Perfekt unperfekt – Gott liebt die gebrochene Liebe
Muss unsere Liebe perfekt sein, damit Gott durch uns wirken kann? Pater Klaus Einsle LC gibt beim Adoratio-Kongress eine überraschende Antwort.

Wie kann ein Mensch Gott begegnen, wenn seine Liebe unvollkommen ist? Mit dieser Frage beschäftigte sich Pater Klaus Einsle LC bei seinem Vortrag zum Thema „Gebrochene Liebe“ beim Adoratio-Kongress. Ausgehend von der Schöpfungserzählung im Buch Genesis entfaltete er eine Botschaft, die den christlichen Glauben in seinem Kern berührt: Gott erwartet nicht das Perfekte. Er sucht uns gerade dort auf, wo wir unvollendet sind und unsere Liebe gebrochen ist.
Die Liebe als Ursprung der Schöpfung
Der Plan Gottes, so Pater Einsle, sei einfach. Oder? Um den Plan Gottes für den Menschen zu verstehen, müsse man zunächst auf Gott selbst schauen. Im Zentrum stehe das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit: Gott ist nicht Einsamkeit, sondern Beziehung und Liebe. Der Vater liebt den Sohn, der Sohn empfängt die Liebe des Vaters und schenkt sie ihm in vollkommener Hingabe zurück. Aus dieser ewigen Liebesgemeinschaft geht der Heilige Geist hervor.
Der Mensch ist nach christlichem Verständnis als Abbild Gottes geschaffen. Er ist deshalb dazu berufen, an dieser göttlichen Liebe teilzuhaben. Gottes ursprünglicher Plan sei es gewesen, dass der Mensch von seiner Liebe erfüllt werde, sie empfange und an andere weitergebe. Zur Erklärung richtet Einsle seinen Blick auf die Heilige Schrift.
Die Bibel beschreibt das Paradies als einen Garten der Freude und Fülle. Adam und Eva sollten in einer ungetrübten Beziehung zu Gott, zueinander und zur Schöpfung leben. Die Liebe sollte sie erfüllen und durch die Generationen hindurch weitergegeben werden.
Doch dieser Plan setzt Freiheit voraus. Denn wirkliche Liebe kann nicht erzwungen werden. Sie kann angenommen und erwidert oder zurückgewiesen werden. Gerade weil Gott den Menschen liebt, lässt er ihm die Möglichkeit, sich gegen diese Liebe zu entscheiden.
Vier Brüche – eine verwundete Welt
Was geschieht, wenn der Mensch sich von Gott abwendet? Die Schöpfungserzählung von Adam und Eva beschreibt nach Einsles Auslegung die grundlegenden Brüche, die seither das menschliche Leben prägen.
Der erste Bruch betrifft das Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Nachdem Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen haben, erkennen sie, dass sie nackt sind, und beginnen, sich zu fürchten. Was zuvor selbstverständlich und unbefangen war, wird plötzlich von Scham und Angst begleitet. Der Mensch verliert die innere Unbefangenheit und beginnt, sich selbst als mangelhaft und bedroht wahrzunehmen.
Der zweite Bruch entsteht in der Beziehung zu Gott. Als Gott durch den Garten geht, fürchtet sich Adam und versteckt sich. Aus Nähe wird Distanz.
Der dritte Bruch betrifft die Beziehung zu den Mitmenschen. Adam schiebt die Verantwortung auf Eva, Eva verweist auf die Schlange. An die Stelle gegenseitigen Vertrauens tritt die Suche nach Schuldigen. Der Mensch versucht, sich selbst zu schützen, indem er andere verantwortlich macht.
Schließlich zerbricht auch die ursprüngliche Harmonie zwischen Mensch und Schöpfung. Die Erde wird zum Ort von Mühsal, Widerstand und Vergänglichkeit. Das Leben ist nicht mehr nur von Fülle und Freude geprägt, sondern auch von Anstrengung und Leid.
Wir, betonte Pater Einsle, werden in eine bereits verwundete Welt hineingeboren. Die katholische Theologie spricht davon, dass der Mensch gebrochen, aber nicht zerbrochen sei. Dies, so Einsle, sei ein großer Unterschied, denn das Gebrochene könne – im Gegensatz zum Zerbrochenen – geheilt werden.
Gott sucht den Menschen
Aber wie heilt Gott diese Gebrochenheit? Gott überlässt den Menschen seiner Verwundung nicht. Er geht ihm nach. In der Erzählung vom Sündenfall sucht Gott Adam und Eva und spricht sie an. Er wartet nicht darauf, dass sie von selbst aus ihrem Versteck hervorkommen. Er folgt seinem Volk.
Darin liegt eine zentrale Botschaft des Vortrags: Gottes Liebe hängt nicht von der menschlichen Perfektion ab. Er liebt den Menschen nicht erst dann, wenn dieser alle Fehler überwunden, alle Zweifel besiegt und sein Leben geordnet hat. Er liebt ihn auch in seiner Gebrochenheit.
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Diese Perspektive ziehe sich durch das ganze Evangelium, hebt Einsle hervor. Jesus sucht die Sünder, begegnet den Ausgegrenzten und wendet sich Menschen zu, deren Leben von Schuld und Verwundungen geprägt ist. Kein Scheitern muss zum endgültigen Grund werden, sich von Gott fernzuhalten. Nicht die Vollkommenheit unserer Liebe steht am Anfang der Beziehung zu Gott, sondern seine Liebe zu uns.
Die Falle des geistlichen Perfektionismus
Besonders eindringlich warnte Einsle vor dem Perfektionismus. Wer perfektionistisch auf sich selbst schaue, richte den Blick vor allem auf das, was noch fehlt. Er sehe nicht mehr, was bereits gelungen ist, sondern konzentriere sich auf die unerfüllten Erwartungen. Doch Gott, so die Botschaft des Vortrags, ist kein Perfektionist. Er ist die Liebe. Er erkennt, was bereits geschehen ist, mag es auch nicht perfekt sein.
Deshalb sieht Gott auch den kleinen, unvollkommenen Versuch, ihm zu begegnen. Wenn man den Rosenkranz betet und dabei mit den Gedanken abschweift, liebt Gott den Versuch. Wer sich bemüht, einem anderen Menschen mit Geduld zu begegnen, obwohl ihm das schwerfällt, darf darauf vertrauen, dass Gott auch diesen Versuch sieht. Entscheidend ist nicht, dass alles fehlerfrei gelingt, sondern dass der Mensch sich Gott öffnet und sich immer wieder auf die Liebe einlässt.
Das, warnte Einsle, bedeute nicht, dass Fehler und Sünden bedeutungslos wären. Es bedeutet vielmehr, dass sie nicht das letzte Wort haben. Gottes Barmherzigkeit ist größer als das menschliche Versagen. Wer nur auf seine Defizite schaut, läuft Gefahr, gerade jene Liebe zu übersehen, aus der heraus Veränderung überhaupt erst möglich wird.
Jesus liebt die gebrochene Liebe – und heilt sie
Gottes Liebe nimmt den Menschen an, wie er ist. Doch sie lässt ihn nicht einfach in seinem Zustand. Jesus liebt die gebrochene Liebe und will sie zugleich heilen.
Diese Heilung beginnt mit der Begegnung mit Christus. Gott kommt dem Menschen nahe, indem er selbst das menschliche Leiden annimmt. In Jesus Christus wird die göttliche Liebe sichtbar, die sich nicht vor den Wunden der Menschen zurückzieht, sondern sie berührt und schließlich am Kreuz selbst verwundbar wird.
Das Kreuz offenbart eine Liebe, die sich verschenkt, ohne auf eine Gegenleistung zu warten. Christus nimmt das Leiden der Menschen auf sich und eröffnet ihnen einen Weg zur Versöhnung. Seine Liebe will den Menschen aus Schuld, Angst und innerer Zerrissenheit herausführen.
Die Wunde als Weg zum Herzen Gottes
Ein besonders prägnantes Bild, das Pater Einsle zeichnete, ist die Wunde als Zugang zum Herzen. Aus einer Wunde fließt das Blut, das aus dem Herzen kommt. Damit werde die Wunde zum direktesten Weg zum Herzen.
Weiter betonte Pater Einsle: Nicht der Mensch muss zuerst eine vollkommene Liebe hervorbringen, um Gott nahekommen zu dürfen. Er darf sich von Gottes Liebe beschenken lassen. Aus dieser Erfahrung kann allmählich eine neue Fähigkeit erwachsen, sich selbst und andere mit größerer Geduld anzunehmen.
Die Liebe beginnt im Alltag
Diese Botschaft bleibt jedoch nicht bei sich stehen. Die Liebe muss konkret werden – und sie beginnt beim Nächsten. Niemand muss Mutter Teresa oder Pater Pio nachahmen, um ein Leben in christlicher Liebe zu führen. Heilige können Vorbilder sein, doch der Maßstab bleibt Jesus Christus. Seine Liebe zeigte sich nicht nur in den großen Momenten seines öffentlichen Wirkens, sondern auch in den alltäglichen Begegnungen: darin, Menschen wahrzunehmen, ihnen zuzuhören, sich ihnen zuzuwenden und ihnen Zeit zu schenken.
Jeder Mensch kann lieben, auch wenn seine Möglichkeiten begrenzt sind. Manchmal besteht Liebe darin, einem Angehörigen geduldig zuzuhören, eine ungeliebte Aufgabe zu übernehmen, um Vergebung zu bitten oder einem Menschen beizustehen, der gerade keine Gegenleistung bieten kann.
Es geht darum, das zu geben, was man geben kann – aber es auch tatsächlich zu geben. Die eigene Liebe darf klein und unvollkommen sein. Sie soll jedoch konkret werden.
Vielleicht, so lässt sich die Botschaft des Vortrags zusammenfassen, muss unsere Liebe nicht perfekt sein, damit Gott durch uns wirken kann. Sie muss sich ihm öffnen und den nächsten konkreten Schritt wagen. Denn Gott wartet nicht auf den perfekten Menschen. Er liebt ihn gerade in seiner Gebrochenheit.
Über Andreas Nachbar
Redakteur / Autor bei GodMag.
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