Bei seinem Besuch in Neapel hat Papst Leo XIV. zu mehr menschlicher und gesellschaftlicher Fürsorge aufgerufen. Vor Bischöfen, Priestern und Ordensleuten sprach der Pontifex im Dom der süditalienischen Metropole über soziale Verwahrlosung, pastorale Überforderung und die Verantwortung der Kirche in einer von Gegensätzen geprägten Stadt. Zugleich würdigte er die Herzlichkeit und Lebensfreude der Neapolitaner trotz vieler sozialer Probleme.
Papst kritisiert Vernachlässigung
Nach seinem Besuch im Marienwallfahrtsort Heiligtum Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz ist Papst Leo XIV. am Freitag nach Neapel weitergereist. Der Besuch fiel zugleich auf den ersten Jahrestag seiner Wahl zum Papst am 8. Mai. Vor dem Treffen mit dem Klerus vor dem Dom der Stadt zeigte sich Leo XIV. sichtlich bewegt vom Empfang der Menschen. „Ich bin nach Neapel gekommen, um diese Herzlichkeit zu finden, die nur Neapel zu bieten hat“, sagte der Pontifex und dankte den Gläubigen für den enthusiastischen Empfang. Die Begegnung sei zwar „sehr kurz, aber sehr bedeutungsvoll“.
In seiner Ansprache würdigte der Papst anschließend besonders die Haltung der Neapolitaner, die sich trotz sozialer und wirtschaftlicher Belastungen ihre Lebensfreude bewahrt hätten. Diese Freude sei eine besondere Stärke der Stadt, von der er sich während seines Besuchs gerne „anstecken lassen“ wolle, erklärte Leo XIV. Während des Treffens im Dom spendete der Papst den anwesenden Gläubigen den Segen mit der kleinen Ampulle, die das bereits verflüssigte Blut des Stadtpatrons San Gennaro enthält.
Notwendigkeit der inneren Fürsorge
Im Anschluss schlug der Pontifex den Bogen von der biblischen Erzählung der Emmaus-Jünger zur Gegenwart vieler Menschen und Seelsorger. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stand dabei das Wort „Cura“ – Fürsorge. Leo XIV. beschrieb dabei eine weit verbreitete Stimmung der Entmutigung: Viele Gläubige und kirchliche Mitarbeiter gingen heute „mutlos und enttäuscht“ ihren Weg und hätten Schwierigkeiten, „die Zeichen der Zeit“ zu erkennen. Dem stellte er das Bild Jesu entgegen, der den Menschen nahe bleibe, sie begleite und ihre Sorgen teile.
Deutliche Worte fand er für das Gegenteil von Fürsorge – die Vernachlässigung. Diese werde nicht nur sichtbar „in den Straßen, auf den Plätzen und in den Randgebieten“ der Städte, sondern vor allem dort, wo die Würde des Menschen missachtet werde. Zugleich warnte der Papst davor, nur auf äußere Missstände zu blicken. Ebenso notwendig sei eine „innere Fürsorge“, sagte er mit Blick auf Priester und Ordensleute. Gerade die Verantwortlichen in der Kirche müssten auf ihre eigene Menschlichkeit und auf tragfähige Beziehungen achten, da die Last des pastoralen Dienstes heute vielfach schwerer wiege als früher.
„Geschwisterlichkeit“ statt kirchlichem Individualismus
Neapel beschrieb Leo XIV. als eine „Stadt der tausend Farben“, in der Tradition und Moderne aufeinandertreffen, zugleich aber auch soziale Spannungen und Gewalt das Leben vieler Menschen prägen. Gerade in diesem Spannungsfeld müsse die Kirche das Evangelium glaubwürdig verkörpern, sagte der Papst. Der Glaube dürfe nicht auf ein bloß emotionales Erlebnis reduziert werden, sondern müsse „das soziale Gefüge“ der Gesellschaft durchdringen. Weiter zeigte er im Verlauf seiner Ansprache Verständnis für die Sorgen vieler Seelsorger, die sich angesichts gesellschaftlicher Veränderungen zunehmend ohnmächtig fühlten. Viele litten darunter, dass ihre Sprache und ihre pastoralen Angebote junge Menschen nicht mehr erreichten oder dass sie sich in einer „pastoralen Einsamkeit“ isoliert erlebten.
Als Antwort darauf forderte der Pontifex eine „doppelte Heilung“: Zum einen brauche es eine Vertiefung des geistlichen Lebens durch Gebet, zum anderen eine stärkere geschwisterliche Gemeinschaft innerhalb der Kirche. Zugleich warnte er vor wachsendem Individualismus. Stattdessen müsse die Kirche neue Formen des gemeinsamen Lebens und Arbeitens entwickeln. „Geschwisterlichkeit“ dürfe kein bloßes Schlagwort bleiben, sondern müsse ein tragender Bestandteil kirchlicher Identität sein, betonte Leo XIV. Dabei hob er ausdrücklich die Bedeutung aller Getauften hervor – insbesondere die Rolle von Laien und pastoralen Mitarbeitern im kirchlichen Alltag.
Mit Blick auf die zurückliegende Diözesansynode in Neapel rief Papst Leo XIV. dazu auf, den eingeschlagenen Weg des gegenseitigen Zuhörens fortzusetzen. Ziel müsse eine „Symphonie der Charismen“ sein, in der unterschiedliche Begabungen und Dienste innerhalb der Kirche zusammenwirkten. Hierfür benötige es einen Wandel im pastoralen Selbstverständnis. Die Kirche dürfe sich nicht auf eine „bewahrende Pastoral“ beschränken, sondern müsse stärker missionarisch handeln und die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen erreichen. Gerade in einer Stadt, die von Arbeitslosigkeit und „familiärer Zerbrechlichkeit“ geprägt sei, könne die Verkündigung des Evangeliums nicht von praktischer Solidarität getrennt werden, betonte Leo XIV.
