Die Liebe ist umsonst – im doppelten Sinne
Bischof Stefan Oster spricht über das Wagnis der Liebe, über Vergebung, Verletzlichkeit und darüber, was es heißt, Gott wirklich zu begegnen.

Bischof Dr. Stefan Oster SDB sprach darüber, was es bedeutet, Gottes Liebe anzunehmen und sie im Alltag weiterzugeben. Dabei wurde deutlich: Wahre Liebe ist ein Geschenk, verlangt Mut und schließt auch Leid und Vergebung mit ein. Spätestens seit seinem 15. Lebensjahr beschäftige er sich mit der Frage, was Liebe eigentlich ist, so der Passauer Bischof. Doch so sehr man über die Liebe nachdenken und kluge Worte über sie finden könne, so unterschiedlich seien das Reden über die Liebe und das tatsächliche Leben der Liebe. Unter dem Thema „Die Liebe leben“ lud der Bischof dazu ein, sich dieser grundlegenden Frage des christlichen Glaubens neu zu stellen – persönlich, ehrlich und mit offenem Herzen.
Gottes Liebe ist umsonst – geschenkt und scheinbar vergeblich
Gleich zu Beginn stellte Bischof Oster die Liebe Gottes in den Mittelpunkt. Sie sei im doppelten Sinne „umsonst“: Sie werde uns geschenkt, ohne dass wir sie verdienen müssten, und sie könne zugleich scheinbar vergeblich sein. Denn Gottes Liebe werde nicht immer angenommen, erwidert oder verstanden.
Als Maßstab für die Liebe verwies Oster auf Jesus Christus. Besonders eindrücklich sei dabei der Blick auf die Jünger am Karfreitag. Sie hätten Jesus begleitet, ihm vertraut und ihre Hoffnung auf ihn gesetzt. Nun aber müssten sie mitansehen, wie er grausam gefoltert und wie ein Verbrecher hingerichtet werde. Alles, wofür sie ihm gefolgt waren, schien plötzlich vergeblich.
Doch gerade in diesem scheinbaren Scheitern offenbare sich die Tiefe der göttlichen Liebe. Gott gebe sich den Menschen hin, obwohl er wisse, dass seine Liebe zurückgewiesen werden könne. Sie bleibe ein Geschenk – ohne Gegenleistung und ohne Garantie, dass sie angenommen werde. In dieser Hingabe zeige sich, wie groß, tief und wahrhaftig Gottes Liebe sei.
Gott begegnen – von Herz zu Herz
Um diese Liebe zu verstehen, brauche es eine andere Art der Begegnung. Bischof Oster unterschied zwischen der Begegnung mit einem Gegenstand, einem „Es“, und der Begegnung mit einem Gegenüber, einem „Du“. Ein Mensch sei nicht einfach ein Objekt, das man betrachten, einordnen oder nach den eigenen Vorstellungen behandeln könne. Ihm wirklich zu begegnen bedeute vielmehr, sich auf ihn einzulassen und ihm von Herz zu Herz zu begegnen.
Das gelte auch für die Beziehung zu Gott. Im Gebet gehe es nicht allein darum, Gedanken zu formulieren oder Anliegen vorzutragen. Entscheidend sei, Gott als ein lebendiges „Du“ wahrzunehmen – als jemanden, der den Menschen kenne und sein Herz berühren möchte.
Die Heilige Schrift erzähle von Gottes Offenbarung an Israel durch das Gesetz und die Propheten. Ihren entscheidenden Höhepunkt finde diese Offenbarung in Jesus Christus. In ihm werde sichtbar, wie Gott sei: radikal in seiner Liebe und Wahrhaftigkeit, voller Hingabe und bereit, immer wieder zu vergeben.
Jesus sei der liebensfähigste Mensch, dem die Menschheit begegnet sei. Wer sich auf ihn einlasse, könne entdecken, wie anders seine Art zu lieben sei. Er wolle den Menschen nicht beherrschen, sondern befreien und in eine lebendige Beziehung führen.
Der verlorene Sohn – eine Geschichte für die ganze Menschheit
Als Beispiel für Gottes grenzenlose Liebe verwies Oster auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Diese Geschichte mache deutlich, dass der Mensch nicht erst ganz unten angekommen sein müsse, um Gottes Liebe zu entdecken. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, sich selbst ehrlich anzuschauen und Vergebung anzunehmen. In der Beichte könne der Mensch Gott alles hinlegen, was ihn belaste, was ihm misslungen sei und wo er schuldig geworden sei. Wer sich auf diese Begegnung einlasse, dürfe mit der Gewissheit hinausgehen, dass Gott ihm vergebe und ihn immer wieder aufrichte.
Vergebung sei dabei kein nebensächlicher Bestandteil der Liebe. Immer wieder zu vergeben bedeute, sich auf Gottes eigene Weise zu lieben einzulassen. Dafür müsse man bereit sein, innerlich abzusteigen, die eigene Selbstgerechtigkeit loszulassen und sich von Gott beschenken zu lassen.

Der alte Adam in uns
Warum fällt es dem Menschen dennoch so schwer, auf diese Weise zu lieben? Bischof Oster beschrieb einen inneren Widerstreit, der in jedem Menschen wirksam sei: den „alten Adam“, der gewissermaßen selbst nach der Taufe noch schwimmen könne. Damit meinte er jene Seite des Menschen, die sich selbst in den Mittelpunkt stelle und andere kontrollieren und manipulieren möchte.
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Auch dort, wo wir glauben zu lieben, könne sich der Wunsch verbergen, den anderen nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Wir ließen dann vor allem Menschen an uns heran, die uns guttäten, uns bestätigten und in unser Leben passten. So behielten wir die Kontrolle und blieben gewissermaßen selbst „Chef im Ring“.
Jesus lade jedoch dazu ein, anders zu leben. Gott wolle den Menschen freisetzen, damit er aus innerer Freiheit heraus lieben lerne. Es gehe darum, den anderen nicht zu vereinnahmen, sondern ihm Raum zu geben, sich von sich aus zu zeigen und sich mit seiner eigenen Persönlichkeit einzubringen.
Lieben bedeutet auch, ein Risiko einzugehen
Wer sich wirklich für einen anderen Menschen öffne, mache sich verletzlich. Es lasse sich nicht verhindern, dass Vertrauen enttäuscht werde und Beziehungen Schmerz mit sich brächten. Dennoch sei dieses Risiko notwendig.
Um „nicht in der Egozentrik alleine zu bleiben“, müsse der Mensch bereit sein, sich auf andere einzulassen. Wer nur diejenigen zulasse, die den eigenen Vorstellungen entsprächen, schütze sich vielleicht vor Enttäuschungen, bleibe aber letztlich in seiner eigenen Welt gefangen.
Oster stellte deshalb auch die unbequeme Frage, ob es authentische Liebe ohne Leid geben könne. Seine Antwort war deutlich: Lieben lernen bedeute auch, leiden zu lernen. Seit der Mensch sich von Gott entfernt habe, sei Liebe nicht mehr ohne Weiteres möglich. Sie verlange, etwas von sich selbst loszulassen, auf den eigenen Vorteil zu verzichten und sich dem anderen zuzuwenden.
Das Kreuz stehe deshalb nicht außerhalb der christlichen Liebe, sondern gehöre zu ihrem innersten Geheimnis. In Jesus zeige sich eine Liebe, die sich nicht zurückziehe, wenn es schwierig werde, sondern sich hingebe. Diese Hingabe sei kein Selbstzweck und keine Aufforderung, sich schädigen zu lassen. Sie verweise vielmehr auf die Freiheit, den anderen nicht zum eigenen Besitz zu machen und trotz des Risikos offen zu bleiben.
Zuhören lernen
Wie kann diese Liebe im Alltag konkret werden? Eine wesentliche Antwort des Bischofs lautete: durch echtes Zuhören. Dem anderen wirklich zuzuhören bedeute mehr, als seine Worte aufzunehmen. Es bedeute, bei ihm zu sein, mitzudenken und verstehen zu wollen, was ihn bewege. Dazu gehöre auch Demut – die Bereitschaft, nicht sofort zu urteilen, nicht gleich eine Antwort parat zu haben und nicht jedes Gespräch auf die eigenen Gedanken zurückzuführen. Liebe sehe dabei nicht nur, wer ein Mensch heute sei, sondern auch, was in ihm noch wachsen könne. Sie richte den Blick auf sein Potenzial und traue ihm Entwicklung zu. Auch Gott begegne uns auf diese Weise: Er sehe nicht nur unsere Fehler und Grenzen, sondern ebenso das, was durch seine Liebe in uns möglich werden könne.
Eine Viertelstunde täglich: Du und dein Gott
Damit diese Haltung wachsen könne, brauche es eine lebendige Beziehung zu Gott. Bischof Oster ermutigte deshalb zu Treue im Gebet. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen täglich Stunden mit digitalen Medien verbrächten, lohne es sich, bewusst Zeit für Gott freizuhalten.
„Eine Viertelstunde täglich: Du und dein Gott – das wär schon gut“, empfahl der Bischof.
Es gehe dabei nicht darum, möglichst viele Worte zu sprechen oder im Gebet sofort besondere Erfahrungen zu erwarten. Entscheidend sei, dazubleiben und Gott immer wieder zu begegnen. Ein schlichtes Gebet könne bereits der Anfang sein: Herr, hilf mir, dir wirklich zu begegnen. Berühre mein Herz und lehre mich, aus deiner Liebe heraus zu leben. Durch diese Treue könne nach und nach innerer Friede wachsen. Das Gebet, so Bischof Oster, werde zu einem Ort, an dem der Mensch sich von Gott anschauen, berühren und verändern lasse.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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