Ein Papst für alle? Warum das Petrusamt auch in der Ökumene unverzichtbar bleibt
Das Petrusamt bleibt zentral für die Einheit der Christen: Warum der Papst auch in der Ökumene unverzichtbar ist und neu gedacht wird.

Beim Katholikentag wurde unter dem Titel „Ein Papst für alle! Der Bischof von Rom als Sprecher der Christenheit“ über die Zukunft des Papstamtes in der Ökumene diskutiert. Anlass war das vatikanische Studiendokument Der Bischof von Rom. Primat und Synodalität in den ökumenischen Dialogen und in den Antworten auf die Enzyklika Ut unum sint, das vom Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen veröffentlicht und von Papst Franziskus zur Publikation freigegeben wurde. Obwohl es sich ausdrücklich nicht um ein Lehrdokument handelt, markiert der Text einen wichtigen Schritt im ökumenischen Gespräch zwischen der katholischen Kirche und anderen christlichen Gemeinschaften.
Einheit braucht ein sichtbares Zentrum
Das Dokument greift einen Impuls Johannes Pauls II. aus dem Jahr 1995 auf. In seiner Enzyklika Ut unum sint hatte er andere Kirchen eingeladen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie das Petrusamt künftig so ausgeübt werden könne, dass es als Dienst an der Einheit aller Christen verstanden wird. Das neue Studiendokument bündelt dazu jahrzehntelange ökumenische Dialoge mit orthodoxen, anglikanischen und protestantischen Kirchen.
Besonders Gerhard Feige, Vorsitzender der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, machte während der Diskussion deutlich: Die Frage nach dem Papstamt ist keine Nebensache, sondern berührt den Kern der Einheit der Christen. Die Kirche Jesu Christi ist nicht bloß eine lose Gemeinschaft verschiedener Traditionen, sondern eine sichtbar verfasste Einheit im Glauben. Gerade deshalb besitzt das Petrusamt eine bleibende Bedeutung. Der Papst ist nicht nur Verwaltungschef der katholischen Kirche, sondern Nachfolger des Apostels Petrus und damit sichtbares Zeichen der Einheit.
Das Studiendokument Der Bischof von Rom versucht daher, zwischen dem unveränderlichen Wesen des Papstamtes und seiner geschichtlichen Ausübung zu unterscheiden. Diese Differenzierung ist entscheidend. Denn die Kirche kann über Formen und konkrete Ausgestaltungen sprechen, ohne den göttlichen Auftrag des Petrusdienstes preiszugeben.
Bischof Feige betonte ausdrücklich, dass die katholische Kirche keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichten wolle. Zugleich müsse sie offen dafür sein, wie das Papstamt künftig stärker als Dienst an der Einheit verstanden und gelebt werden könne.
Primat und Unfehlbarkeit in neuer Relektüre
Ein zentrales Thema des Studiendokuments war die Lehre des Ersten Vatikanischen Konzils über Primat und Unfehlbarkeit des Papstes. Dabei ging es nicht darum, diese Lehren infrage zu stellen, sondern ihre historische Entwicklung stärker zu berücksichtigen und sie im Licht heutiger ökumenischer Herausforderungen verständlich zu machen. Gerade hierin liegt eine Chance: Viele orthodoxe und protestantische Christen verbinden mit dem Papsttum vor allem die Vorstellung uneingeschränkter Macht. Das Studiendokument versucht dagegen zu zeigen, dass das Papstamt ursprünglich als Dienst an der Einheit der Kirche verstanden wurde.
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Für die katholische Kirche bleibt dabei unverzichtbar: Der Primat des Papstes ist nicht bloß eine historische Konstruktion, sondern gehört zur Verfassung der Kirche. Dennoch kann die konkrete Ausübung dieses Primats weiterentwickelt werden – etwa durch stärkere synodale Strukturen und regelmäßige Beratungen zwischen den Kirchen.
Immer wieder fiel während der Diskussion das Stichwort „Synodalität“. Besonders die orthodoxe Theologin Yauheniya Danilovich machte deutlich, dass viele orthodoxe Christen weniger an der Person des Papstes Anstoß nehmen als vielmehr an der Art und Weise, wie päpstliche Vollmacht ausgeübt wird. Aus orthodoxer Sicht steht ein zentralistisch verstandenes Papsttum der Einheit oft im Weg. Statt eines „Papstes über den Kirchen“ wünsche man sich einen „Papst im Dienst zwischen den Kirchen“.
Die Diskussion zeigt: Synodalität und Primat dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Gerade aus katholischer Sicht gehören beide zusammen. Eine Kirche ohne gemeinsame Leitung droht in nationale oder ideologische Einzelinteressen zu zerfallen. Die Erfahrungen vieler protestantischer Gemeinschaften zeigen, wie schwierig es ohne verbindliches Lehramt wird, dauerhaft mit einer Stimme zu sprechen. Das Studiendokument erinnert deshalb daran, dass echte Einheit nicht allein organisatorisch hergestellt werden kann. Sie ist letztlich Geschenk des Heiligen Geistes, verlangt aber zugleich den ernsthaften Einsatz der Christen.
Der Papst als Stimme der Christenheit
Der anglikanische Priester Christopher Easthill stellte eine entscheidende Frage: Braucht die Christenheit heute einen gemeinsamen Sprecher? Gerade angesichts globaler Krisen wird sichtbar, dass der Papst oft bereits eine moralische Stimme weit über die katholische Kirche hinaus ist. Ob bei Fragen von Krieg und Frieden, sozialer Gerechtigkeit oder der Bewahrung der Schöpfung – päpstliche Enzykliken und Stellungnahmen finden weltweit Gehör.
Darin liegt eine besondere Verantwortung des Bischofs von Rom. Denn in einer zunehmend orientierungslosen Welt braucht das Christentum sichtbare und glaubwürdige Zeugen. Die Autorität des Papstes kann dabei helfen, christliche Positionen öffentlich hörbar zu machen. Freilich bleibt die Frage der Legitimität. Andere Kirchen akzeptieren päpstliche Aussagen nicht automatisch als verbindlich. Dennoch zeigt sich: Selbst dort, wo man dem Papstamt kritisch gegenübersteht, wird die weltweite Stimme des Papstes oft wahrgenommen und geschätzt.
Die Diskussion machte deutlich: Wirkliche Ökumene kann niemals bedeuten, katholische Identität aufzugeben. Einheit entsteht nicht durch Verwässerung der Wahrheit, sondern durch gemeinsame Ausrichtung auf Christus. Gerade deshalb ist das neue Studiendokument bemerkenswert. Es versucht, Wege zu einer erneuerten Ausübung des Petrusdienstes zu eröffnen, ohne den katholischen Glauben preiszugeben. Der Papst soll nicht länger als Hindernis der Einheit erscheinen, sondern als ihr Diener. Ob dies gelingt, wird davon abhängen, ob die theologischen Impulse tatsächlich aufgegriffen werden – innerhalb der katholischen Kirche ebenso wie bei den ökumenischen Partnern.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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