Geschaffen aus Liebe: Warum wir sie uns nicht verdienen müssen
Zum Auftakt des Adoratio-Kongresses in der Basilika St. Anna fragte Tobias Haberl, warum echte Liebe sich nicht verdienen lässt – und was das für unser Menschenbild bedeutet.

Mit einer Betrachtung der Sehnsucht nach Liebe, der Grenzen menschlicher Selbstoptimierung und des christlichen Verständnisses von Freiheit und Nächstenliebe ist der Adoratio-Kongress in der Basilika St. Anna eröffnet worden. Der Autor und Journalist Tobias Haberl stellte dabei eine grundlegende Frage: Was verstehen wir eigentlich unter Liebe – und können wir sie überhaupt verstehen, wenn wir Gott aus ihr ausschließen?
Bischof Oster: „Wir haben den gefunden, auf den wir gewartet haben“
Mehr als 1.800 Gläubige versammelten sich zum Auftakt des Kongresses in der Basilika St. Anna. Bischof Stefan Oster begrüßte die Teilnehmer gemeinsam mit der Organisatorin Ingrid Wagner und dem Moderationsteam Elli Regnet und Sebastian Raber. Dank der medialen Übertragungen könnten insgesamt nahezu 500.000 Menschen erreicht werden, freute sich der Passauer Bischof über das große Interesse an der eucharistischen Anbetung.
Oster blickte mit großer Vorfreude auf die gemeinsamen Tage. Für ihn ist der Adoratio-Kongress nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern vor allem eine Gelegenheit, den Glauben miteinander zu teilen und Christus näherzukommen. Dabei verwies er auf eine seiner Lieblingsstellen aus dem Johannesevangelium: Jesus wendet sich den ersten Jüngern mit der Frage zu: „Was sucht ihr?“ Die Jünger antworten mit einer Gegenfrage: „Rabbi, wo wohnst du?“ Jesus lädt sie ein, mit ihm zu kommen. Sie bleiben bei ihm und erkennen schließlich, wem sie begegnet sind.
Für Bischof Oster liegt darin eine wesentliche Erfahrung des Glaubens: Im Bleiben bei Jesus kann etwas im Menschen in Bewegung geraten. Aus der Begegnung mit Christus erwächst die Erkenntnis: Wir haben den gefunden, auf den wir gewartet haben.
Die Sehnsucht nach Liebe in einer erschöpften Gesellschaft
Den inhaltlichen Auftakt gestaltete Tobias Haberl mit seinem Vortrag „Geschaffen aus Liebe“. Ausgehend von der Literatur des amerikanischen Schriftstellers Raymond Carver und dessen Erzählband „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ richtete Haberl den Blick auf die Gefährdung menschlicher Beziehungen. Einsamkeit, Entfremdung, Gewalt und zerbrechende Bindungen prägen viele Erfahrungen unserer Zeit. Gleichzeitig ist die Liebe allgegenwärtig: In Fernsehsendungen, Zeitungen und sozialen Medien wird über sie gesprochen, während Psychologie und Philosophie versuchen, ihr Wesen zu entschlüsseln.
Doch trotz dieser ständigen Beschäftigung bleibt die Liebe schwer zu fassen. Haberl machte deutlich, dass die Sehnsucht nach Verbundenheit keineswegs verschwunden ist. Vielmehr wächst sie in einer Welt, in der Menschen ständig miteinander kommunizieren können und sich dennoch einsam fühlen. Die von ihm angeführten Zahlen – etwa zur Einsamkeit trotz permanenter Vernetzung und zum Vertrauen junger Menschen in künstliche Intelligenz – veranschaulichten diese Entwicklung. Sie führen zu einer grundsätzlichen Frage: Verstehen wir möglicherweise schon die Liebe selbst falsch?
Was sich nicht erzwingen lässt
Ein zentraler Gedanke des Vortrags war, dass die großen menschlichen Güter unverfügbar sind. Freundschaft, Freiheit, Vertrauen und Liebe lassen sich nicht einfach herstellen, erzwingen oder kaufen. Sie sind weder auf Knopfdruck verfügbar noch durch bloße Anstrengung garantiert. Wer versucht, sie vollständig unter Kontrolle zu bringen, erreicht häufig das Gegenteil dessen, wonach er sich sehnt.
Gerade das fällt dem modernen Menschen schwer. Wir sind es gewohnt, Ziele zu definieren, Leistungen zu messen und Ergebnisse zu optimieren. Was sich nicht planen und kontrollieren lässt, löst schnell Frustration und Ohnmacht aus. Die Vorstellung, alles selbst in der Hand haben zu müssen, führt Haberl zufolge in eine Sackgasse. Um die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten, versuchen Menschen, auch Beziehungen nach den Maßstäben von Leistung und Nutzen zu gestalten. Liebe wird dann zu etwas, das man sich verdienen muss – durch Attraktivität, Bildung, beruflichen Erfolg, gesellschaftlichen Status oder Einkommen.
Zwei Irrtümer über die Liebe
Diese Vorstellung ist einer der beiden Irrtümer, die Haberl aufzeigte. Viele Menschen erleben sich als unvollkommen und hoffen, durch die Zuwendung eines anderen endlich vollständig zu werden. Dahinter steht die Vorstellung, erst dann liebenswert zu sein, wenn man bestimmte Erwartungen erfüllt.
Eine konsumorientierte Gesellschaft verstärkt diesen Eindruck. Sie vermittelt, dass Menschen an sich arbeiten, sich verbessern und sich im Wettbewerb behaupten müssen, um Anerkennung zu erhalten. Wo familiäre Bindungen, kirchliche Gemeinschaften und andere tragende Beziehungen schwächer werden, wächst der Druck, sich seinen Platz in der Gesellschaft immer wieder neu erkämpfen zu müssen.
Doch wer Liebe mit Leistung verwechselt, gerät in einen Wettbewerb, den er letztlich nicht gewinnen kann. Denn kein Mensch kann durch Erfolg allein sicherstellen, dass er geliebt wird.
Der zweite Irrtum liegt in einem absoluten Verständnis von Liebe: Wer mich liebt, müsse alles an mir gutheißen. Wer mir widerspricht, könne mich nicht wirklich lieben. Eine solche Haltung erschwert den Dialog und verschärft gesellschaftliche Konflikte. Statt miteinander ins Gespräch zu kommen, würden Menschen einander zunehmend in gegnerische Lager einordnen.
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Echte Liebe bedeutet jedoch nicht, jede Meinung und jedes Verhalten gutzuheißen. Sie ermöglicht vielmehr, dem anderen auch dort mit Achtung zu begegnen, wo Unterschiede bestehen und Auseinandersetzungen notwendig sind. Liebe muss den Menschen sehen, ohne deshalb jede seiner Entscheidungen für richtig zu erklären.
Die unbequeme Frage nach dem Wert jedes Lebens
Besonders eindringlich wurde Haberl, als er die gesellschaftlichen Maßstäbe für Menschlichkeit hinterfragte. Mit Blick auf die Paralympischen Spiele, bei denen die Leistungen von Menschen mit Behinderung gefeiert werden, stellte er die Frage, wie sich diese Anerkennung mit einer Statistik vereinbaren lasse, der zufolge neun von zehn ungeborenen Kindern mit Trisomie 21 abgetrieben werden.
Auf der einen Seite bewundere man Menschen, die trotz körperlicher Einschränkungen Außergewöhnliches leisten. Auf der anderen Seite werde Kindern mit einer Behinderung häufig schon vor ihrer Geburt die Möglichkeit genommen, überhaupt am Leben teilzunehmen.
Für Haberl berühren diese Beispiele eine grundlegende Frage: Ist die Würde eines Menschen an seine Fähigkeiten, seine Gesundheit oder seine gesellschaftliche Anerkennung gebunden? Oder besitzt jeder Mensch einen Wert, der nicht von Leistung und Nutzen abhängt?
Aus christlicher Sicht ist die Antwort eindeutig. Der Mensch muss sich seinen Wert nicht erarbeiten. Er ist von Gott gewollt und geliebt – nicht erst dann, wenn er bestimmte Erwartungen erfüllt.
Die Revolution der Feindesliebe
Den Höhepunkt seines Vortrags bildete Haberls Blick auf eine der anspruchsvollsten Forderungen Jesu: die Liebe zu den Feinden. Es sei eine der revolutionärsten Ideen des Christentums, dass Jesus nicht nur die Liebe zu Freunden und Menschen, die uns nahestehen, fordere. Christen seien ausdrücklich dazu aufgerufen, auch denen mit Liebe zu begegnen, die ihnen feindlich gegenüberstehen. Jesus habe diese Forderung nicht nur verkündet, sondern selbst gelebt.
„Es ist diese Feindesliebe, die Jesus Christus als revolutionäre Idee in unsere Welt gebracht hat“, betonte Haberl. Gerade in einer Zeit, in der sich Nationen, politische Gruppen und gesellschaftliche Lager zunehmend feindselig gegenüberstünden, erscheine dieser Anspruch beinahe ungeheuerlich. Schon im Alltag falle es mitunter schwer, Verwandte, Kollegen oder Menschen mit gegensätzlichen Ansichten anzunehmen. Wie viel schwieriger sei es dann, Menschen zu lieben, die einem bewusst schaden wollten?
Doch die Feindesliebe ist kein nebensächlicher Zusatz zur christlichen Botschaft. Sie zeigt vielmehr, wie radikal Jesu Verständnis von Liebe ist. Gott liebt nicht nur die Unterdrückten, sondern auch die Unterdrücker, weil auch sie seine Kinder sind. Damit wird Unrecht keineswegs gutgeheißen. Vielmehr wird dem Menschen selbst dann noch Würde zugesprochen, wenn sein Handeln verwerflich ist.
Lieben heißt, ohne Garantie zu vertrauen
Haberl schloss seinen Appell mit einer Zusammenfassung. Gottes Liebe ist ein Geschenk, doch sie verlangt eine Antwort. Sie kann nicht verdient werden, fordert jedoch Treue. Sie lässt sich nicht erzwingen, verlangt aber die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen.
Christliche Liebe bedeutet, sich freiwillig auf Gottes Willen auszurichten und ihm zu vertrauen, auch wenn sich nicht jede Konsequenz im Voraus absichern lässt. Wer lieben will, muss bereit sein, sich zu verschenken, ohne eine Garantie auf Erfolg oder Gegenleistung zu erhalten.
Darin liegt die Herausforderung, aber auch die Hoffnung der christlichen Botschaft. Liebe ist kein Besitz, den man einmal erworben hat und anschließend sicher verwahren kann. Sie muss gelebt, eingeübt und immer wieder neu empfangen werden.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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