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Einheit im Unterricht, Unklarheit im Glauben – Gemeinsamer Religionsunterricht und die Frage nach Wahrheit

Der geplante konfessionsübergreifende Religionsunterricht in Niedersachsen verbindet evangelische und katholische Lehre in einem gemeinsamen Fach. „Christliche Religion“ soll das Ganze heißen und wird dann staatlich getragen und kirchlich gemeinsam verantwortet. Damit entsteht eine Struktur, in der zwei konfessionelle Traditionen nicht mehr getrennt unterrichtet werden, sondern in einem gemeinsamen curricularen Rahmen zusammengeführt sind. Das neue Konzept wird als Fortschritt beschrieben, als Antwort auf gesellschaftliche Veränderungen und als pädagogisch zeitgemäße Form religiöser Bildung.

Schön und gut. Oder doch nicht gut? Denn wie es aussieht, wird eine unangenehme Frage einfach nicht klar beantwortet: ob der katholische Glaube in dieser Struktur noch als klar erkennbare, verbindliche Lehre erscheint oder nur noch als eine von mehreren christlichen Perspektiven innerhalb eines gemeinsamen Bildungsraums.

Auflösung der konfessionellen Ordnung

Die offizielle Begründung des Modells stellt zunächst klar, dass es sich um ein gemeinsames Projekt der evangelischen Kirchen, der katholischen Bistümer und des Staates handelt, im Rahmen einer erweiterten „res mixta“. Zugleich wird betont, dass konfessionelle Unterschiede nicht nivelliert würden, sondern in den Kerncurricula berücksichtigt seien.

Aber genau hier beginnt schon die erste Spannung. Denn „berücksichtigt“ ist das Vokabular einer Verwaltung, nicht das einer glaubenden Kirche. Eine „Berücksichtigung“ bewahrt Unterschiede als Inhalt, aber sie zerstört ihre verbindliche Ordnungskraft. Die Struktur bleibt damit eine allen gemeinsame, nicht eine konfessionell getrennte oder hierarchisch geordnete Struktur. Das hat konkrete Folgen im Unterricht: Katholische Lehre steht nicht mehr außerhalb als normativer Bezugspunkt, dafür innerhalb eines gemeinsamen Kompetenzrasters, das für alle Inhalte gleich gilt. Die Struktur entscheidet dann aus pädagogischen Kategorien und nicht mehr aus der Lehre selbst.

Denn sobald unterschiedliche konfessionelle Aussagen in einem gemeinsamen curricularen Raster erscheinen, entscheidet nicht mehr die innere Logik der jeweiligen Lehre über den Unterricht. Es ist dann die äußere Logik der didaktischen Ordnung, die den Rahmen vorgibt. Was vorher aus einer verbindlichen kirchlich-theologischen Quelle kommt, wird in ein System eingespeist, das nach Vergleichbarkeit, Anschlussfähigkeit und Kompetenzentwicklung funktioniert. Das bedeutet nicht, dass Inhalte verschwinden; sie werden ja „berücksichtigt“.

Super, würden die zeitgemäßen Pädagogen sagen. Da ist nur ein kleines Problem: Die katholische Kirche verliert ihren Status als tragende und gehorsamsfordernde Struktur. Das wird besonders deutlich an den zentralen Punkten katholischer Identität. Das Papstamt, die Sakramente, das Lehramt – all das erscheint im gemeinsamen Unterricht nicht mehr als verbindliche Struktur. Sie werden erklärt, eingeordnet, reflektiert, aber nicht mehr als ordnende Mitte vorausgesetzt. Dass man hier noch von Identitätsbildung spricht, ist ein Rätsel. Eine veränderte Struktur der Vermittlung bleibt nicht abstrakt. Sie wirkt auf die Art und Weise, wie Glaube überhaupt wahrgenommen wird. Wenn katholische und evangelische Lehre in einem gemeinsamen Rahmen erscheinen, in dem Unterschiede nicht mehr ordnend, sondern nur noch vergleichend vorkommen, entsteht für die Lernenden nicht selten der Eindruck, dass religiöse Wahrheit aus auswählbaren Elementen besteht.

Was sich daraus entwickeln kann, ist kein klares Bekenntnis. Es ist eine zeitgeistliche Form, eine Art religiöse Patchwork-Logik: Inhalte werden aufgenommen, kombiniert, verglichen, übernommen oder verworfen, je nach Plausibilität, persönlicher Wirkung oder situativer Einsicht. Was nicht passt, wird einfach ersetzt durch einen Bestandteil eines größeren Angebots verschiedener Konfessionen. Wenn also Lehrende und kirchliche Vertreter einen Raum gestalten, in dem Wahrheit nur noch in Pluralität erscheint, dann wird diese Pluralität selbst zur Normalform des Denkens. Man kann auch nicht ernsthaft annehmen, dass Schüler, vor allem Grundschüler, hier selbst differenzieren können.

Die Sprache „Ressourcen des Christentums“ macht das sichtbar. Das ist kein harmloser Begriff. Es ist ein Strukturbegriff. Eine Ressource ist etwas, das man verwendet, kombiniert, verfügbar macht. Doch Offenbarung ist kein Material. Christus ist kein Bestandteil eines didaktischen Baukastens. Er ist „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) und nicht Wahrheiten, Wege und verschiedene Leben. Dadurch wird aus einer Wahrheit, die bindet, ein Bestand, der genutzt wird.

Vom Bekenntnis zur Option

Begründet wird das Fach weiterhin damit, dass es zur Identitätsbildung beitrage, Fragen nach Sinn, Woher und Wohin des Menschen bearbeite und Schüler zu eigenständigen Urteilen befähige.

Wie schon gesagt: Das ist pädagogisch nachvollziehbar, verändert aber die Zielrichtung des katholischen Religionsunterrichts. Denn das Ziel des neuen Fachs wird primär die Fähigkeit zur Positionierung innerhalb verschiedener Deutungsangebote sein und nicht die Bindung an eine Wahrheit. Das wird besonders deutlich, wenn gesagt wird, das Verhältnis zur christlichen Tradition könne zustimmend oder kritisch sein. Wie Zustimmung und Ablehnung funktional gleichberechtigt nebeneinander stehen können, ist unklar, da beides eigentlich den Zustand eines zerrissenen Gewissens darstellt und kein Ergebnis eines Bildungsprozesses ist oder sein sollte. Damit verändert sich nämlich die innere Logik des Unterrichts: von Entscheidung zu Positionierung, von Wahrheit zu Reflexion und von Bindung zu Orientierung.

Überträgt man diese Struktur auf ein anderes Fach wie Mathematik, würde das bedeuten, dass unterschiedliche Zahlensysteme – etwa römische und arabische Ziffern – nebeneinandergestellt werden und die Schüler selbst entscheiden sollen, welches System sie für ihre Berechnungen verwenden, ohne dass klar gesagt wird, welches System in welcher Hinsicht objektiv geeignet ist, um verlässliche Ergebnisse zu erzielen. In einem solchen Fall würde man sofort erkennen, dass die Aufgabe des Unterrichts nicht darin bestehen kann, Wahlmöglichkeiten offen zu halten, sondern Klarheit darüber zu schaffen, was trägt und was nicht. Genau diese Klarheit wird im Religionsunterricht durch die Struktur des Modells abgeschwächt.

Gut, man wird schon den Unterricht „bekenntnisorientiert“ gestalten, und er wird sich von Religionskunde unterscheiden. Diese Aussage wird gestützt durch die kirchliche Beauftragung der Lehrkräfte (missio canonica bzw. vocatio) und durch die gemeinsame Verantwortung der Kirchen. Doch auch hier bleibt unklar, wie diese Bekenntnisorientierung praktisch wirkt, wenn Inhalte gleichzeitig in einem gemeinsamen Kompetenzrahmen vermittelt werden.

Wahrheit unter Reflexionsdruck

In diesem Zusammenhang kristallisiert sich auch die Sorge heraus, ob solche Modelle nicht politisch motiviert sind oder mit ihnen gesellschaftliche Konflikte indirekt auf religiöse Bildung übertragen werden. Denn wenn ein Unterrichtssystem bewusst auf Pluralität, Gleichordnung von Positionen, individuelle Auswahl und permanente Reflexion ausgerichtet ist, dann bildet es religiös, zugleich aber auch weltanschaulich. Es prägt ein Denken, in dem feste, bindende Wahrheitsansprüche grundsätzlich als verdächtig erscheinen. Jede klare Setzung gilt sofort als problematisch.

Greift diese Unterrichtsform nicht indirekt in gesellschaftliche Konfliktlinien ein, indem sie ein bestimmtes Verständnis von Wahrheit und Autorität einübt? Die Vermutung, dass es sich um eine Art kulturelle Gegenbewegung zu bestimmten politischen Strömungen handelt, entsteht genau aus dieser Struktur heraus. Es liegt der Verdacht nahe, dass hier nicht nur Bildung geschieht, sondern auch eine Steuerung von Denkformen, wenn klare Positionen systematisch abgeschwächt und durch Dialogmodelle ersetzt werden.

Noch konkreter wird der Vorwurf dort, wo sich diese Denkform mit innerkirchlichen Entwicklungen überschneidet. Schüler werden früh daran gewöhnt, dass Lehre verhandelbar erscheint, dass Autorität relativ wirkt und dass Wahrheit in einem offenen Prozess entsteht. Das entspricht genau der Logik jener Reformprozesse im Kontext des synodalen Weges. Das aber ist problematisch, da es den Charakter von Indoktrination annehmen kann. Zwar nicht offen, aber es wird ein Boden dafür bereitet. Einer, auf dem klare Lehre fremd wirkt, auf dem Verbindlichkeit als Härte erscheint und auf dem am Ende nur noch das bestehen bleibt, was sich in ein gemeinsames wohlfühlendes Gespräch einfügt. Ist es wirklich Polarisierung, wenn die Kirche ihren Wahrheitsanspruch ernst nimmt? Oder wird „Polarisierung“ genau dort behauptet, wo Wahrheit nicht mehr als verbindlich gedacht werden soll? Wo sie in ein System von Wohlfühlgemeinschaften nicht mehr passt?

Wahrheit ohne Grenze?

Wenn der Religionsunterricht bewusst auf Gemeinsamkeit, Pluralität und Gleichordnung angelegt ist, warum bleibt man dann überhaupt auf evangelisch und katholisch beschränkt? Wenn das Prinzip darin besteht, unterschiedliche Deutungen nebeneinanderzustellen und zur persönlichen Auswahl freizugeben, dann stellt sich zwingend die nächste Frage: Warum nicht andere christliche Gemeinschaften einbeziehen, auch solche mit radikal abweichenden Positionen? Und wenn schon die Logik der Öffnung gilt, warum nicht gleich die abrahamitischen Religionen insgesamt in dieses Modell integrieren?

Oder liegt das eigentliche Problem nicht bei der Vielfalt, sondern bei der fehlenden Klarheit über die eigene Identität? Fehlt der Mut, den katholischen Glauben als das zu setzen, was er ist: eine verbindliche Wahrheit mit klarer Ordnung, mit Lehramt, mit Sakramenten, mit Anspruch auf Geltung. Fehlt der Mut zu sagen: „Wir sind katholisch. Mögen die anderen einen Kern der Wahrheit treffen, ja Strahlen der Sonne sein (vgl. „anonyme Christen“ Karl Rahner). Doch das Katholische hat eine größere Fülle.“ Wie es aussieht nicht. Stattdessen entsteht ein Raum, in dem alles gesagt werden kann, solange nichts mehr endgültig gesagt wird.

Das bleibt nicht folgenlos für Kinder und Jugendliche. Wenn ihnen früh vermittelt wird, dass religiöse Wahrheit aus verschiedenen Elementen besteht, die man vergleichen, kombinieren und auswählen kann, dann entsteht genau jene Form von religiöser Unverbindlichkeit, die später als persönliche Freiheit beschrieben wird, tatsächlich aber eine Verwischung von Glaube und Identität ist. Neutrale Bildung ist das auch nicht. Es ist eine Prägung. Genau darin liegt die eigentliche Brisanz. Denn es ist ein bekanntes Muster ideologischer Systeme, nicht zuerst bei den Überzeugten anzusetzen, sondern bei denen, die noch keine gefestigte Identität haben. Bei Kindern und Jugendlichen, bei denen Unterscheidungen noch nicht eingeübt sind, lassen sich neue Denkformen am leichtesten verankern.

Und ganz ehrlich: Wenn gleichzeitig die beiden Kirchen selbst nicht in der Lage sind, Erwachsene wieder an den Glauben zu binden, bleibt die Frage bestehen: Warum richtet sich die Energie dann auf die Schule? Denn am Ende bleibt eine Ordnung bestehen, die durch kein Curriculum aufgehoben werden kann. Die Verantwortung für den Glauben der Kinder liegt zuerst bei den Eltern. Sie tragen die Pflicht, ihre Kinder im Glauben zu erziehen, ihn zu lehren, ihn zu leben und weiterzugeben. Der Religionsunterricht kann und soll das unterstützen. Er kann es aber nicht ersetzen. Und er verliert jede Legitimität, wenn er beginnt, an die Stelle dieser Verantwortung zu treten, während er gleichzeitig nicht einmal mehr klar sagen kann, welcher Glaube überhaupt vermittelt werden soll, welcher Gott hier gemeint ist, ob der Papst noch gilt oder nur eine Option ist und ob das Lehramt bindet oder je nach Situation relativiert wird. Am Ende bleibt genau das übrig, was man überall bekommt: eine nette Gemeinschaft, vielleicht noch ein Kreis um ein Jesusbild. Hauptsache alle fühlen sich gut. Aber keiner weiß mehr, was wahr ist. Das ist keine katholische Kirche und schon gar nicht katholischer Unterricht. Das ist eine religiös gefärbte Sozialform einer Wohlfühlgemeinschaft.

Und nur damit das klar ist: Als Sünder brauche ich persönlich keine Gemeinschaft, die mich wohlwollend bestätigt, und auch keine verschwommene Wahrheit, die konfessionsübergreifend konstruiert wird. Ich brauche eine Wahrheit, die mich richtet und dadurch rettet, eine, die gilt – auch dann, wenn sie schmerzt und sogar trennt. Denn Wahrheit entsteht nicht dadurch, dass man unterschiedliche Lehren nebeneinanderstellt und ausgleicht. Wahrheit ist das, woran sich alles andere messen muss.

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