StartKulturKonfessionsübergreifender Religionsunterricht in Niedersachsen: Beitrag zur Identitätsbildung

Konfessionsübergreifender Religionsunterricht in Niedersachsen: Beitrag zur Identitätsbildung

Ab dem Schuljahr 2025/2026 sollen in Niedersachsen evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler gemeinsam im Fach „Christliche Religion“ unterrichtet werden. Eine entsprechende Vereinbarung wurde von den fünf evangelischen Kirchen und den drei katholischen Bistümern Osnabrück, Hildesheim, Paderborn sowie der römisch-katholischen Kirche im Oldenburger Teil der Diözese Münster (das bischöflich-münstersche Offizialat in Vechta) in Niedersachsen unterzeichnet. Nach den Sommerferien soll der „Christliche Religionsunterricht“ zunächst an Grundschulen starten und anschließend schrittweise in den höheren Jahrgängen eingeführt werden. Vor diesem Hintergrund stellen sich zentrale Fragen: Wie wird der konfessionsübergreifende Unterricht konkret gestaltet? Welche Rolle spielen weiterhin konfessionelle Unterschiede? Und welche Auswirkungen hat das neue Modell auf die religiöse Identität sowie die Bindung junger Menschen an die Kirchen?

Antworten zum Ablauf und Inhalt des konfessionsübergreifenden Religionsunterrichts wie auch auf Fragen möglicher Auswirkungen auf die konfessionelle Identität und die kirchliche Bindung der Jugendlichen gab uns Dr. Christian Schulte, Leiter der Abteilung Schule im Bischöflich Münsterschen Offizialat Vechta.

Im Fach „Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen“ werden evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet. Kritiker befürchten, dass konfessionelle Unterschiede weniger deutlich vermittelt werden könnten. Wie soll im neuen Modell mit Themen wie Papstamt, Lehre der Sakramente oder der Frage der Frauenordination umgegangen werden?

Dr. Christian Schulte: Das neue Unterrichtsfach „Christliche Religion“, dessen Kerncurricula für den Grundschul- und Sekundarbereich I sich momentan in der zweiten Phase der Anhörung befinden, ist als Projekt von den evangelischen Kirchen und der katholischen Kirche in gemeinsamer Verantwortung mit dem Staat konzipiert worden. Diese gemeinsame Verantwortung, eine Erweiterung der sog. res mixta, bedeutet jedoch nicht, dass konfessionelle Unterschiede dadurch nivelliert oder keine Bedeutung mehr haben, vielmehr sind die Kerncurricula so angelegt, dass sowohl die verbindenden Elemente als auch die Unterschiede zwischen den Konfessionen berücksichtigt werden.

Wie wird sichergestellt, dass die Person Jesu Christi und die zentrale Botschaft des Evangeliums weiterhin im Mittelpunkt des Unterrichts stehen? Wer vermittelt dies, und wie wird die Unterscheidung zwischen katholischer und evangelischer Lehre gewährleistet?

Dr. Christian Schulte: Die Frage nach der Person Jesu Christi und der Botschaft des Evangeliums ist Grundlage des Faches Christliche Religion. Die Kerncurricula formulieren als zentrale Perspektive und Fundament des Unterrichts die „Ressourcen des Christentums“. Wie ein Gutachten des Freiburger Rechtswissenschaftlers Poscher belegt hat, ist das Fach rechtlich als Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes nach Art. 7 Abs. 3 verankert und wird in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der beteiligten Kirchen durchgeführt; dadurch bleibt die konfessionell-christliche Grundlage verbindlich. Die inhaltliche Verantwortung der Kirchen stellt sicher, dass zentrale Elemente der christlichen Botschaft, wie auch die besondere Bedeutung der Person Jesu Christi, Bestandteil des Unterrichts bleiben. Diese Inhalte werden allerdings nicht ausschließlich in klassischer thematischer Gliederung abgebildet, sondern sind in verschiedene Kompetenzbereiche eingebettet. So werden christliche Inhalte in unterschiedlichen Zusammenhängen aufgegriffen, z.B. bei Fragen nach Identität, Gemeinschaft oder Sinn. Darüber hinaus wird die Vermittlung durch die jeweiligen Lehrkräfte gewährleistet, die nach Studium und Referendariat über eine staatliche Lehrbefähigung verfügen und zusätzlich durch die Verleihung der kirchlichen Bevollmächtigung (missio Canonica bzw. Vocatio) beauftragt werden, Religionsunterricht zu erteilen.

Das Fach „Christliche Religion“ soll auch für konfessionslose Schüler offen sein. Sehen Sie im ökumenischen Religionsunterricht eine missionarische Chance für die katholische Kirche, indem Kinder und Jugendliche erstmals bewusst mit dem christlichen Glauben in Kontakt kommen? Welche konkreten Möglichkeiten sehen Sie – und besteht die Gefahr einer Relativierung des katholischen Glaubens?

Dr. Christian Schulte: Der Religionsunterricht erfüllt im neuen Modell mehrere Funktionen, die über eine reine Wissensvermittlung hinausgehen. Religionsunterricht und religiöse Bildung fördert die Entwicklung der religiösen und moralischen Orientierungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler im persönlichen und gesellschaftlichen Leben. Gemäß den aktuellen kirchlichen Richtlinien zu den Bildungsstandards für den katholischen Religionsunterricht in der Sekundarstufe I (Die deutschen Bischöfe, Heft 116 von 2025 ab S. 7ff.) befasst sich der Religionsunterricht mit den Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu des Menschen und der Welt. Er behandelt diese Fragen aus der Perspektive des christlichen Glaubens, der Lehre und der Glaubenspraxis der katholischen Kirche. Er eröffnet damit einen Zugang zur Wirklichkeit, der durch keinen anderen Modus der Welterfahrung ersetzt werden kann. Die Entwicklung der Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler spielt eine zentrale Rolle. Der Religionsunterricht soll zur Identitätsbildung beitragen, Orientierung bieten und die Fähigkeit fördern, eigene Urteile zu bilden. Auch Aspekte wie Toleranz, Verständnis für andere Positionen und die Fähigkeit zum Dialog sind signifikanter Bestandteil des Unterrichts. Besonders wichtig ist, dass die Lernenden ein eigenes Verhältnis zur christlichen Tradition entwickeln. Dieses Verhältnis kann entweder zustimmend oder auch kritisch sein. Entscheidend ist aber, dass die Schülerinnen und Schüler befähigt werden, sich bewusst und reflektiv zu positionieren. Damit verbindet der christliche Religionsunterricht Elemente religiöser Bildung mit dem Bildungsauftrag im Sinne allgemeiner Persönlichkeitsentwicklung. Bereits die Würzburger Synode (1974) hat als Ziele für den Religionsunterricht formuliert, dass er die Frage nach Gott, nach der Deutung der Welt, nach Sinn und Wert des Lebens weckt und reflektiert, dass er mit der Wirklichkeit des Glaubens vertraut macht und dass er zu persönlicher Entscheidung in Auseinandersetzung mit Konfessionen und Religionen, mit Weltanschauungen und Ideologien befähigt und auch motiviert (vgl. Der Religionsunterricht in der Schule, 139f.). Christliche Inhalte bilden weiterhin die Grundlage des Faches und werden nicht als eine Perspektive unter vielen dargestellt. Sie bilden den zentralen Referenzrahmen, in dessen Horizont auch andere Perspektiven reflektiert werden. Darin liegt eine große Chance, auch Schülerinnen und Schüler ohne religiöse Sozialisation in Kontakt mit christlichen Deutungen von Leben und Welt in Kontakt zu bringen.

Viele Eltern wünschen sich einen klar bekenntnisorientierten Religionsunterricht. Wie kann dieser Wunsch im neuen Modell berücksichtigt werden?

Dr. Christian Schulte: Das Fach „Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen“ hat eine gemeinsame Struktur, aber es wird, wie auch schon der Name ausweist, als konfessioneller Religionsunterricht definiert. Es unterscheidet sich damit grundlegend von solchen Fächern, die Religion als kulturelles oder gesellschaftliches Phänomen behandeln. Die Verankerung von konfessionsspezifischen Inhalten in den Kerncurricula für den Grundschul- und den Sekundarbereich I trägt wesentlich dazu bei, dass der christliche Religionsunterricht sich von allgemeiner Religionskunde unterscheidet. Die enge und gute Zusammenarbeit der Kirchen, die zusammen mit dem Staat diesen Religionsunterricht tragen, gewährleistet, dass der Unterricht bekenntnisorientiert ist. Darüber hinaus sorgt die kirchliche Beauftragung der Lehrkräfte dafür, dass die Vermittlung von Glaubensinhalten im Einklang mit den jeweiligen Traditionen erfolgt. Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Wunsch nach einem bekenntnisorientierten Unterricht im neuen Modell des christlichen Religionsunterrichts in Niedersachsen weiterhin berücksichtigt wird, auch wenn dieser nun in einem gemeinsamen Rahmen stattfindet.

Studien zeigen, dass die Bindung vieler junger Menschen an Kirchen in Deutschland abnimmt, während gleichzeitig ein Interesse an Spiritualität und Sinnfragen entsteht. Wie bewerten Sie diese Entwicklung, und welche Rolle kann der schulische Religionsunterricht dabei spielen?

Dr. Christian Schulte: Die Kerncurricula für den christlichen Religionsunterricht beschreiben eine veränderte gesellschaftliche Situation, in der religiöse Sozialisation nicht mehr selbstverständlich ist. Gleichzeit nimmt aber die Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Positionen zu. Vor diesem Hintergrund wird „Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen“ als Ort verstanden, an dem sich alle Schülerinnen und Schüler mit grundlegenden Fragen des Lebens auseinandersetzen können. Der Unterricht setzt dabei bewusst bei den Erfahrungen und Perspektiven der Lernenden an und begleitet sie in ihrer individuellen Entwicklung. Ziel ist es, zu einer reflektierten und eigenständigen Haltung zu kommen. Religiöse Bildung wird als wichtiger Beitrag zur Orientierung in einer komplexen Welt verstanden. Sie kann helfen, Lebensfragen zu bearbeiten und Perspektiven für das eigene Handeln zu entwickeln.

In Frankreich gab es in der Osternacht 2025 einen deutlichen Anstieg von Taufen junger Erwachsener und Jugendlicher. Worin sehen Sie die Gründe, und wie könnte sich eine ähnliche Entwicklung in Deutschland gestalten?

Dr. Christian Schulte: In den Kerncurricula für den christlichen Religionsunterricht nach evangelischen und katholischen Grundsätzen wird betont, dass religiöse Bildung für junge Menschen eine wichtige Rolle bei der Auseinandersetzung mit grundlegenden Lebensfragen spielt und Orientierung bei gesellschaftlichen Herausforderungen bieten kann, zudem wird das neue Fach als attraktives Angebot gesehen, das Schülerinnen und Schülern ansprechen und ihnen zentrale Inhalte des christlicheren Glaubens vermitteln soll. Daraus lässt sich ableiten, dass der Religionsunterricht das Potential besitzt, das Interesse an religiösen Themen zu fördern und einen Beitrag zur Identitätsbildung zu liefern. Konkrete Aussagen über die Entwicklungen von Taufzahlen können aber auf der Grundlage der Kerncurricula für das Fach „Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen“ nicht getroffen werden.

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1 Kommentar

  1. Wie? Evangelisch und Katholisch zusammen, das kann nicht funktionieren. Einerseits haben wir selbstverständlich den gleichen Gott. Aber die Art und weise wie wir Glauben, wie wir Gottesdienste gestalten ect, hebt sich doch extrem voneinander ab.
    Ich habe zweifel daran, das man seinen Glauben dadurch richtig kennenlernen kann. Die Lehrer können doch bei sovielen Kindern nicht auf jeden einzelnen eingehen.
    Zumal es doch eigentlich Sinn und Zweck ist den Kindern ihren eigenen Glauben weiterzugeben und nicht eine Mischung aus 2 Religionen.

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