Der Prediger des Päpstlichen Hauses, Kapuzinerpater Roberto Pasolini, rückte bei der Fastenpredigt am Freitagmorgen die Brüderlichkeit in den Mittelpunkt seiner Ansprache. Diese, so der Fastenprediger, sei angesichts von Kriegen, Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung eine konkrete Aufgabe für Christen. Vor Papst Leo XIV., der sich mit der römischen Kurie in der Audienzhalle versammelte, warnte Pasolini davor, echte Brüderlichkeit nur als fernes Ideal zu verstehen und Konflikten nicht auszuweichen. In diesem Zusammenhang fordere das Evangelium, das Gute im anderen zu suchen und in ihm einen vom Herrn geliebten Bruder zu erkennen.
Brüderlichkeit beginnt im Alltag
Kapuzinerpater Roberto Pasolini stellte zu Beginn seiner Meditation den Bezug zur aktuellen Situation her. Über kulturelle und gesellschaftliche Grenzen hinweg sehnten sich viele Menschen nach einer versöhnten Gemeinschaft, sagte er. Gerade angesichts von Konflikten und zunehmender Polarisierung dürfe Brüderlichkeit jedoch nicht als bloßes Ideal verstanden werden. Christen seien vielmehr dazu aufgerufen, andere Menschen sowohl als Geschenk anzunehmen als auch als eine ernsthafte und dringliche Verantwortung zu begreifen.
Zugleich betonte der Prediger, dass diese Herausforderung nicht nur auf politischer oder kirchlicher Ebene liege. Sie beginne im Alltag – in Familien, am Arbeitsplatz, in Nachbarschaften und in kirchlichen Gemeinden. Dort entscheide sich, ob der Glaube tatsächlich Auswirkungen auf das konkrete Leben habe. Brüderlichkeit sei deshalb der Ort, an dem sich Umkehr bewähre und zugleich sichtbar werde, was das Evangelium im Leben der Menschen bewirken könne.
Wie schon vergangenen Freitag verwies Pasolini auf den heiligen Franz von Assisi und betonte, dass gemeinschaftliches Leben nicht automatisch Harmonie bedeute. Zur Brüderschaft erklärte er: „Sie ist nicht der Ort, an den man sich zurückzieht, um ruhig zu leben.“ Vielmehr sei sie ein Raum, „in dem jeder in die Tiefen seines Herzens zurückgeführt wird – mit all seinen Schatten und Widerständen.“ Gerade die Begegnung mit anderen Menschen spiele dabei eine entscheidende Rolle. Die Mitbrüder seien einander anvertraut, damit sich das eigene Leben verändern könne, sagte Pasolini. In ihrer Verschiedenheit und selbst in ihren Fehlern würden sie zu einem konkreten Ort, an dem Gott am Menschen wirke, Verhärtungen löse und ihn lehre, mit einem aufrichtigeren und liebesfähigeren Herzen zu leben.
Konflikte überwinden – das größtmögliche Gute im Blick
Zur Veranschaulichung griff der Prediger die biblische Geschichte von Kain und Abel auf. Sie zeige, wie schnell menschliche Beziehungen zerbrechen könnten. In jedem Menschen liege die Möglichkeit, sich innerlich zu verschließen und zuzulassen, „dass Groll zu Distanz wird und Distanz zu einer Form von Gewalt.“ Gewalt beginne dabei oft nicht erst mit sichtbaren Taten, sondern bereits mit Schweigen, verletzenden Worten oder Gleichgültigkeit. Vor diesem Hintergrund betonte Pasolini, dass echte Brüderlichkeit keine Frage moralischer Perfektion sei. Sie entstehe vielmehr dort, wo Menschen ihre eigenen „Schatten“ erkennen und die Vergebung annehmen, die Gott schenke. Wer erfahre, dass ihm selbst vergeben worden sei, lerne auch, „das Böse nicht zurückzugeben“, sagte der Prediger.
Pasolini unterstrich, wie wichtig es sei, Konflikten nicht auszuweichen, sondern immer wieder neu aufeinander zuzugehen. Das Evangelium lade in solchen Situationen nicht in erster Linie dazu ein, eigene Rechte zu verteidigen, betonte der Prediger. Vielmehr fordere es, „das größtmögliche und immer mögliche Gute zu suchen: jenes Gute, das erlaubt, im anderen nicht mehr einen Gegner oder Schuldner zu sehen, sondern einen vom Herrn geliebten Bruder.“
Die Auferstehung Christi eröffne dafür eine neue Perspektive, erklärte Pasolini. Sie nehme die Mühen des Zusammenlebens nicht weg, befreie aber von der Angst, dass diese Mühen sinnlos seien. „Deshalb können wir die Arbeit der Bruderschaft in einem neuen Stil angehen: mit Sanftmut, mit Respekt und mit dem Vertrauen, dass jede Geste wahrer brüderlicher Liebe – auch die verborgenste – bereits zum ewigen Leben gehört“, so der Fastenprediger.
