Glauben

Fronleichnam: Wenn Christus mitten unter seinem Volk geht

Wenn an Fronleichnam die Monstranz durch die Straßen getragen wird, geht es um weit mehr als gelebte Tradition. Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi führt in das Herz des katholischen Glaubens: die Eucharistie als reale Gegenwart Jesu Christi.

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Andreas Nachbar
5 min Lesezeit
Fronleichnam: Wenn Christus mitten unter seinem Volk geht
(c) Jack Haijes

Fronleichnam, offiziell das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“, lädt dazu ein, neu über das größte Geheimnis des katholischen Glaubens nachzudenken. Wenn an Fronleichnam die Glocken läuten, Blumenteppiche die Straßen schmücken und Gläubige hinter der Monstranz durch Dörfer und Städte ziehen, erleben viele Menschen ein eindrucksvolles religiöses Schauspiel. Doch hinter den Prozessionen, Fahnen und Festlichkeiten verbirgt sich weit mehr als ein traditionsreiches Brauchtum. Fronleichnam führt in das Herz des katholischen Glaubens: das Geheimnis der Eucharistie.

Die Eucharistie – die reale Gegenwart Christi

Mit dem Hochfest des Leibes und Blutes Christi, besser bekannt als Fronleichnam, feiert die katholische Kirche weit mehr als eine bloße Erinnerung an Jesus Christus. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass Christus auch heute in der Eucharistie lebendig gegenwärtig ist. Kaum eine Glaubenswahrheit unterscheidet die katholische Kirche so deutlich von vielen anderen christlichen Gemeinschaften wie ihr Verständnis der Eucharistie.

Nach katholischer Lehre sind Brot und Wein nach den Wandlungsworten in der Heiligen Messe nicht lediglich Symbole oder Erinnerungszeichen. Vielmehr werden sie zum Leib und Blut Christi. Beim Letzten Abendmahl sagt er nicht: „Dies bedeutet meinen Leib“, sondern: „Das ist mein Leib.“ Ebenso sagt er über den Kelch: „Das ist mein Blut.“ Diese Wirklichkeit beschreibt die Kirche mit dem Begriff der „Transsubstantiation“.

Der Begriff stammt aus der aristotelischen Philosophie und wurde insbesondere durch den heiligen Thomas von Aquin für die Theologie fruchtbar gemacht. Dabei wird zwischen „Substanz“ und „Akzidenzien“ unterschieden. Die Substanz bezeichnet das eigentliche Wesen einer Sache – ihr tiefstes Sein. Die Akzidenzien hingegen sind jene Eigenschaften, die mit den Sinnen wahrgenommen werden können, etwa Aussehen, Geschmack oder Geruch.

Bei der Wandlung verändert sich die Substanz von Brot und Wein: Sie werden zu Leib und Blut Christi. Diese Umwandlung geschieht durch die Konsekration. Durch die Worte Christi und die Kraft des Heiligen Geistes werden Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Die äußeren Eigenschaften bleiben jedoch unverändert. Für die Gläubigen vollzieht sich hier ein Geheimnis des Glaubens, das sich dem bloßen menschlichen Verstehen entzieht.

Verborgen und doch nah

Diese Glaubenshaltung fordert Vertrauen. Bereits im Johannesevangelium stößt die Rede Jesu vom „Brot des Lebens“ bei vielen seiner Zuhörer auf Unverständnis. In der Synagoge von Kafarnaum erklärt Jesus: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“ Viele seiner Jünger wenden sich daraufhin von ihm ab. Dennoch hält Jesus an seiner Aussage fest und fordert seine Zuhörer zu einem Vertrauen heraus, das über das Sichtbare hinausgeht.

Wichtig zu verstehen ist, dass die Wandlung keine Magie ist. Sie ist kein Zaubertrick, der durch mystische Rituale geschieht, sondern ein Handeln Christi selbst. Der Priester spricht die Worte der Wandlung und handelt dabei in persona Christi. Entscheidend ist: Die Wandlung geschieht kraft der Worte Christi und durch das Wirken des Heiligen Geistes; der Priester ist der Diener, der im Auftrag der Kirche diese Worte ausspricht.

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Der Glaube spielt dabei eine wesentliche Rolle. Er bedeutet nicht nur das Für-wahr-Halten bestimmter Aussagen, sondern eine bewusste und freie Zustimmung zu Gott. Neben dem Verstand ist auch das Herz angesprochen. Der französische Philosoph Blaise Pascal brachte dies mit den bekannten Worten zum Ausdruck: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“

Für viele Menschen der Gegenwart mag die Realpräsenz schwer nachvollziehbar erscheinen. Das Christentum lebt jedoch seit seinen Anfängen aus der Überzeugung, dass Gott den Menschen nahe sein will. In Jesus Christus wird Gott Mensch, nimmt Fleisch und Blut an und bleibt nach seiner Himmelfahrt auf sakramentale Weise gegenwärtig. Die Eucharistie ist daher eine besondere Form dieser bleibenden Nähe Gottes zu den Menschen.

Warum Christus auf die Straße getragen wird

Gerade deshalb beschränkt sich Fronleichnam nicht auf die Feier innerhalb der Kirchenmauern. Nach der Heiligen Messe wird die konsekrierte Hostie in einer Monstranz unter einem Himmel (Baldachin) durch die Straßen getragen. Die vier Altäre, an denen auf dem Weg der Prozession Station gemacht wird, stehen symbolisch für die vier Himmelsrichtungen, in die der eucharistische Segen erteilt wird. Dadurch wird deutlich, dass Christus nicht nur im Gotteshaus gegenwärtig sein will. Christus umfasst die ganze Welt mit seiner Liebe. Er begleitet die Menschen auf ihren Wegen, in ihren Häusern, Familien, Sorgen und Hoffnungen. Die Prozession macht etwas von großer Bedeutung sichtbar: Gott geht mit seinem Volk.

Wer die Monstranz betrachtet, erkennt einen Teil des Wesens Gottes. In der Hostie erscheint Christus nicht in Macht und Herrlichkeit. Er kommt klein, unscheinbar und verletzlich. Gerade darin liegt eine Botschaft für die von Gewalt, Krieg und Hass geprägte Gegenwart. Die Eucharistie offenbart einen Gott, der sich verschenkt. Er zwingt niemanden, sondern lädt ein. Er herrscht nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe.

Papst Benedikt XVI. sprach deshalb von einer „Revolution Gottes“. Das Kreuz zeigt den Gott, der Gewalt nicht durch Gewalt ersetzt, sondern, wie Benedikt formulierte, „an die Stelle der Gewalt das Mit-Leiden und das Mit-Lieben gesetzt hat“. In der Eucharistie zeigt sich eine Macht, die nicht zerstört, sondern aufbaut; nicht unterwirft, sondern dient.

Wer Christus empfängt, wird eingeladen, selbst eucharistisch zu leben: dankbar, hingabebereit und offen für die Nöte anderer Menschen. Die Verehrung der Eucharistie bleibt unvollständig, wenn sie nicht zu gelebter Nächstenliebe führt.


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Redakteur / Autor bei GodMag.

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