In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen hat Papst Leo XIV. am Donnerstag im Vatikan betont, dass die Fähigkeit, andere Menschen aufzunehmen, das Herzstück christlicher Gemeinschaft sei. Bei einer Audienz für die Teilnehmer des IV. „Cattedra dell’accoglienza“ mahnte er, dass andere Menschen aufzunehmen zur DNA des Christentums gehöre. Dabei seien Präsenz, das aufmerksame Suchen nach dem Nächsten und das Anerkennen seiner Würde untrennbar miteinander verbunden.
Gastfreundschaft als Kern christlicher Gemeinschaft
Bei der Audienz vor Mitgliedern des Kongresses „Cattedra dell’accoglienza“ betonte Papst Leo, dass die christliche Berufung darauf abzielt, Gemeinschaft unter den Menschen zu fördern. Diese entstehe vor allem durch die Fähigkeit, andere willkommen zu heißen, zuzuhören und Hilfe anzubieten. Im Zentrum jeder echten Aufnahme stehe eine Beziehung, die aus der Gnade einer Begegnung hervorgeht. Begegnungen können vielfältig sein – mit Familie, Freunden, Kollegen oder sogar Fremden, die uns feindlich gegenüberstehen. Wird eine Begegnung authentisch gelebt, kann sie sich wandeln und andere mit einbeziehen, sodass daraus eine gemeinsame Erfahrung entsteht.
In diesem Zusammenhang rief Leo dazu auf, gezielt auf junge Menschen zuzugehen und ihre Anliegen ernst zu nehmen. „In einer Zeit tiefgreifender kultureller und sozialer Veränderungen sind junge Menschen nicht nur die Zukunft, sondern bereits die lebendige und schöpferische Gegenwart der Gesellschaft und der Kirche“, betonte er. Ihre Fragen und ihre Unruhe seien ein Anstoß, „den Stil unserer Beziehungen zu erneuern“.
Für den Papst bedeutet das, jungen Menschen zuzuhören, ihnen in die Augen zu schauen und anzuerkennen, dass „der Heilige Geist in ihrem Leben und in ihrer Sprache weiterhin wirkt und uns neue Wege der Präsenz und Fürsorge aufzeigt“. Darüber hinaus unterstrich er die Bedeutung von Präsenz im Leben anderer: Wer präsent ist, zeige Verantwortung und Aufmerksamkeit. Als Beispiel nannte er die hartnäckige Suche von Joseph und Maria nach dem zwölfjährigen Jesus, den sie schließlich im Tempel wiederfinden. Daraus folge: „Zur Präsenz gehört ein ständiges Suchen.“
Bewahren, was uns anvertraut ist – mit Präsenz und Fürsorge
Papst Leo XIV. verglich die Suche nach Gott im Glaubensleben mit der Erfahrung, dass Jesus plötzlich „nicht mehr dort“ zu sein scheint, wo man ihn zurückgelassen hat. Viele Menschen spürten dann ein Gefühl der Verlorenheit – doch „in Wirklichkeit hat er sich nicht verloren, sondern wir haben uns entfernt“, mahnte er. In solchen Momenten sei es Aufgabe der Gläubigen, Jesus vertrauensvoll zu suchen, „mit dem Mut, unbekannte Wege zu beschreiten und die Welt mit neuen, hoffnungsvollen Augen zu betrachten“. Dies bedeute, einen Gott nicht nach den eigenen Vorstellungen zu suchen, sondern ihm dort zu begegnen, „wo er wohnt“. Die Suche nach Jesus fordere dazu auf, von der Sicherheit der eigenen Überzeugungen zur Verantwortung der Begegnung überzugehen und eine Gegenwart Gottes anzuerkennen, die stets „jenseits“ liege.
Der Pontifex unterstrich, dass zur echten Aufnahme von Menschen nicht nur Präsenz, sondern auch Fürsorge gehöre. Fürsorge bedeute, „aufmerksam an der Seite eines Mitmenschen zu stehen, sich um ihn zu kümmern, aber auch seine Entscheidungen zu akzeptieren“, so der Papst. Als Vorbild nannte er den heiligen Joseph, der diese Haltung vorgelebt habe. Darüber hinaus betonte er, dass „die Menschheitsfamilie aufgerufen ist, das in Fürsorge zu bewahren, was ihr anvertraut wurde: Beziehungen, die Schöpfung, das Leben ihrer Schwestern und Brüder, insbesondere derer, die leiden und besonders schutzbedürftig sind“. Joseph zeige damit, dass Präsenz und Fürsorge untrennbar miteinander verbunden sind: „Man kann nicht bewahren, ohne da zu sein, und man kann nicht da sein, ohne Verantwortung für den anderen zu übernehmen.“
