkular“ gibt es die wissenschaftliche Ebene (z.B. Nachweis, dass es sich immer um Menschen handelt), die Gerechtigkeits-Ebene (z.B. wer bestimmt, wer leben darf oder aus wem etwas wird?), die philosophische Kant-Ebene (der Mensch ist Zweck an sich und „verstattet kein Äquivalent“). Und, wie oben gesagt, müssen wir unbedingt über den Begriff der Selbstbestimmung diskutieren, weil darauf beruhende Entscheidungen von Stimmungen, Lebenssituationen, Schmerzzustand, sozialer Einbindung und vielem anderen abhängt und dieses Kriterium damit sehr volatil ist.

Wenn Sie die vergangenen zehn Jahre betrachten: Wo sehen Sie die größten Veränderungen im gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Fragen des Lebensschutzes?

Linder: Die Themen sind deutlich stärker in der Öffentlichkeit, was auch ein Verdienst unserer Organisationen ist. Die Debatte aber ist nicht mehr so offen wie früher: Statt sich zusammenzusetzen und sachlich zu diskutieren, gibt es häufig Diffamierung und Framing von Menschen und Organisationen, die sich auf Basis des Grundgesetzes und des christlichen Menschenbildes für das Lebensrecht einsetzen. Das ist inzwischen ein Grundproblem und betrifft viele weitere Themen und Bereiche. Andererseits ist es mit vereinten Kräften gelungen, dass Deutschland in vielen Bereichen noch menschenwürdigere Gesetze hat als andere Staaten.

Papst Leo XIV. hat den Lebensschutz als „ein zivilisatorisches Ziel“ bezeichnet und gefragt: „Welche Zukunft haben unsere Gesellschaften, wenn das Leben nicht mehr als grundlegender Wert anerkannt wird?“

Wie würden Sie persönlich diese Frage beantworten – und welche Konsequenzen ergeben sich daraus aus Ihrer Sicht für die politische und gesellschaftliche Verantwortung heute?

Linder: Wir danken Papst Leo XIV. für die klaren Worte, gerade in Spanien war das ja ein Stich ins Wespennest. Wenn das Leben nicht als grundlegender Wert anerkannt wird, ist jeder Mensch in Gefahr, willkürlich entmenschlicht zu werden – aufgrund einer Behinderung, weil er zu teuer wird und nichts mehr leisten kann, weil er zu unpassendem Zeitpunkt kommt und noch nichts leisten kann etc. Wir haben genügend antike Kulturen und moderne Diktaturen vor Augen, die das mit furchtbaren Folgen für die Betroffenen getan haben. Eine menschenwürdige, gerechte Gesellschaft kann es nur geben, wenn niemand einem anderen Menschen Menschenwürde zu- oder absprechen kann.


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