Nächstenliebe nicht bloße Wohlfahrt – einander in Demut begegnen
Mit Bildern vom Meer, vom Kreuz als „Richtschnur der Schifffahrt“ und vom Herzen Jesu als Quelle der Versöhnung hat Papst Leo XIV. auf Gran Canaria zu Solidarität, Demut und gelebter Nächstenliebe aufgerufen. Christliche Hilfe dürfe sich nicht auf bloße Wohlfahrt beschränken, betonte er vor Zehntausenden Gläubigen.

Mit symbolischen Bildern aus der Welt der Seefahrt hat Papst Leo XIV. die Gläubigen auf Gran Canaria dazu ermutigt, den Herausforderungen des Lebens mit Vertrauen auf Christus zu begegnen. Bei Begegnungen mit Migranten, Seelsorgenden und rund 50.000 Gläubigen betonte er die Bedeutung von Nächstenliebe, christlicher Solidarität und Demut. Die Kirche müsse den Menschen nicht nur beim Überleben helfen, sondern ihnen auch neue Hoffnung und Perspektiven für ein würdevolles Leben eröffnen, sagte das Kirchenoberhaupt während seines Besuchs auf der Kanareninsel.
„Das Kreuz Christi als Richtschnur der Schifffahrt“
Am Abend stand die Vorabendmesse zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu auf dem Programm, doch zuvor hatte Papst Leo XIV. in einem Hafen von Gran Canaria Migranten und Bootsflüchtlinge getroffen und in bewegenden Worten an ihre unveräußerliche Menschenwürde erinnert. Bei seiner anschließenden Begegnung mit Seelsorgenden in der Kathedrale Sant’Anna standen dagegen vor allem spirituelle Impulse im Mittelpunkt.
Ausgangspunkt seiner Ansprache war das Meer, das für die Kanarischen Inseln prägend ist. Es trage den „Geschmack von Heimat und Zuhause“, zugleich aber auch die „Sehnsucht nach Weite“ sowie die Erfahrung von Trennung und Distanz, sagte der Papst. Mit Bezug auf den heiligen Augustinus erinnerte er an das Bild vom „Meer der Welt“, das den Menschen von Gott trenne. Christus jedoch habe „ein Holz bereitet, durch das wir das Meer überschreiten könnten“.
Daraus leitete Leo XIV. eine zentrale Botschaft für das christliche Leben ab. Die „erste Richtschnur der Schifffahrt“ bestehe darin, „das Kreuz Christi anzunehmen“. Die Anwesenden verwirklichten dies bereits täglich, indem sie Menschen begleiteten und ihnen helfen würden, „die Lasten zu tragen, die ihnen durch die Dramen des Lebens auferlegt wurden“.
Zugleich warb der Papst für eine eucharistische Spiritualität, die sich konkret in gelebter Solidarität ausdrücke. Die Vereinigung mit Christus sei immer auch eine Vereinigung mit den Mitmenschen, betonte er. Deshalb ermutigte er die Seelsorgenden, die empfangene Liebe Gottes weiterzugeben – „in der Aufnahme, im Zuhören, in der Nähe und in der Fürsorge für die Schwächsten“.
Botschaft der Liebe und des Friedens
Ein Höhepunkt seines Besuchs war die Feier der Vorabendmesse zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu im Stadion von Gran Canaria. In seiner Predigt stellte der Papst das Heiligste Herz Jesu als Quelle der Versöhnung und Hoffnung in den Mittelpunkt. Ausgehend von dessen traditioneller Darstellung mit Dornenkrone und brennender Flamme rief er die Gläubigen dazu auf, sich von der Liebe Christi verwandeln zu lassen: „Lasst uns, entflammt von der Liebe seines Herzens, zu Boten seiner Barmherzigkeit und seines Friedens werden, damit die Kriege in der Welt aufhören.“
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Das Herz Jesu sei das „Antlitz Gottes, der stets verliebt ist“, sagte Leo XIV. Es lehre die Menschen „eine neue Art zu leben und miteinander umzugehen“ und eröffne einen neuen Maßstab für Entscheidungen und das Zusammenleben in der Gemeinschaft.
Mit Blick auf das Evangelium forderte der Papst dazu auf, die grenzenlose Liebe Gottes im Alltag konkret werden zu lassen – besonders im Dienst an Bedürftigen, Schutzlosen und jenen, „die nichts zurückgeben können“. Zugleich würdigte er die Hilfsbereitschaft der Menschen auf Gran Canaria. Aufnahme, Teilen und selbstloses Geben würden hier beispielhaft gelebt, sagte er und dankte den Gläubigen der Insel für ihr Engagement.
Hoffnung statt Abschottung
Zugleich mahnte Leo XIV., christliche Nächstenliebe dürfe sich nicht auf bloße Hilfe zum Überleben beschränken. Die Liebe Christi befähige Menschen vielmehr dazu, neues Vertrauen zu gewinnen und ihren Lebensweg fortzusetzen, sodass sie „in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit zum Wohl aller wachsen und sich voll entfalten“ könnten.
Unter Verweis auf die Lesungen und die unentgeltliche Liebe Gottes griff der Papst Gedanken aus dem Schreiben „Fratelli tutti“ seines Vorgängers, Papst Franziskus, auf. Nächstenliebe dürfe nicht bei Wohltätigkeit stehen bleiben, sondern müsse Menschen dazu befähigen, sich geistig, intellektuell und körperlich zu entfalten und ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Nur so könnten selbst schmerzhafte Erfahrungen zu Gelegenheiten werden, „Samen der Hoffnung“ für eine bessere Zukunft auszusäen.
Mit Nachdruck warnte Leo XIV. anschließend auch vor Selbstbezogenheit, Abschottung und der Fixierung auf materiellen Wohlstand. Wahre Freude erwachse nicht aus Überlegenheit, sondern aus der Liebe. Deshalb müsse man von den „Podesten der Arroganz“ herabsteigen und einander in Demut begegnen, die Menschen zu Brüdern und Schwestern mache.
Zum Abschluss schlug der Papst einen Bogen zu seiner augustinischen Spiritualität. Mit einem Zitat des heiligen Augustinus erinnerte er daran: „Wo Liebe ist, da ist Friede, und wo Demut ist, da ist Liebe.“ Echte Demut führe zur Liebe, und Liebe wiederum sei die Grundlage für Frieden. Nur wer demütig sei, könne dem anderen in Wahrheit begegnen, vergeben und Gemeinschaft stiften, sagte Leo XIV.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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