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Heiliges Land: Abt warnt vor „christlichem Disneyland“ – Zukunft der Christen in Gefahr

Der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem, Benediktinerpater Nikodemus Schnabel, schlägt Alarm: Die Präsenz und Zukunft des Christentums im Heiligen Land sei massiv bedroht. Vor dem Hilfswerk „Kirche in Not“ warnte er, das Heilige Land könne zu einem „christlichen Disneyland“ werden – mit erhaltenen heiligen Stätten, aber ohne lebendige einheimische Gemeinden. Angesichts wachsender Auswanderung, prekärer Lebensbedingungen vieler Christen und zunehmender Feindseligkeiten fordert er mehr Aufmerksamkeit und konkrete Unterstützung, damit christliches Leben in der Region bestehen bleibt.

Drei Gruppen – drei verschiedene Herausforderungen: Christen unter Druck

Mit Blick auf die lateinische Kirche, die innerhalb der christlichen Vielfalt im Heiligen Land eine Minderheit darstellt, beschreibt Abt Nikodemus drei zentrale Gruppen. Die größte davon seien Migranten und Asylsuchende – nach seinen Worten „mehr als 100.000 Menschen“. Viele kämen aus den Philippinen, Indien, Sri Lanka, aus afrikanischen Ländern, Osteuropa oder Lateinamerika und arbeiteten meist „in der Pflege, auf dem Bau oder in der Landwirtschaft“.

Ihre Lebensrealität bezeichnete Schnabel als dramatisch. Für zahlreiche christliche Arbeitsmigranten in Israel herrschten Bedingungen, „die einer modernen Form der Sklaverei ähneln“. Dazu zählten eingezogene Pässe, kaum Möglichkeiten, den Arbeitgeber zu wechseln, erzwungene Familientrennung und gesetzliche Regelungen, die besonders Frauen hart träfen. In der Praxis würden ausländische Arbeitnehmerinnen für Mutterschaft bestraft, so der Abt. „In den Augen des Systems kann die kriminellste Handlung darin bestehen, Ja zum Leben zu sagen“, sagte er mit Blick auf jene Frauen, die sich gegen eine Abtreibung entscheiden und damit riskieren, gemeinsam mit ihren Kindern in eine irreguläre Situation gedrängt zu werden.

Als zweite große Gruppe nennt Abt Nikodemus die arabischsprachigen palästinensischen Katholiken. Zu ihnen gehören Christen mit israelischer Staatsbürgerschaft ebenso wie die Einwohner Jerusalems, die über keine politischen Rechte verfügen. Auch die Gemeinden im Westjordanland seien betroffen – sie litten unter massiven Bewegungsbeschränkungen. Besonders prekär sei jedoch die Lage der Christen im Gazastreifen. Dort lebe die Gemeinschaft, so Schnabel, unter einer „doppelten Besatzung“: „Einerseits unter Krieg und Blockade, andererseits unter der Unterdrückung durch die Hamas.“ Für ihn zählt diese Gruppe zu den am stärksten gefährdeten Christen im Heiligen Land. Die dritte Gruppe, die der Dormitio-Abt hervorhebt, sind die hebräischsprachigen Katholiken. Es handle sich um eine kleine, aber wachsende Gemeinschaft, die meist aus gemischten Familien stamme und stark in die israelische Gesellschaft eingebunden sei. „Es ist ein neues Phänomen“, betonte Schnabel – und warf die Frage auf, was es bedeute, gleichzeitig Israeli und Katholik zu sein.

„Wir sind weder pro-israelisch noch pro-palästinensisch, sondern pro-Mensch“

Als zentrale Herausforderung beschreibt Abt Nikodemus den fortschreitenden Wegzug vieler Christen aus dem Heiligen Land. Zahlreiche Familien sähen für sich keine Zukunft mehr – ein Trend, der die Existenz der Gemeinden langfristig bedrohe. Um dem entgegenzuwirken, brauche es vor allem bezahlbaren Wohnraum und verlässliche Arbeitsmöglichkeiten. Ohne solche Perspektiven, so warnt der Abt, würden die christlichen Gemeinschaften „nach und nach verschwinden“.

Zudem machten viele Christen die Erfahrung, in beiden dominierenden politischen Narrativen – weder in der israelischen noch in der palästinensischen – wirklich dazuzugehören. „Sie haben oft das Gefühl, dass es keine Rolle spielt, ob sie da sind oder nicht“, erklärte Schnabel. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung betonte er daher die klare Haltung der Ortskirche: „Wir sind weder pro-israelisch noch pro-palästinensisch, sondern pro-Mensch.“

Trotz aller strukturellen Herausforderungen sieht Abt Nikodemus die christlichen Gemeinschaften zunehmend auch akut bedroht. Er berichtete von einer wachsenden Feindseligkeit, die vor allem von extremistischen jüdischen Gruppen ausgehe. Immer häufiger komme es zu Anspucken auf offener Straße, zu Vandalismus, Brandstiftungen, Schändungen und Hassgraffiti. Diese Vorfälle könne man „nicht länger als marginal abtun“, betonte er. Zugleich kritisierte Schnabel einzelne Vertreter der israelischen Regierung, die solche Haltungen „legitimiert oder zumindest begünstigt“ hätten.

Gleichzeitig machte er deutlich, dass dies nicht die Haltung der breiten jüdischen Bevölkerung widerspiegle. Es gebe – und das unterstrich er ausdrücklich – zahlreiche jüdische Initiativen, die sich schützend vor die christlichen Gemeinden stellten und Übergriffe klar verurteilten. Trotz ihrer geringen Zahl seien die Christen im Heiligen Land Träger eines einzigartigen Erbes, erinnerte Schnabel. „Es gibt keine Verkündigung ohne Nazareth, kein Weihnachten ohne Bethlehem, kein Ostern ohne Jerusalem.“ Und mit Blick auf die Zukunft appellierte er eindringlich: „Betet, dass es im Heiligen Land eine Zukunft für Christen gibt!“

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