Glauben

„Kein triumphales Glaubenszeugnis“: Erzbischof Koch über Kirche und Glauben in Deutschland

Was würde ein Papstbesuch in Berlin bewirken? Erzbischof Koch denkt über Glaubensferne, Familie und ein zeitgemäßes Glaubenszeugnis nach.

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Andreas Nachbar
4 min Lesezeit
„Kein triumphales Glaubenszeugnis“: Erzbischof Koch über Kirche und Glauben in Deutschland
(c) Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic

Große Menschenmengen, volle Gottesdienste, sichtbare Begeisterung: Die Bilder von der Papstreise nach Frankreich haben Erzbischof Heiner Koch nachdenklich gemacht. Während dort Zehntausende gemeinsam ihren Glauben feiern, stellt sich für den Berliner Erzbischof eine Frage: Was würde geschehen, wenn der Papst nach Berlin käme? In seiner Predigt im Rahmen einer Messfeier zur Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz blickt er auf die Situation des Glaubens in Deutschland und spricht von einer nötigen „Erstevangelisierung“.

Was würde ein Papstbesuch in Berlin auslösen?

Der große Andrang der Gläubigen zur Papstmesse in Frankreich begeisterte Erzbischof Koch, brachte ihn aber auch zum Nachdenken. „Solche großen und großartigen Gottesdienste haben wir in Deutschland zum letzten Mal beim Weltjugendtag 2005 gefeiert“, erinnert er sich. Koch gehörte damals zu den Hauptorganisatoren des Großereignisses. Die Unterschiede zur Situation in Frankreich seien offensichtlich. Dennoch stellt er eine durchaus unbequeme Frage: Wie viele Menschen würden in Berlin tatsächlich mit dem Papst die Eucharistie feiern – und wie viele würden gegen seinen Besuch demonstrieren?

Damit erinnert er an den Besuch von Papst Johannes Paul II. vor 20 Jahren, bei dem es ebenfalls Proteste gegeben hatte. Doch gerade die Distanz vieler Menschen zur Kirche könnte aus Kochs Sicht ein Grund für einen Besuch sein. Eine Reise des Papstes nach Berlin könne dazu beitragen, „die Frage nach Gott in dieser unserer Gesellschaft wachzuhalten und immer wieder neu zu stellen“.

Damit verbindet Koch einen grundsätzlicheren Blick auf die Situation der Kirche in Deutschland. Besonders im Osten, aber längst nicht nur dort, gebe es viele Menschen, die bislang überhaupt keinen persönlichen Kontakt zum christlichen Glauben oder zur katholischen Kirche hatten. Für sie gehe es daher nicht um eine Rückkehr zu etwas Vertrautem, sondern um einen erstmaligen Zugang. Koch spricht deshalb bewusst nicht nur von „Neuevangelisierung“, sondern von „Erstevangelisierung“.

Die Herausforderung bestehe darin, Wege zu finden, mit Menschen im eigenen Umfeld überhaupt wieder in Kontakt zu kommen. Kirche und Christen müssten so von ihrem Glauben und ihrem Leben Zeugnis geben, „dass auch über unser Leben und über unseren Glauben der Funke des Geistes Gottes auf sie überspringen würde“.

Drei Gründe für die Entfremdung

Für Koch hat die wachsende Distanz vieler Menschen zum christlichen Glauben mehrere Ursachen. Eine zentrale Rolle spielt für ihn die Familie. Sie falle für viele Menschen inzwischen als Ort aus, an dem Glaube erlebt und weitergegeben werde. In manchen Familien liege der letzte Kontakt zum kirchlichen Leben bereits Generationen zurück – selbst dann, wenn einzelne Familienmitglieder getauft seien. Für Berlin nennt Koch eine konkrete Zahl: Nur 35 Prozent der Kinder aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil katholisch ist, würden getauft. Diese Entwicklung sei langfristig „erheblich bedrohlicher als viele kirchliche Problemfelder und -fragen“.

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Zugleich spiele Gott im Alltag vieler Menschen schlicht keine Rolle mehr. Stattdessen sei der Mensch selbst als prägende Kraft dieser Welt allgegenwärtig – mit seiner Fähigkeit, Großes zu schaffen, aber auch zu zerstören, Kriege zu führen und die eigene Lebensgrundlage zu gefährden. „Ich sehe keinen Gott. Für ihn gibt es da keinen Platz mehr“, beschreibt Koch die Haltung, die dahinterstehen könne.

Eine weitere Herausforderung sieht der Erzbischof in der Frage nach Gott angesichts des Leids. Besonders schwer wiege dabei das Leid, für das kein Mensch verantwortlich gemacht werden könne. Wie könne man angesichts von Krankheit, Katastrophen und unschuldigem Elend noch an einen guten Gott glauben? Koch erinnert sich an einen Atheisten, der ihn bei einer Podiumsdiskussion genau damit konfrontierte: „Wer kann da noch beten: Wer nur den lieben Gott lässt walten?“ Für Koch gehört diese Frage zu den großen Herausforderungen, denen sich der christliche Glaube heute stellen muss.

Ehrfurcht vor der „Unbegreiflichkeit Gottes“

Zum Abschluss richtet Koch den Blick auf die Haltung, mit der Christen selbst von ihrem Glauben sprechen sollten. Er mahnt seine Mitbrüder zu „Ehrfurcht vor der Unbegreiflichkeit Gottes“. Auch theologisches Wissen habe seine Grenzen: „Auch mit unserem geschulten Umgang mit theologischen Begriffen können wir die Wirklichkeit Gottes nicht begreifen.“

Gerade darin könnte nach Ansicht des Erzbischofs jedoch ein zeitgemäßes Glaubenszeugnis liegen. Christen müssten nicht auf jede Frage eine fertige Antwort geben können. Entscheidend sei vielmehr, trotz eigener Zweifel und Unsicherheiten an Gott festzuhalten und sich von ihm getragen zu wissen.

„Vielleicht ist dies das Glaubenszeugnis, das wir als Christen heute vor der Welt ablegen können und dürfen“, sagt Koch. Es sei kein selbstsicheres Auftreten mit einfachen Antworten, sondern ein Glaube, der auch die eigene Begrenztheit aushält. „Sicher ist dies kein triumphales Glaubenszeugnis“, räumt der Erzbischof ein – vielleicht aber gerade deshalb „in unseren Tagen umso glaubwürdiger“.


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Redakteur / Autor bei GodMag.

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