Angesichts der eskalierenden Lage im Iran hat der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin einen „Präventivkrieg“ scharf verurteilt und eine „schwindende Anerkennung des internationalen Rechts“ als „besorgniserregend“ bezeichnet. Parolin kritisierte damit indirekt die fortlaufenden militärischen Operationen, bei denen die Vereinigten Staaten und Israel den Iran angegriffen haben und auf die Teheran mit Angriffen auf mehrere Länder in der Region reagierte.
Heiliger Stuhl mahnt zur Diplomatie und warnt vor Eskalation
Am Samstag führten die Vereinigten Staaten und Israel eine militärische Operation gegen den Iran durch. Als Reaktion griff der Iran daraufhin zahlreiche weitere Länder in der Region an, wobei die Ziele in Zusammenhang mit den USA und Israel standen. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin kommentierte die Lage mit Bezug auf das Angelusgebet vom vergangenen Sonntag: Die Worte von Papst Leo XIV. machten die Situation mehr als deutlich. Beim Mittagsgebet hatte der Pontifex vor einer „Tragödie von enormen Ausmaßen“ und dem Risiko eines „irreparablen Abgrunds“ gewarnt.
Er sei der Ansicht, „dass Frieden und Sicherheit durch die Möglichkeiten gepflegt und verfolgt werden müssen, die die Diplomatie bietet“, so Parolin. Mit Blick auf die Ursachen eines Krieges betonte der Kardinalstaatssekretär, dass es „komplex zu bestimmen“ sei, „wer recht und wer unrecht“ habe. Sicher sei jedoch, dass er immer Opfer und Zerstörung hervorbringen werde, warnte er eindringlich. Aus diesem Grund ruft der Heilige Stuhl zur Notwendigkeit auf, sämtliche diplomatischen Mittel auszuschöpfen, um Konflikte zwischen Staaten friedlich zu lösen. Dies, so der Kardinal Parolin gegenüber Vatican News, sei auch in der Charta der Vereinten Nationen festgehalten. Ein „Rückgriff auf Gewalt“ sei demnach „nur als letzte und äußerst schwerwiegende Instanz“ zu betrachten.
Kardinal Parolin warnt vor Präventivkrieg
Weiter warnte der Kardinalstaatssekretär eindringlich vor den Folgen eines Präventivkriegs ohne überstaatliche Rechtsgrundlage. Würden Staaten das Recht eingeräumt, eigenmächtig militärisch vorzubeugen, „könnte die ganze Welt in Flammen stehen“, so Parolin. Er kritisierte die schwindende Achtung des internationalen Rechts: Gewalt trete an die Stelle der Gerechtigkeit, und die Macht des Stärkeren ersetze das Recht, mit der gefährlichen Überzeugung, Frieden könne erst entstehen, nachdem der Gegner vernichtet sei.
Parolin erinnerte daran, dass die Charta der Vereinten Nationen ursprünglich klare Regeln zur Konfliktregelung festgelegt habe. Heute jedoch scheinen diese Bemühungen ins Leere zu laufen. Wie Papst Leo XIV. zu Beginn des Jahres vor dem Diplomatischen Corps betont habe, werde eine Diplomatie des Dialogs zunehmend von einer „Diplomatie der Stärke“ ersetzt, die auf Macht einzelner Staaten oder Bündnisse setzt, in der irrigen Annahme, Frieden lasse sich mit Waffen erzwingen.
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin übte Kritik an der selektiven Anwendung des Völkerrechts. Ohne Einzelheiten zu nennen, erklärte er, dass sich Staaten oft „je nach eigenen Interessen“ auf internationale Regeln beriefen. Dadurch entstehe der Eindruck, dass manche Rechtsverletzungen sanktioniert würden, während andere toleriert blieben – zivile Opfer würden teilweise beklagt, andere hingegen als „Kollateralschäden“ hingenommen.
„Unsere Völker verlangen Frieden“
Vor diesem Hintergrund erinnerte er an die Bedeutung des internationalen humanitären Rechts, „dessen Einhaltung nicht von Rahmenbedingungen oder militärischen und strategischen Interessen abhängen darf“. Der Heilige Stuhl, so Parolin eindringlich, verurteile jede Form der „Einbeziehung von Zivilpersonen und zivilen Einrichtungen wie Wohnhäusern, Schulen, Krankenhäusern und Kultstätten – in militärische Operationen“.
Christen schöpfen ihre Hoffnung aus dem Vertrauen auf den menschgewordenen Gott, der im Garten Getsemani Petrus aufforderte, das Schwert zu senken, und der am Kreuz selbst die Schrecken blinder Gewalt erlebte, so Parolin. Hoffnung gebe es auch, weil trotz Kriegen, Zerstörungen und globaler Unsicherheit weltweit weiterhin Stimmen für Frieden und Gerechtigkeit laut werden. „Unsere Völker verlangen Frieden“, betont der Heilige Stuhl. Dieser Appell richte sich an Regierungen und alle Akteure der internationalen Politik und solle sie dazu bewegen, ihre Anstrengungen für den Frieden zu verstärken.
