„Gott und Mensch: eine Liebesgeschichte“ – oder doch nicht?
Liebt Gott den Menschen wirklich bedingungslos? Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz geht dieser Frage auf den Grund und entfaltet ein tiefes Bild göttlicher Liebe.

„Gott liebt uns. Stimmt das?“ Mit dieser provokanten Frage eröffnete die Religionsphilosophin Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ihren Vortrag beim Adoratio-Kongress. Schon der Titel ihrer Überlegungen – „Gott und Mensch: eine Liebesgeschichte“ – lasse offen, ob diese Aussage mit einem Fragezeichen oder einem Ausrufezeichen enden sollte. Denn die Liebe Gottes sei keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern eine Botschaft, deren Tragweite erst neu entdeckt werden müsse. Ist die Geschichte zwischen Gott und Mensch also tatsächlich eine Liebesgeschichte – und was macht diese Liebe so besonders?
Die ungewöhnliche Botschaft von der Liebe Gottes
Gerl-Falkovitz stellte zunächst die biblische Vorstellung von einem Gott, der den Menschen liebt, anderen religiösen Gottesbildern gegenüber. In vielen Religionen sei das Verhältnis zu den Göttern vor allem von Angst geprägt. Die Menschen fühlten sich schuldig, fürchteten die göttliche Macht und suchten nach Wegen, sich deren Wohlwollen zu sichern. Ein von ihr angeführtes antikes Zeugnis verdeutlichte diese Erfahrung: Wohin sollte man fliehen, bei welchen Göttern Zuflucht suchen, wenn von ihnen keine Hilfe zu erwarten war?
Die Vorstellung, dass Gott den Menschen aus freien Stücken liebt, sei daher etwas Besonderes. „Es ist fast nur die Bibel, die von der Liebe Gottes spricht“, betonte die Referentin. In der biblischen Geschichte entdecke ein Volk, das nicht länger blind bleiben müsse, allmählich das Vertrauen in einen Gott, der nicht zuerst Angst auslöse, sondern Beziehung ermögliche.
Auch wenn sich das religiöse Denken in den vergangenen Jahrhunderten verändert habe, sei noch nicht wirklich verstanden worden, aus welcher Tiefe die Botschaft Christi komme. Deshalb stellte Gerl-Falkovitz die entscheidende Frage erneut: Wie kommen wir überhaupt zu der Behauptung, dass Gott uns liebt?
Von der begehrenden Liebe zur selbstlosen Hingabe
Um die verschiedenen Dimensionen der Liebe zu erschließen, nahm die Religionsphilosophin das Hohelied der Bibel in den Blick. Es spreche von einer leidenschaftlichen, sinnlichen Liebe, die sich im Verlangen nach Nähe, im Kuss und in der Freude aneinander ausdrücke. Diese Liebe könne berauschend und beglückend sein. Sie zeige sich auch im Wunsch, sich dem Geliebten zu präsentieren, schön zu sein und seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Doch sei das bereits das Wesen der Liebe? Und liebe Gott den Menschen auf diese Weise? Gerl-Falkovitz machte deutlich, dass unser Verständnis von Liebe von vielen Vorstellungen und Erfahrungen überlagert sei. Liebe könne nicht auf das heitere, beschwingte Gefühl des Verliebtseins reduziert werden. Sie könne vielmehr eine Tiefe erreichen, die sich gerade im Schmerz und in der Hingabe zeige.
Hier führte die Referentin zur Agape, der selbstlosen, sich verschenkenden Liebe. Das Hohelied erzähle von einer Frau, die sich auf die Suche nach ihrem Geliebten mache, über Hügel gehe und ihn selbst dann nicht aufgebe, als sie missverstanden und zurückgewiesen werde. Ihre Liebe lasse sie nicht zur Ruhe kommen. Sie sei bereit, alles zu riskieren, und könne sich nicht einfach von ihrem Geliebten lösen.
Die Liebe sei damit nicht nur Freude und Erfüllung, sondern auch Sehnsucht, Verwundbarkeit und Schmerz. Gerl-Falkovitz veranschaulichte dies mit dem Bitteren, das zu einer guten Verbindung dazugehören könne: Wie ein Amaretto, der gerade durch seine bittere Note seinen besonderen Charakter erhalte, sei auch die Liebe nicht ohne ihre schmerzhaften Seiten zu verstehen.
Daraus ergab sich eine weitere, existenzielle Frage: Darf ich lieben? Darf ich Grenzen überschreiten, mich auf die Suche machen und mich dorthin wagen, wo ich eigentlich nicht sein sollte? Die Liebe setze sich in Bewegung, sie lasse sich nicht vollständig absichern und mache den Liebenden verwundbar.
Gott ist Agape: die Liebe, die mitleidet
Was bedeutet diese Form der Liebe für das Verhältnis zwischen Gott und Mensch? Gerl-Falkovitz wagte eine zugespitzte Aussage: Gott ist Agape. Gott sei nicht einfach derjenige, der von oben herab Liebe schenke, ohne selbst davon berührt zu werden. Vielmehr leide er mit den Menschen und trage ihren Schmerz mit.
Am Kreuz werde sichtbar, wie weit diese Liebe gehe. Gott gebe seinen Sohn in eine Welt hinein, in der dieser missverstanden, abgelehnt und schließlich getötet werde. Die Hingabe Christi sei kein leichtes oder folgenloses Geschehen. Sie führe mitten hinein in die menschliche Schuld und in die Abgründe des Bösen.
Warum aber musste dieser Weg so weit gehen? Hätte Gott es sich nicht einfacher machen können? Warum musste er seinen Sohn dem Leiden und dem Tod ausliefern?
Gerl-Falkovitz lenkte den Blick auf Golgota: Dort werde deutlich, was die Liebe Gottes tatsächlich koste. Die Hingabe des Sohnes sei nicht bloß ein symbolisches Zeichen, sondern ein Geschehen, in dem Gott sich selbst den Folgen menschlicher Schuld aussetze. Die Größe dieser Liebe liege gerade darin, dass Gott den Menschen nicht aus sicherer Entfernung begegne, sondern in dessen Wirklichkeit eintrete.
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Das Lamm Gottes trägt die Schuld der Welt
Im Zentrum des Vortrags stand die Gestalt Christi als Lamm Gottes. Das Kreuz sei das Lösegeld für den Menschen: Christus steige in das Böse hinab und nehme die Sünde auf sich. Paulus bringe dieses Geheimnis auf die zugespitzte Formel, dass Christus für uns zur Sünde geworden sei.
Gerl-Falkovitz veranschaulichte diesen Gedanken mit einem Bild: Mit schmutzigem Wasser könne man Schmutziges nicht reinigen. Wer versuche, Schmutz mit weiterem Schmutz zu beseitigen, vermehre ihn nur. Sauberes Wasser dagegen nehme den Schmutz auf und werde selbst schmutzig. Darin liege etwas vom Drama der göttlichen Liebe: Christus lasse sich von der Schuld der Welt berühren und trage sie, statt sie einfach an die Menschen zurückzugeben.
Das Lamm Gottes lasse die Sünde gewissermaßen auf sich eindringen. Es wehre sich nicht mit neuer Anklage und beantworte das Böse nicht mit Bösem. In dieser Hingabe werde die Liebe Gottes sichtbar, die den Menschen nicht auf seine Schuld reduziere.
Damit kehrte Gerl-Falkovitz zur Ausgangsfrage zurück: Liebt Gott uns wirklich? Die Antwort erschließe sich im Blick Jesu. In diesem Blick liege keine Anklage, die den Menschen zunächst verurteile und anschließend unter Vorbehalt Vergebung anbiete. Es sei vielmehr ein Blick, der den Menschen kenne und dennoch nicht aufhöre, ihn zu lieben. Er sage nicht: „Ich liebe dich, aber …“ Die Liebe Gottes sei in diesem Sinne uferlos. Der Mensch müsse sich vor ihr nicht verteidigen.
Dieser Blick könne auch das letzte Gericht erhellen: Nicht eine bloße Abrechnung stehe im Mittelpunkt, sondern die Wahrheit einer Liebe, die den Menschen ganz sehe und ihn zugleich nicht preisgebe.
Petrus und die schmerzhafte Erkenntnis der Liebe
Dass diese Erkenntnis nicht folgenlos bleibe, zeigte Gerl-Falkovitz am Beispiel des Petrus. Die Begegnung mit der Liebe Christi könne einen Schmerz hervorrufen, der tiefer reiche als jede äußere Strafe: den Schmerz darüber, diese Liebe nicht verstanden, ihr nicht vertraut oder sie selbst verraten zu haben.
In diesem Zusammenhang erinnerte sie an Petrus, der nach der Überlieferung nicht auf dieselbe Weise wie sein Herr gekreuzigt werden wollte und kopfüber gekreuzigt wurde. Das Beispiel verdeutlichte die Spannung zwischen menschlicher Schwäche und der Sehnsucht, Christus nachzufolgen.
Das Kreuz sei aber nicht das letzte Wort. Die Auferstehung verwandle den Blick auf das Leiden und den Tod. Christus komme mit seinen Wunden, und gerade dadurch werde sichtbar, dass die Liebe stärker sei als das Böse.
„Er befreit das Fleisch durch das Fleisch“
Ein weiterer zentraler Gedanke des Vortrags war, dass Christus das Fleisch durch das Fleisch befreie. Das Fleisch sei sowohl der Ort des Leidens und der Sünde als auch der Ort der Liebe. Gerade dort, wo der Mensch verletzlich sei, könne sich die Liebe verwirklichen.
Christus habe die menschliche Wirklichkeit nicht umgangen, sondern sie vollständig angenommen. Er sei im Fleisch gekreuzigt worden und im Fleisch auferstanden. Darin unterscheide sich die christliche Hoffnung von der bloßen Vorstellung eines Weiterlebens der Seele: Das Christentum bekenne die Auferstehung des Leibes.
Auch die Wunden gehörten zu dieser Hoffnung. Der Auferstandene erscheine nicht als einer, dessen Geschichte ausgelöscht worden sei. Er komme mit seinen Wunden. Was ihm angetan worden sei, werde nicht ungeschehen gemacht; doch die Wunden leuchteten.
Gerl-Falkovitz formulierte diese Hoffnung mit großer Klarheit: „Wir gehen nicht auf ein Ende zu. Wir gehen auf die Vollendung zu, das Leben, die Herrlichkeit, die Schönheit.“
Ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch also eine Liebesgeschichte? Ja – eine Liebe, die den Menschen selbst in seiner Schuld und Verletzlichkeit nicht aufgibt.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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